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US-Wahl mit dem DAI

Die Stimmung kippte mehr und mehr

In der Nacht auf Mittwoch lud das Deutsch-Amerikanische Institut Tübingen ins Kino Museum zur Beobachtung der 58. Präsidentschaftswahl in den USA ein. Mehr als 1000 Besucher kamen.

09.11.2016

Von Lilith Grull

Während der Podiumsdiskussion verfolgten einige der Besucher der DAI-Wahlnacht im Kino Museum auf ihren Handys die US-Wahl. Bild: Metz

Ein einzelner Demonstrant steht auf der Straße vor dem Kino Museum. „Es tut mir leid“, lässt sein Schild verlauten. Still verteilt er Flyer, auf denen er versucht zu erklären, was seiner Meinung nach in unserer Welt schief geht – auch gerade wegen der US-Regierungen. Doch die Menschen am Eingang des Kinos haben gerade andere Gedanken. Gut 100 möchten gleichzeitig durch die zwei Türen rein. Nervös lachend wird über Donald Trump und seine potenziellen Wähler gescherzt. Noch ahnt kaum einer, wer der 45. Präsident der Vereinigten Staaten wird.

Im Foyer stehen Bänke, auf einen Bildschirm gerichtet. Es läuft CNN Live. Der Raum ist mit USA-Flaggen und Wahlbannern geschmückt. Wer möchte, bekommt für eine kleine Spende Buttons. An einem Tisch des Deutsch-Amerikanischen Instituts Tübingen (DAI) können sich die Besucher zu den Wahlen und dem Verband informieren. Als Schmankerl soll jeder seinen persönlichen Tipp abgeben: „Wer gewinnt die Wahl?“ Wer die am nahe gelegenste Anzahl der Wahlmänner des neuen Staatsoberhaupts angibt, darf sich auf eine Mitgliedschaft beim DAI, Konzertkarten, Kinogutscheine und original Hillary-Tassen oder einen Trump-Flaschenöffner freuen.

Neben Popcorn werden amerikanische Snacks verkauft. Chili, Hot Dogs und Muffins. Auf Bierbänken neben dem Kinosaal 1 kann man sie genießen, flankiert von Plakaten der Kandidaten. Vor einem Pro-Contra-Plakat hat sich schon vor dem ersten Programmpunkt eine Menschentraube gebildet. Sie witzeln über die scheinbar lächerliche Kandidatenschaft. Gerade der Rechtspopulist Donald Trump scheint in vielen Gesprächen als ernsthafter Kandidat ein wunder Punkt zu sein.

Gut ein halbes Jahr hat es gedauert, die Veranstaltung zu organisieren. 2016 werden die Wahlen das fünfte Mal im Kino Museum zelebriert. Mit Unterstützung der Stadtwerke hat Ute Bechdolf, Direktorin des DAI, auch dieses Jahr die Wahlnacht organisiert. Schulklassen, US-Amerikaner, die in Baden-Württemberg leben, und viele Studenten der Geisteswissenschaften sind unter den Besuchern. „Noch bei der Podiumsdiskussion ist das Publikum stark durchmischt, doch umso später es wird, umso mehr zeigt sich, wie viele junge Menschen anwesend sind. Das war auch schon in den letzten Jahren der Fall. Eben ihr politisches Interesse freut mich sehr“, so die DAI-Direktorin.

Das offizielle Programm beginnt mit der Podiumsdiskussion zwischen dem Theologen Lucas Ogden, dem Historiker Prof. Georg Schild, den Politologen Thomas Gijswijt und Prof. Gabriele Abels, dem Landtagsabgeordneten Daniel Lede Abal (Bündnis 90/Die Grünen) und der US-Bürgerin Angela Baggarley aus dem politik- und theologiewissenschaftlichen Bereich. Durch die Diskussion und die gesamte Nacht führt Bechdolf.

Gijswijt weist darauf hin, dass das Land noch nie so unpopuläre Kandidaten in der Endphase hatte, welche es so tief spalteten. Schild fügt hinzu, dass Trump während der Wahl fast ausschließlich über und von sich sprach, nicht vom Land. Der US-Amerikaner Lucas Ogden, der Garry Johnson wählte, führt das Gespräch auf die mögliche Bedeutung für Deutschland.

In der Diskussion weist Ogden darauf hin, dass für Deutschland Trump wahrscheinlich der klügere Wahlsieg sei. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Clinton Amerika in einen weiteren Krieg führt, steht relativ hoch“, sagt er. „Außerdem ist Trump Gegner von TTIP, so wie viele andere in Tübingen. Für Deutschland wäre Hillary vermutlich nicht die bessere Wahl.“ Auch über die schwächeren Kandidaten der Wahlen wird geredet. Was an dieser und so vielen anderen Debatten der letzten Monate auffällt, fasst Gijswijt zusammen: Donald Trump sei viel Aufmerksamkeit geschenkt, die Person Hillary Clintons sei fast vollkommen ausgelassen worden.

Die Bühne wird frei für die Louisiana Funky Butts. Mit Brass-Melodien wecken sie manch einen müden Geist wieder auf. Stadtrat Bernd Gugel (Grüne) ist von der Veranstaltung begeistert. Den Wahlen steht er skeptisch gegenüber. „Für mich wäre es ein Alptraum, wenn der durchgeknallte Typ Donald Trump tatsächlich US-Präsident werden würde, dann könnte ich nicht mehr ruhig schlafen“, sagt er. „Ich bin froh, wenn der Horrortrip morgen vorbei und der Typ hoffentlich wieder da ist, wo er hingehört: abseits.“ Kaum einer der Anwesenden kann sich vorstellen, dass Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewinnen könnte – oder möchte es sich nicht vorstellen. Bechdolfs Wahlwunsch: „Ich finde es wichtig, dass wir als Institut neutral bleiben. Aber ich als Person wünsche mir Hillary Clinton, weil sie für mich eher für das steht, was Amerika ausmacht. Donald Trump schädigt das Amerika-Bild in Deutschland weiter.“

Tübingens OB Boris Palmer, der im Präsidium des DAI ist, war vor 16 Jahren zum ersten Mal bei der Wahlnacht im Kino Museum, seither ist er bei jeder Wahl dabei. Ihn fasziniert nicht nur das Zelebrieren der Wahlen, sondern er findet es wichtig, zusammenzukommen und sich gemeinsam mit einem so großen politischen Ereignis auseinanderzusetzen. „Ich habe mich heute Abend nicht nur wegen des Umweltabends für meinen blauen Klimaanzug entschieden. Tübingen macht blau und ich hoffe, dass das Amerika morgen auch macht“, sagt er. „Alle verlassen sich darauf, dass Clinton gewinnt und setzen sich nicht mit dem andern Fall auseinander.“ Von Clinton erhofft er sich nicht zu viel, aber wenigstens „eine vernünftige Führung“ – den nächsten Krieg werde sie wohl nicht anfangen. „Noch vor Kurzem machte man den schlechten Witz: Treffen sich Putin, Trump und Erdogan, machen diedie nächste Konferenz von Jalta. Heute kriegt man
das Gruseln.“ Was es für die Zukunft der USA und Europa bedeutet, wenn Trump US-Präsident wird, hat auch er sich nicht ausmalen wollen.

Noch ist die Stimmung auf der Veranstaltung ausgelassen, das Abendprogramm bietet neben Musik, einem Kurzinterview mit Sabine Fritz (WDR-Radio) auch eine Wiederholung des Beitrags „Nothing to Hide“ der Französischen Filmtage. Die vierte Staffel von „House of Cards“ wird ausgestrahlt und ein Trio des Landestheaters und Helge Thun bieten Comedy.

Im Trio parodieren Schauspieler Donald Trump, der über die Reihen des Kinosaals klettert und Frauen tätschelt und küsst. Die Freiheitsstatue und ein US-Amerikaner, der Lieder über sein Land singt, begleiten ihn. „Brummel, brummel, brummel“, geben sie im Sprechchor immer wieder von sich, folgen blind dem anderen, ohne zu hinterfragen. Die Freiheitsstatue ruft am Ende: „Das ist ein totalitäres System.“ Auch hier wieder eine deutliche Kritik am Kandidaten Trump.

Gegen Mitternacht kommen die ersten Wahlergebnisse. Schnell wird klar, das es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden Spitzenkandidaten wird. Das Klima im Kino ändert sich merkbar. Die Diskussionen werden ruhiger, draußen ist es nun stockdunkel und die Stimmung passt sich an. Ein junger Kalifornier berichtet, dass sich seine Familie über die Wahlen in zwei Positionen gespalten hat. Er selbst hat deshalb nur an den Kommunalwahlen teilgenommen und das Feld für den oder die Präsidenten ausgelassen; doch über Bernie Sanders als Präsidenten hätte er sich gefreut. Unter den Besuchern ist er nicht der einzige mit dieser Meinung. Die Ergebnisse sind knapp und geben eine Ahnung, wie unterschiedlich die Ansichten der US-Bevölkerung auch innerhalb eines Staates sind. Die Wahlergebnisse kippen schnell, Trump hat deutlich aufgeholt und liegt in den letzten Stunden der Wahl vorne. Kirk Rogers, ursprünglich
aus Maine, sagt: „Ich werde nervös. In Maine haben wir schon einen Mini-Trump als Gouverneur, so einen brauchen wir nicht noch als Präsidenten.“ Viele der Besucher gehen sichtlich bedrückt nach Hause.

Im Kinosaal wird gejubelt, wenn Clinton einen Sieg einstreicht, gebuht, wenn Trump weitere Wahlmänner für sich gewinnt. Nur eine kleine Gruppe von Trump-Anhängern macht sich kenntlich und klatscht hartnäckig bei jeder Verkündung. Der Großteil von ihnen ist noch minderjährig, der Rest möchte nicht mit der Presse reden.

Um kurz nach 8 Uhr morgens wird das Ergebnis verkündet. Es ist ruhig, keiner grölt mehr. Noch gut 25 Gäste sind im Saal, kaum einer kann es fassen. Viele fragen sich, wie Trump gewinnen konnte und was uns jetzt erwartet. Die Inderin Georgia Praust ist traurig: „Der erste Schock dieses Jahres war der Brexit – und nun Donald Trump. Die letzten Stunden habe ich veruscht, mir die Welt mit ihm vorzustellen, aber es geht einfach nicht.“ Für sie bedeuten die nächsten Monate potenzielles Chaos, international Probleme mit der NATO und innerhalb des Landes mit kulturellen und sexuellen Minderheiten.

Der US-Amerikaner Erik Bauer, ein Clinton-Wähler, sieht den Gewinn von Trump zwar auch mit Schrecken, jedoch nicht als Weltuntergang. Viel mehr beschäftigt ihn, dass die Republikaner auch die Mehrheit im
Senat und Repräsentantenhaus haben. „Ich sehe die Möglichkeit, dass es schwerwiegende Folgen, eine Rückwärtsentwicklung für die Rechte von Homosexuellen und Frauen, zum Beispiel beim Abtreibungsrecht, haben wird.“

Captain America 2016. Zeichnung: Buchegger

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Erstellt:
9. November 2016, 19:30 Uhr
Aktualisiert:
9. November 2016, 19:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. November 2016, 19:30 Uhr

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