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Bonatzbau in Einzelteilen

Die Steine des Stuttgarter Bahnhofs liegen in Tübingen

Wer will, kann sich aus den Steinen des abgerissenen Nordflügels des Stuttgarter Hauptbahnhofs jetzt eine Gartenmauer bauen. Seit Freitag liegen die Steine im Natursteinpark Rongen beim Bergfriedhof.

22.09.2010
  • Sabine Lohr

Tübingen. Es war ein Stuttgart 21-Gegner, der gestern Vormittag in den Natursteinpark kam und einen einzigen Nordflügel-Stein haben wollte. Manuel Rongen, Geschäftsführer der Steinhandels-Firma, schenkte ihm den Muschelkalk-Quader. „Er stellt ihn in seinen Garten, als Andenken an den Bahnhof“, sagt er. So hat der Mann jetzt wenigstens ein ganz kleines Stückchen des Bonatz-Baus erhalten.

Die Steine mögen für manche eine Art Denkmal sein, für Rongen sind sie „nichts Besonderes“ – schöner Crailsheimer Muschelkalk halt. „Ein guter Stein, der viel verwendet wurde“, sagt er. Nicht nur für den Stuttgarter Hauptbahnhof, der zwischen 1914 und 1920 erbaut wurde. Auch der Kronprinzenbau in der Landeshauptstadt ist aus diesen Steinen. Die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall, der Hamburger Bahnhof in Berlin, das Bundesarbeitsministerium ebenfalls. Weiß, grau und ocker sind die Blöcke und voller winziger Müschelchen – „man sieht, dass diese Steine einmal Leben waren“, so Rongen.

Die Steine des Stuttgarter Bahnhofs liegen in Tübingen
Während in Stuttgart der Bahnhof abgerissen und dagegen protestiert wird, sitzt Manuel Rongen auf dem, was einmal der Nordflügel des Baus war. Er hat die Steine aus Crailsheimer Muschelkalk gekauft – damit sie wieder verwendet werden. Bild: Faden

Ein bisschen etwas Besonderes war die Lieferung aber doch. Manche seiner Mitarbeiter, sagt der Chef, hätten Bedenken gehabt, die Steine anzukaufen. Sie befürchteten ähnliche Demos wie in Stuttgart. Dazu gäbe es aber keinen Anlass, findet Rongen. „Es ist doch besser, die Steine werden wieder verwendet – am Stück. Man hätte sie auch zu Schotter verarbeiten können für den Straßenbau. Oder auf eine Deponie bringen.“ Beides sei für ihn nicht in Frage gekommen: „Wenn man bedenkt, wie viel Arbeit eines einzelnen Menschen in jedem dieser Steine steckt. Die wurden ja alle von Hand behauen.“ Da sei es ihm doch lieber, wenn aus dem Nordflügel nun Gartenmauern würden. Oder eben kleine Bahnhofs-Denkmäler.

Rongen selber hat bisher nicht gegen den Abriss des Stuttgarter Bahnhofs demonstriert. Weil er für sich noch kein abschließendes Urteil gefällt hat. „Ich finde es super, wenn ein Bahnhof samt Schienen unter der Erde verschwindet und eine Stadt nicht mehr zerschneidet. Und ich finde es super, wenn viel Geld in die Bahn investiert wird“, sagt er. Aber: „Bei so einem Rieseneinschnitt in Stuttgart hätte man unbedingt eine Bürgerbefragung machen müssen.“ Zudem stinkt es ihm, dass die veranschlagten Kosten immer höher werden.

Ein Mäuerchen aus Bahngeschichte

Seine übrigens auch. Vor 20 Jahren, sagt er, habe er solches Material noch geschenkt bekommen. Aber für die Bahnhofs-Steine habe er jetzt eine ganze Stange Geld hinlegen müssen. Wie viel er bezahlt hat, will er nicht sagen. Dafür verrät er, was er für einen solchen Stein haben will: 7,20 Euro. Für ein schönes Exemplar. Etwa einen halben Meter lang sind die Quader, 20 Zentimeter hoch und 20 breit. Oben, unten und an den Seiten sind sie glatt, die Frontseiten sind bucklig. Es gibt größere Exemplare und kleinere, der Preis geht nach Gewicht.

Ein ansehnlicher Berg der Bahnhofssteine liegt bereits im Natursteinpark, rund 200 Tonnen wurden am Freitag gebracht. „Aber da kommen noch viel mehr“, kündigt Rongen an. Schließlich müsse das Abrissmaterial erstmal sortiert werden. Und es sei ja auch noch nicht alles abgerissen.

So mächtig der Protest gegen den Abriss in Stuttgart auch ist – einen Streit um die Steine gab es nicht. Rongen sagt, sein Betrieb sei deutschlandweit der einzige, der eine solche Menge an Steinen überhaupt aufnehmen könne. Konkurrenz habe er da nicht.

So kommt es nun, dass die Reste des Stuttgarter Hauptbahnhofs ganz nah an denen des alten Karlsruher Bahnhofs liegen. Und an denen der Dresdner Marienbrücke. Die wurde vor neun Jahren abgerissen und „durch eine hässliche Spannbetonbrücke ersetzt“, wie Rongen sagt. „Und das nur, damit ein ICE drüber fahren kann.“ Weshalb man sich nun ein Stückchen Bahngeschichte in den Garten mauern kann.

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22.09.2010, 12:00 Uhr

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