Gesellschaft & Kultur

Loblied aufs Publikum: Die Stützen des Theaters

Die Bühnen dürfen wieder alle Plätze besetzen – und trotzdem klaffen Lücken: Es fehlen die Abonnentinnen und Abonnenten. Ein Loblied auf ein besonderes und wichtiges Publikum.

16.10.2021

Von Jürgen Kanold

Was Abonnenten besonders schätzen den Stammplatz. Foto: Lars Schwerdtfeger

Ulm. Der Großkritiker Gerhard Stadelmaier hat vor vielen Jahren in einem wunderbaren Buch durch das deutsche Theater geführt: „Letzte Vorstellung“. Er hat dabei auch viele Köpfe süffisant beschrieben, den „Ohnmachtskopf“ (den Intendanten), den „Machtkopf“ (den Regisseur) oder den „Papierkopf“ (den Dramatiker). Auch den „Wasserkopf“, den oft schwerfälligen Apparat der Bühnen. Und natürlich den „Publikumskopf“ – den Abonnenten: „Theaterleute hassen ihn. Theaterleute brauchen ihn. Niemanden umschmeicheln sie so sehr wie ihn. Er ist die Grundlage ihres Systems, die Garantie ihrer Existenz. Er ist der Sargnagel ihrer Kunst.“

Mal abgesehen davon, dass Stadelmaier anfangs der 1990er Jahre noch sehr männlich durchs Theater ging, er offenbar keinen Frauen begegnete: Er hat natürlich vollkommen recht. Und nie waren die Abonnentinnen und Abonnenten wertvoller als heute, in Theatern, Opernhäusern, Konzertsälen. Was den Führungskräften in den Intendanzen und Verwaltungsdirektionen sehr schmerzlich bewusst wird – denn die Abonnierenden: Sie nehmen schon seit Jahren ab, aber jetzt fehlen sie fast überall.

Das System ist blockiert

Endlich dürfen die Kulturveranstalter ihre Säle nach den 3G-Regeln wieder voll besetzen, kein Platz muss frei bleiben – aber es klaffen vielerorts, im kleinen Stadttheater wie im großen Opernhaus, deutliche Lücken. Selbst bei Premieren. Was passiert da? Kehrt nach der langen Corona-Pandemie und zwei Lockdowns das Publikum nicht ausgehungert zurück? Herrschen Ängste vor einer Covid-Ansteckung trotz strenger Sicherheitsstandards? Müssen noch ganz andere Dinge nachgeholt werden – wie der Besuch von Freunden? Sind wir komplett dem Heimkino und dem Streamen auf dem Sofa verfallen? Auch das.

Aber die Diagnose ist banaler: Die Theater haben ihre Abonnements ausgesetzt. Weil sie noch im Frühsommer nicht wussten, nach welchen Vorgaben sie in dieser Saison 2021/2022 ihre Säle bespielen dürfen, haben viele Bühnen und Konzertveranstalter das zweite Jahr hintereinander nicht die gewohnten regulären Abonnements angeboten. Denn wie hätte kalkuliert werden sollen? Es macht ja nur Ärger, zum Beispiel 5000 Abonnements zu verkaufen, aber dann am Ende wegen Abstandsregeln in den Vorstellungen nur 3000 fixe Plätze anbieten zu können – oder in den nächsten Lockdown zu fallen. Immerhin wurden vielerorts kreativ ganz neue, kleinere Abo-Pakete geschnürt, um das Publikum zu binden. Trotzdem fällt ein nicht unwesentlicher Teil des Stammpublikums aus – es soll seine Tickets im sogenannten freien Verkauf erwerben. Das ist mühsamer.

Das Abonnement ist eine typische Win-win-Situation, wie man neudeutsch sagt. Der Abonnent oder die Abonnentin kaufen zwar die Katze im Sack, haben aber ihren festen Platz – auch wenn eine Aufführung besonders gelungen und begehrt und stets ausverkauft ist. Sie kriegen eine Ermäßigung aufs Abo. Und es ist ein sanfter Zwang zum Kulturkonsum: Wer schon zu Beginn der Saison alles gebucht und bezahlt hat, der lässt den Theater- oder Konzertbesuch nicht leichtfertig aus, trotz Müdigkeit nach einem arbeitsreichen Tag. Und, nicht zu vergessen, die Abonnenten haben eine nicht zu unterschätzende Macht: Die Theater müssen ihre Wünsche bedienen.

Sie bieten Sicherheit

Das kann künstlerische Kreativität bremsen bis lähmen, wenn das Theater zahm wird aus Rücksicht auf die Dauerparker. Und so müssen diese natürlich auch herhalten als Ausrede von erfolglosen Regisseuren. Umgekehrt könnten Theater natürlich auch etwas riskieren mit diesen Gewohnheitswesen im Rücken: Das Haus wäre nach einem Flop nicht gleich leer gespielt. Auch sind Abonnenten, eben weil sie viel sehen, ein kenntnisreiches Publikum. Auf jeden Fall bieten diese Besucher mit Sitzfleisch den Theatern große Sicherheit: Sind die Abo-Zahlen gut, lässt sich wirtschaftlich ruhiger kalkulieren. Man hat das Geld schon eingenommen, bevor man liefert.

Theater und Abonnenten – „so sind sie zueinander verdammt“, um noch einmal Stadelmaier zu zitieren. Das ist mal keine neue Erkenntnis aus der Corona-Krise.

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Erstellt:
16. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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