Es nagt der Zahn der Zeit

Die Stiftskirche muss für 1,25 Millionen Euro saniert werden und wird ab Herbst zwei Jahre

Die fast 300 Jahre alte Stiftskirche in Horb muss dringend saniert werden. Holz zerstörende Pilze und Insekten haben am Dachgebälk Schäden angerichtet. Die Sanierungsarbeiten beginnen nach dem Patrozinium im September. Es werden viele Spendengelder benötigt.

19.01.2013

Von Martina Lachenmaier

Horb. Ein fast beiläufig entdeckter kleiner Riss über einem Rundbogenfenster förderte nach eingehender Begutachtung einen immensen Schaden am Dachgebälk der Stiftskirche zutage. „Vor einem Jahr hat sich herausgestellt, dass die Lattung, die die Stuckschicht der gewölbten Decke trägt, sehr stark beschädigt ist?, sagt der Direktor der Katholischen Spitalstiftung, Peter Silberzahn, beim Vorort-Termin mit dem bauleitenden Architekten Christoph Kreidler, Kirchengemeinderatmitglied Volker Weber und Diözesan-Architekt Ralf Schneider.

„Die Schäden sind teilweise schon ein paar hundert Jahre alt?, sagt Ralf Schneider. Sie rühren von eingedrungenem Wasser, das im Dachstuhl zu Fäulnis führte und durch dessen Zersetzungsprozess sich Holz zerstörende Pilze und Insekten eingenistet haben. Im Fall der Stiftskirche ist ein Schadensschwerpunkt an der Verbindungsstelle zwischen Dach und Kirchturm, wo Wasser leicht einsickern kann. Besonders betroffen sind die Dachbalkenköpfe und Sparrenfußpunkte.

Die schlimmsten Schadstellen wurden schon mehrfach saniert. Morsches Holz wurde zunächst mit Brettern verstärkt. Half das nicht mehr, mussten starke Balken, die man auch Überzüge nennt, herhalten. Ralf Schneider datiert den ältesten auf das 18. Jahrhundert. Der jüngste stamme aus dem frühen 20. Jahrhundert. Nachdem sich auch der Überzug unter der Last der Stuckdecke nach unten durchgebogen hatte, wurden sogenannte Angsteisen angebracht. Das sind starke Eisenbänder, die am Gebälk befestigt den Balken zusätzlich stabilisieren sollen. Positiv ist, dass sich die Vorgänger stets vorbildlich um die Bausubstanz gekümmert haben, sonst wären die Schäden wohl noch größer. „Die Schäden sind zwar keine Katastrophe, aber eine Flicklösung kann es nicht mehr geben. Die Grundsanierung ist ein absolutes Muss. Die muss dann aber die nächsten 200 Jahre halten?, sagt der Diözesan-Architekt. Holzschäden sind an alten Kirchen relativ häufig, für Schneider deshalb nicht allzu überraschend. „Holz ist ein Naturbaustoff. Sobald es geschlagen ist, will es vermodern.? Gelingt es, die Feuchtigkeit fern zu halten, kann Kirchenbauholz 600 Jahre intakt blieben. Das belegen zum Beispiel dendrologische Untersuchungen in der Ihlinger Kirche und der Bildechinger Wallfahrtskirche, erklärt Peter Silberzahn.

Auch der zum Finanzamt ausgerichtete, westliche Kirchengiebel weist Faulstellen im Fachwerk auf. Ob das Fachwerk komplett abgetragen und erneuert werden muss, wird noch geprüft. So biete die Kirchensanierung trotz des umfangreichen, einen Aktenordner füllenden Gutachtens vielleicht noch manche Überraschung, sagt Peter Silberzahn ? und hofft, dass sie der Kirchengemeinde erspart bleibt.

Die erfolgte Kostenberechnung sei nur eine erste Schätzung. Derzeit geht man von 1,25 Millionen Euro aus. Die Finanzierung der Sanierung stelle eine besondere Herausforderung für die Kirchengemeinde dar, so Silberzahn. Ralf Schneider sieht die Kirchengemeinde in einem „Riesendilemma?. Wenn eine Kirche noch so klasse aussieht und Schäden nicht deutlich zu sehen sind, sei es schwer, an Spenden zu kommen.

Aus dem Ausgleichsstock der Diözese und auch aus Mitteln des Denkmalschutzes erwartet die Kirchengemeinde zwar hohe Zuschüsse. „Allein an Spendengeldern ist eine Summe von 130 000 Euro zwingend erforderlich.? Diese Summe entspricht den 10 Prozent der Bausumme, die die Diözese als Eigenanteil von der Kirchengemeinde einfordert. Die Summe aufzubringen überfordert die 2700 Katholiken zählende Kirchengemeinde. Deshalb soll ein Förderkreis gegründet werden. Mitglieder aus der Pfarrgemeinde werden mitarbeiten. Da die Stiftskirche ein stadtbildprägendes Denkmal ist, sind auch interessierte Bürger mit ihrem Engagement willkommen.

Den ersten Bauabschnitt hat das Bischöfliche Bauamt genehmigt. Ein erster Teilbetrag von 320 000 Euro ist bewilligt. Allerdings muss die Kirchengemeinde zu diesem Zeitpunkt schon 50 000 Euro Eigenmittel bereitstellen.

Während der Baumaßnahme kann die Stiftskirche nicht für Gottesdienste genutzt werden, zumal im Kirchenschiff ein Gerüst aufgebaut werden muss. Mit Beginn der Bauarbeiten wird auch die zu reparierende Orgel ausgebaut und in die Werkstatt des Orgelbauers gebracht. Zum Ende der Sanierungszeit wird sie wieder eingebaut.

„Ende 2014 müsste das gesamte Langhaus gerichtet sein?, sagt Peter Silberzahn. Idealerweise könnte dann der dritte Bauabschnitt mit der Sanierung des Chorraums (dort sind die Schäden noch nicht so gravierend) folgen ? vorausgesetzt das Bischöfliche Bauamt bewilligt den Zuschuss. Dann wäre im Frühjahr 2015 die Sanierung beendet. Nach dem Einbau der Orgel könnte dann die Kirche im Herbst 2015 wieder geöffnet werden.

Im Zuge der Renovierung muss auch das Dach neu eingedeckt werden. Es könnte problematisch werden, für die große Dachfläche genügend alte Ziegel zu finden. Deshalb muss das Dach voraussichtlich umgedeckt werden. Wegen der Stadtsilhouette wird das Süddach mit alten und das Norddach mit neuen Ziegeln eingedeckt.

Info Siehe auch die Bilderseite

„Das schmucke Innere der Stiftskirche kann nicht über die notwendigen Instandsetzungsarbeiten hinwegtäuschen“, sagt der für Kirchensanierungen zuständige Diözesan-Architekt Ralf Schneider (links). Architekt Christoph Kreidler, Kirchengemeinderatsmitglied Volker Weber und Stiftungsdirektor Peter Silberzahn koordinieren die Sanierungsarbeiten vor Ort. Bild: Kuball

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Erstellt:
19. Januar 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Januar 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2013, 12:00 Uhr

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