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Flüchtlinge und Vertriebene waren Zünglein an der Waage zur Gründung Baden-Württembergs

Die Stimme der Deklassierten

Die Gründung Baden-Württembergs ging nicht ohne Spannungen und Konflikte ab. Der Tübinger Zeithistoriker Mathias Beer beleuchtete im Studium Generale die Rolle der Vertriebenen bei der Südweststaats-Gründung. Sein Fazit: Ohne die Flüchtlinge gäbe es das Land heute nicht.

24.05.2012
  • katharina mayer

Tübingen. Bei der Anbahnung einer Ehe, so es sich nicht um eine Liebesheirat handelt, sind immer unterschiedliche Kräfte am Werk. Sagt Mathias Beer, Zeithistoriker am Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde. In der Studium-Generale-Reihe, die sich mit 60 Jahren Baden-Württemberg und damit einhergehenden 60 Jahren Migration befasst, zeigte Beer am Dienstag die Rolle der Vertriebenen bei der Südweststaats-Gründung.

Bis in die Gegenwart hinein stünden in der öffentlichen Wahrnehmung „nur die beiden Brautleute“ im Mittelpunkt. „Ein Faktor ist sicher bisher zu wenig gewürdigt worden: Die Bevölkerung“, so Beer. Sie sei bei der Volksabstimmung 1951 als „Schlüssel für die Südweststaats-Gründung“ anzusehen.

Rund 1,6 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, die nach dem Ende des Naziregimes im Südwesten aufgenommen wurden, seien „ein vielversprechender Zugang, um das Zünglein an der Waage zu bestimmen“. Detailliert beschrieb Beer im gut besuchten Kupferbau-Hörsaal die Flüchtlingsströme nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Politik der Alliierten und die Stimmung in der alteingesessenen Bevölkerung.

Nicht als Landsleute angesehen

„Eine in der europäischen Geschichte beispiellose Bevölkerungsbewegung“ habe als Folge der Vernichtungs- und Eroberungspolitik der Nationalsozialisten in Ost- und Südosteuropa ihren Ausgang genommen. Rund 12,5 Millionen Menschen waren betroffen, zwei Drittel davon stammten „vom Territorium des Deutschen Reichs“.

Rund acht Millionen Flüchtlinge wurden in der westlichen Besatzungszone angesiedelt – wie der Bevölkerungszuwachs zu bewältigen sei, war zunächst unklar: Die Neuankömmlinge „bildeten Deutschlands Problem Nummer eins, die Flüchtlings-Frage“, so Beer. Von vornherein, so Beer, strebten die Alliierten die Assimilation der Flüchtlinge an. „In möglichst kurzer Zeit sollten die Vertriebenen von der Bevölkerung aufgesogen werden.“

Das amerikanische Credo „Make the Germans do it“ unterschätzte allerdings den Widerstand der alteingesessenen Bevölkerung. „Vom Ziel, aus den Ostflüchtlingen Vollbürger zu machen, war man noch meilenweit entfernt“, sagt Beer. „Sie wurden nicht als deutsche Landleute angesehen.“ Grundsätzlich schmutzig, faul, primitiv und betrügerisch seien die Neuzugänge, war etwa in der Zeitung zu lesen.

Auch, dass die Flüchtlinge zum überwiegenden Teil in Privatwohnungen einquartiert wurden, führte „zu einem erhöhten Konfliktpotenzial zwischen Alt- und Neubürgern“, so Beer. Zum Großteil seien die Flüchtlinge in ländliche Gebiete eingewiesen worden, da es dort, im Gegenteil zu den weit stärker zerstörten Städten, genug Wohnraum und Nahrung gegeben habe. „Mit der Folge, dass jetzt erst der Krieg in diese Dörfer hineinkam, mit diesem ganzen massierten Elend, das man nicht verhindern konnte.“

Die Gründung Baden-Württembergs wurde ursprünglich von den beiden Württembergischen Ländern angestrebt – Baden widersetzte sich der Neuordnung und legte eine Verfassungsbeschwerde ein. Mit dem Ergebnis, dass ein Volksentscheid im Dezember 1951 über die gemeinsame oder getrennte Zukunft der Südwest-Länder entscheiden sollte.

Eine informelle Befragung ergab im Vorfeld eine knappe Mehrheit für den Fortbestand Badens. „Es war klar, dass es entscheidend auf den Abstimmungsbezirk Nordbaden ankommen würde“, so Beer – und dort zumal auf die Stimmen der Flüchtlinge, die per Dekret die selben Rechte zugesprochen bekommen hatten wie die Alteingesessenen. Sowohl die Pro-, als auch die Contra-Seite „zielten daher mit ihren Argumenten und Maßnahmen auf die Stimmen der Vertriebenen“, so Beer.

Assimilation erst im neuen Südweststaat

Während die Altbadener argumentierten, dass „die Heimat verloren gehe“, gaben die Flüchtlings- und Vertriebenverbände eine klare Wahlempfehlung zugunsten des Südweststaats ab. Sie versprachen sich von Baden-Württemberg zusätzliche finanzielle Mittel für die Bereiche Wirtschaft und Wohnungsbau und ein eigenes Ministerium, das sich mit der Flüchtlings-Frage befassen sollte.

Dass der Volksentscheid letztlich positiv für Baden-Württemberg ausging, sei aber auch „dem Unverständnis der Flüchtlinge für die Härte der Auseinandersetzung“ geschuldet. Insgesamt entschieden sich über 70 Prozent der Bevölkerung für die Neuordnung. „Dank des Abstimmungsverhaltens der Flüchtlinge und Vertriebenen wurde die entscheidende Hürde genommen“, so Beer. Je höher der Flüchtlings-Anteil einer Region, desto eindeutiger sei das Ergebnis ausgefallen. Sie hätten also den Ausschlag zur Gründung Baden-Württembergs gegeben.

„Die sozial Deklassierten haben mit dem, was sie hatten, also ihrer Stimme, so gestimmt, dass es zu ihrem Vorteil gereichte und letztlich dieses neue Bundesland entstanden ist.“ Die Flüchtlinge hatten dabei die Erwartung, dass der neue Südweststaat wirtschaftlich stärker sein und damit zu einer wirtschaftlich starken Bundesrepublik beitragen würde, so Beer. Eine solche war in den Augen der Flüchtlings-Vertreter ausschlaggebend für eine mögliche Rückkehr in die Herkunftsgebiete. „Sie haben ihre Stimme für das neue Bundesland abgegeben, weil sie glaubten, dadurch irgendwann wieder nach Hause gehen zu können.“

Erst nach der Gründung habe die Assimilation der Neubürger richtig begonnen, so Beer. Dafür aber brauchte es „die richtigen politischen Rahmenbedingungen“: Die rechtliche Gleichstellung der Flüchtlinge sei zentrale Voraussetzung der Anpassung gewesen.

Die Stimme der Deklassierten
Baracke des Flüchtlingswohnlagers auf der Schlotwiese in Stuttgart-Zuffenhausen, 1948. Privatbild, Quelle: Archiv des IdGL

Mathias Beer wurde 1957 in Hermannstadt (Rumänien) geboren und ist Leiter des Forschungsbereichs Zeitgeschichte am Tübinger Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde. Seit 2007 ist er Geschäftsführer und stellvertretender Institutsleiter. Außerdem unterrichtet Beer an der Eberhard-Karls-Universität Geschichtswissenschaft. 2009 war er Co-Leiter der Landesausstellung „Ihr und Wir. Integration der Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg“. 2011 veröffentlichte er das Buch „Flucht und Vertreibung der Deutschen. Voraussetzungen, Verlauf, Folgen“, außerdem ist er Mitherausgeber der Reihe „Migration in Geschichte und Gegenwart“.

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24.05.2012, 12:00 Uhr

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