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Kommentar Flüchtlinge

Die Stärken der Unistadt nutzen

Auch das noch! Kaum hatte der städtische Gutachterausschuss seinen Mangelbericht über den chronisch überlasteten Tübinger Immobilienmarkt abgeliefert, platzte nun der Stuttgarter Finanzminister Nils Schmid mit der Nachricht heraus, dass er in den Mühlbachäckern eine Erstaufnahmestelle für 700 Flüchtlinge bauen will.

17.09.2014
  • Sepp Wais

Selbst im Rathaus, wo das Thema schon mal angesprochen, aber spätestens im August als erledigt angesehen wurde, rieb man sich verwundert die Augen. Eigentlich eine aparte Idee: ein Betonklotz für 700 Asylbewerber in unmittelbarer Nachbarschaft von Regierungspräsidium, Landratsamt, Polizei und Kreissparkasse, also mittendrin im Tübinger Regierungsviertel.

Man stelle sich das mal an der Spree vor! Die verdutzten Stadtplaner haben mit diesem Standort freilich ein ganz anderes Problem: Der raumgreifende Neubau würde die Entwicklung und verkehrliche Anbindung der südwestlich angrenzenden Neckaraue massiv behindern. Just dort – im sieben bis zehn Hektar großen Saiben – liegt das auf lange Sicht einzige und letzte Erweiterungsgebiet, das die Kernstadt zur Linderung ihrer drückenden Wohnungsnot überbauen könnte.

Was tun? Etwa ein kategorisches Nein gen Stuttgart schleudern? Das wäre rechtlich zwar durchaus möglich – aber politisch erbärmlich! Angesichts des schreienden Elends der unzähligen Flüchtlinge, die auf dem Land- und Seeweg ins gelobte Euroland den Tod riskieren, weil sie das Leben in ihrer Heimat nicht mehr aushalten, wird es doch hoffentlich niemand mehr übers Herz bringen, diese Leute von der Tür zu weisen. Welche Bilder ihnen wohl in den Sinn kämen, wenn man ihnen wie früher sagte, das Boot hier sei voll! Nein, eine Unistadt, die so viel auf ihre Weltoffenheit und ihren Weltethos hält, kann sich da nicht verweigern – es wäre unwürdig.

Wohl aber ist ihr die Frage erlaubt, wie sie denn am besten helfen könne. Ist es wirklich der Weisheit letzter Schluss, in Tübingen eine Sammelstelle zu bauen, in der es nur darum geht, die Flüchtlinge zu registrieren, medizinisch zu versorgen und mit einem sicheren Schlafplatz auszustatten – um sie einige Wochen später dann in die Landkreise zu verteilen? Das können andere Städte mit weiten Brachen und leeren Kasernen besser. Meßstetten zum Beispiel, wo das Land jetzt – bis der geplante Neubau in Tübingen steht – eine provisorische Aufnahmestelle in der Zollernalb-Kaserne einrichtet.

Tübingen hat andere Stärken, die das Land nutzen sollte. Im Gegensatz etwa zu Meßstetten, das sich diese Aufgabe nicht in gleichem Maße zutraut, ist die aufgeschlossene Unistadt mit ihren vielen sozialen Einrichtungen, ihrem breit gefächerten Bildungsangebot und hohen Bürgerengagement geradezu prädestiniert für die längerfristige Integration der Flüchtlinge. Die Bereitschaft dazu ist längst vorhanden: Am Montag legt OB Boris Palmer dem Gemeinderat eine Liste mit zehn Standorten vor, auf denen die Stadt 100 bis 200 Asylbewerber einquartieren könnte.

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17.09.2014, 12:00 Uhr

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