Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
HCH – die Formel für Nostalgie

Die Stoßstange als Reich der Freiheit

Nicht allein hoffnungslose Nostalgiker kämpfen derzeit für eine Rückkehr zum alten Kenn zeichen „HCH“. Die Gelegenheit ist günstig – denn eine Änderung der Rechtslage wird derzeit diskutiert.

07.07.2012
  • Eike Freese

Hechingen/Steinlachtal. Ist das noch Wissenschaft oder schon Meinungsmache? „Heilbronner Initiative Kennzeichenliberalisierung“ heißt das Forschungsprojekt von Ralf Borchert von der Hochschule Heilbronn. Borchert ist Professor für Tourismus-Wirtschaft und glaubt fest an die segensreiche Wirkung von mehr individueller Freiheit an der Stoßstange.

40 000 Menschen haben seine Helfer befragt, in 176 Städten, die im Laufe der Jahre von übergriffigen Fremd-Kennzeichen kolonialisiert wurden – oder dafür in Frage kämen, sich eigene Kennzeichen zuzulegen. Knapp 75 Prozent der befragten Leute, so Borcherts Ergebnis, wollen alte oder andere Kennzeichen an ihrem Auto. In Hechingen, davon ist auszugehen, trauern noch zahlreiche Nostalgiker dem alten „HCH“-Schild hinterher.

Marketing und Nostalgie

„Das Thema gehört aber nicht in die Folklore-Ecke“, sagt Borchert. „Es geht auch um Marken-Bildung. Deshalb ist die Liberalisierung derzeit bei Kommunen in ganz Deutschland ein Thema.“ Die Diskussion dreht sich vor allem um die Außendarstellung einer Gemeinde. Eine Stadt wie Hechingen bekäme kostenlose Werbung in ganz Deutschland, wenn Autos mit dem HCH-Schild über die Autobahnen brausen. „Es ist kostenlos für die Behörden und kann sogar für Zusatzeinnahmen sorgen“, wirbt Borchert.

„Zudem sorgt Bekanntheit für eine ganz andere Größenwahrnehmung – und Größe erzeugt Gravitation.“ Soll heißen: „HCH“ soll Touristen anziehen, weil die bisher immer nur „BL“ sehen und Hechingen im Straßenbild nicht so präsent ist, wie es sein könnte.

Die Stadt gilt als aufgeschlossen für den Nummernschild-Wechsel. Im Herbst 2010 hat der Gemeinderat auf Antrag der Freien Wähler eine Fürsprache der Stadt für „HCH“ gebilligt. Dorothea Bachmann, seit Januar Bürgermeisterin, hat sich „noch nicht intensiv um das Thema gekümmert“. Sie sagt aber: „HCH hört sich gut an – und diese Symmetrie in der Optik ist auch nicht schlecht.“ Bevor sie sich politisch zum Thema äußert, will sie Gespräche mit dem Landkreis führen.

Die Kennzeichenliberalisierung ist nämlich durchaus konfliktträchtig. Landkreise sprechen sich im Allgemeinen gegen neue und vor allem gegen viele verschiedene Kennzeichen in ihrem jeweiligen Wirkungsbereich aus. In Landkreistagen ist das Votum noch eindeutiger. „Die Kreise wollen selbst Identifikationsfläche und touristische Marke sein“, nennt Ralf Borchert einen Grund – und hat auch gleich ein Gegenargument parat: „Die Identifikation läuft hierzulande über Deutschland, das Bundesland, die Landschaft oder die Stadt. Aber beim besten Willen nicht über den Landkreis.“

Feine Unterschiede gibt es indes: So hat der Zollernalbkreis durchaus Identifikationswürdiges im Namen – und auch der Landkreis Tübingen, der sich seit ein paar Jahren ebenfalls touristisch vermarktet, hat einen Namen mit Assoziationspotenzial. Nur verständlich findet es Borchert allerdings, wenn der Ruf nach einem „ZAK“-Kennzeichen erklingt: „Das trägt zur Markenbildung bei. Eine Marke ist stark durch Authentizität.“ Die sei im Zollernalbkreis nun einmal bei einem „ZAK“-Schild eher gegeben als beim derzeitigen „BL“ – mit Ausnahme für die Balinger selbst, versteht sich.

Überhaupt spricht der Tourismuswirtschafter viel von Marken. „Hechingen ist ein Produkt, auch wenn man das nicht gerne hört“, sagt Borchert. Er will den zweiten „Vorteil“ eines neuen Nummernschilds, die emotionale Verbundenheit der Hechinger selbst, zwar nicht unterschätzt sehen – aber für Politik, Wirtschaft und vor allem Hotellerie und Gastronomie seien Touristen sehr interessant.

Und die müssen mit „Hechingen“ etwas verbinden, weil sie es kennen – wenn auch nur von der Autobahn. Die Insel Rügen hat deshalb ein eigenes Nummernschild, Wetzlar seit vergangener Woche, und für Usedom hat der Kreistag vor drei Wochen den Weg frei gemacht.

HCH im ganzen Zollernalbkreis wählbar?

Die Kennzeichen werden allerdings, so die Liberalisierung denn kommen sollte, weiterhin landkreisweit vergeben. Für HCH ist das nicht unwichtig, weil das alte Hechinger Kreisgebiet bis 1973 Gemeinden umfasste, die heute nicht mehr zum Zollernalbkreis gehören. Innerhalb eines Landkreises allerdings müsste dann aus praktischen Gründen Wahlfreiheit bestehen – was hieße, dass ein Albstädter Hechingen-Fan durchaus zum HCH-Schild greifen könnte. Genau damit allerdings fiele ein weiterer Vorteil weg, den Borchert selbst so formuliert: „Die Polizei freut sich doch, wenn sie genau weiß, wo der betreffende Fahrer herkommt.“

Dorothea Bachmann zumindest will an der Sache dranbleiben. „Es ist nicht dringend, aber wir prüfen es.“ Die Bürgermeisterin ist zudem überzeugt, dass mehr als eine Zollernalb-Kommune gerne auf den Zug aufspringen würde: „ALB für Albstadt, das wäre auch eine schöne Sache. Mit der sich die Albstädter sicher gerne zeigen würden.“

Der Bundesrat wird wohl im kommenden September über eine „Verordnung zur Änderung der Fahrzeugzulassungsverordnung“ entscheiden. Im vergangenen Jahr hatte sich bereits die Verkehrsministerkonferenz zugunsten der Wiederauflage von ehemaligen Kennzeichen als Ergänzung zu den derzeit gültigen ausgesprochen. Zudem würden Zulassungsbehörden in ihrem Einflussbereich künftig mehrere Kennzeichen zulassen können. „Ein Bundesland hat dann im Grunde drei Möglichkeiten“, so Borchert: „Es kann die Sache offensiv angehen und einzelne Städte als Antragsteller akzeptieren. Oder es überlässt das den Landkreisen.“ Die dritte Möglichkeit: Das Land macht gar nicht mit.

Die Stoßstange als Reich der Freiheit
Macht dieses Schild Hechingen bekannter? Oder macht es nur Nostalgiker glücklich? Ralf Borchert auf dem Hechinger Marktplatz mit dem HCH-Kennzeichen.Bild: Freese

Die Stoßstange als Reich der Freiheit

Die obigen Kennzeichen wären möglicherweise attraktiv für einen Stockacher, der in Nehren geboren wurde (links) oder eine Dußlingerin mit dem Namen Nadine Gäberle (rechts). Doch Kennzeichen-Fachmann Ralf Borchert glaubt nicht, dass eine, so wörtlich, „Atomisierung der einzelnen Kennzeichen“ hilfreich wäre. In anderen Bundesländern sind Nummernschilder, die neben dem ursprünglichen Kreis-Kennzeichen existieren, an bestimmte Kriterien gebunden: In Rheinland-Pfalz etwa an das Kriterium „große kreisangehörige Stadt“ – etwa die 30 000-Einwohner-Stadt Andernach. Sollte eine Liberalisierung künftig Ländersache sein, könnte Baden-Württemberg, wenn es denn mitmacht, die Entscheidung über Anträge direkt den Städten überlassen – oder es in die Hände der Landkreise legen. Die Kennzeichen oben sind übrigens Alt-Kennzeichen: sie gehörten den Kommunen Stockach im Kreis Konstanz und Donaueschingen im Schwarzwald-Baar-Kreis.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

07.07.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball