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Zeit zum Leben

Die Stadtschreiberin Daniela Danz

Daniela Danz war die letzten drei Monate Tübinger Stadtschreiberin. Die Stadt ist für sie „ein Refugium“, ein Stück alte Bundesrepublik. Sie versteht das als Kompliment.

19.06.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Sie sitzt am offenen Fenster im Friedhofswärterhäuschen. Von draußen hört man die Blätter von Linden und Birken rauschen. Zum Schreibort ist das Häuschen für Daniela Danz nicht geworden. „Ich liebe die Tübinger Bibliotheken“, sagt die 35-Jährige. Besonders gern arbeitet sie im Brecht-Bau, auch ein paar Kindergeschichten seien dort entstanden.

Danz kennt Tübingen schon, seit sie hier Anfang der neunziger Jahre ein paar Semester Kunstgeschichte und Germanistik studierte. Fast 20 Jahre später findet sie: „In Tübingen verändert sich halt wenig. Das finde ich schön.“

Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen ist es, „einfach durch die Stadt zu schlendern“. Sie freute sich, sogar den Altbrotladen in der Froschgasse wieder vorzufinden. „Es geht auch kein Geschäft ein. Das ist noch alte Bundesrepublik, ein Refugium“, sagt Danz. „Bei uns in Ostdeutschland wechseln die Läden alle zwei Jahre die Besitzer.“ Mit ihrer Familie lebt die Autorin in Kranichfeld bei Weimar. Als Kunsthistorikerin inventarisiert sie Kunstschätze der Evangelischen Landeskirche in Thüringen und hat eben ihre Dissertation „Krankenhauskirchenbau in der Weimarer Republik“ abgeschlossen.

Tübingen ist für Danz vor allem die Stadt Friedrich Hölderlins. Mit Ahmad Schamlu (dem Wegbereiter der modernen iranischen Lyrik) und Peter Waterhouse ist Hölderlin bis heute der für sie wichtigste Dichter. Den großen Tübinger Lyrik-Kenner Paul Hoffmann hat sie als 19-jährige Studienanfängerin noch erlebt – nachdem sie „höflich angefragt“ hatte, ob sie als Erstsemester an seinen Oberseminaren im Hölderlinturm teilnehmen dürfe.

Ein Referenzort für ihre Gedichte und Prosatexte ist Tübingen dennoch nicht geworden. Für ihren Gedichtband „Pontus“ (2009) reiste Danz „in die ganzen Schwarzmeerländer“, nach Rumänien, in die Ukraine, auf die Krim. Sie wollte herausfinden, „wo die Grenze Europas ist“. Nach Westen sei die Grenze klar: das Meer. Aber nach Osten? Von solchen territorialen Zuordnungen hänge sehr viel ab: „Wo verlässt uns die Solidarität? In Griechenland? Beim EU-Beitritt der Türkei?“ Man könne Europa nur lieben, wenn man eine Idee davon habe, betont die Schriftstellerin. „Da muss man auch ungefähr wissen, wie sich das geografisch verhält.“ Sie hält nichts davon, Europa nur mit West-Europa gleichzusetzen. In den „Pontus“-Gedichten bezieht sie sich auf die griechische Mythologie: „Um die Grenzen Europas zu erkennen, muss man in die Geschichte gehen“, sagt Danz. Weil auch damals Imperien herrschten, die „eine Hegemonie der Zentren“ errichtet hatten.

Die Autorin selbst schaut lieber auf die Länder am Rand. Sie ist überzeugt, „dass man dort eher Antworten bekommen könnte, wie man einiges anders machen könnte.“ Anders als der kapitalistische Zwang zur „Maximierung und Optimierung“, auch bei sich selbst. „Die Leute im Osten, in Ostdeutschland und in Osteuropa, sind gebrochener. Sie haben eine Infragestellung aller Werte erlebt.“ Man warte dort viel, auch unfreiwillig. Danz vermutet, dass solche scheinbar verlorene Zeit „vielleicht genau die Zeit ist, die man zum Leben hat“. In ihrem nächsten Gedichtband soll es um Grenzziehungen gehen – und um neu aufgekommene Sicherheitsbedürfnisse. „Wo verlaufen in einer globalen Welt, wo alles offen ist, trotzdem Grenzen?“

Info: Daniela Danz liest heute Abend um 20.15 Uhr im Hölderlinturm.

Die Stadtschreiberin Daniela Danz
Stadtschreiberin Daniela Danz am Fenstertisch im Friedhofswärterhäuschen in der Gmelinstraße.

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19.06.2012, 12:00 Uhr

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