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Kurgäste als erste Kunden

Die Stuttgarter Straßenbahnen feiern in diesem Jahr 150. Geburtstag

Seit seiner Gründung vor 150 Jahren hat sich das städtische Unternehmen der Stuttgarter Straßenbahnen rasant entwickelt.

21.03.2018

Von BARBARA WOLLNY

Historiker Nikolaus Niederich in einer historischen Straßenbahn. Die Fahrzeuge werden in Bad Cannstatt ausgestellt. Foto: Ferdinando Iannone

Stuttgart. Zwischen dem heutigen Leuze-Bad und dem Mineralbad Berg standen die Pferde von Gerhard Schöttle. 1868 war Stuttgart mit gerade mal 70 000 Einwohnern eine Kleinstadt, in der man alle Ziele gut zu Fuß erreichen konnte. Bad Cannstatt aber beherbergte als nobles Heilbad viele betuchte Kurgäste aus ganz Europa und wurde im selben Atemzug mit Wiesbaden oder Baden-Baden genannt. Deshalb lohnte es sich finanziell für den umtriebigen Schöttle, zwischen Innenstadt und den Cannstatter Bädern eine Pferdebahn einzurichten – die zweite in Deutschland nach Berlin, das damals schon 750 000 Einwohner zählte.

Neun Kutscher und neun Schaffner – das war das Startpersonal der heutigen Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) AG. Schöttle wollte Stuttgart damit einen „großstädtischen Anstrich geben“, aber mehr als ein Anstrich sei es denn auch nicht gewesen, sagt Nikolaus Niederich mit feiner Ironie. Der studierte Historiker ist Vorsitzender des Vereins, der das Stuttgarter Straßenbahnmuseum betreibt und Autor des Jubiläumsbands, den die SSB zu ihrem 150. Geburtstag im April herausgeben werden.

Stadt war ein Spätzünder

Niederichs Uni-Abschlussarbeit befasste sich mit den Zusammenhängen von öffentlichen Transportmitteln und Stadtentwicklung. Hier sei Stuttgart ein Spätzünder gewesen, erklärt er. Erst im späten 19. Jahrhundert fing die Stadt an zu wachsen, dann aber explosiv. Innerhalb von nur 30 Jahren wurde aus der verschlafenen Residenz- eine Großstadt, die Jahr für Jahr zehn Prozent mehr Bewohner zählte. Wesentlich dafür war die sich ebenfalls rasant entwickelnde Industrie, allen voran Bosch und Daimler. Die Firmen mussten sicherstellen, dass ihre Mitarbeiter in zumutbarer Zeit die Fabriken erreichten. Das war wiederum der Auslöser für den weiteren Ausbau der Stadt und des SSB-Streckennetzes.

Die ersten Bahnen wurden von Pferden gezogen. Die Tiere wurden 1895 durch Motoren abgelöst. Foto: Stuttgarter Straßenbahnen

Welches sind die wichtigsten Meilensteine in der an Ereignissen reichen SSB-Geschichte? Dazu zählt laut Historiker Niederich die Ablösung der Pferde 1895 durch elektrische Motoren. Das habe auf einen Schlag Geschwindigkeit und Menge der beförderten Fahrgäste verdoppelt. 1918 übernahm dann die Stadt die SSB und machte damit den Verkehr zu einem kommunalen Planungsinstrument. 1920 kam die Filderbahn ins SSB-Streckennetz, Ausdruck des sich rapide ausdehnenden Einzugsgebiets Stuttgarts. Seit 1926 ergänzten Omnibusse die Schiene.

1959 wurde im Generalverkehrsplan beschlossen, aufgrund des wachsenden Verkehrsaufkommens Strecken unter die Erde zu verlegen. Stuttgart hatte damals mit 600 000 Einwohnern schon annähernd die heutige Bevölkerungszahl und zählte rund 200 Millionen Fahrgäste jährlich. 1962 begannen die Bauarbeiten für die erste Strecke Holzstraße – Neckarstraße – Leonhardsplatz – Schillerstraße.

Auch die Fahrzeuge veränderten sich. Bis in die frühen 1960er Jahre konnte man noch – wenn der in jedem der Wagen mitfahrende Schaffner gerade wegsah – vom offenen Perron abspringen und sich so die Fahrt individuell verkürzen. Die schaffnerlose Zeit begann 1962. Zwei Jahre später gab es die ersten Verkaufsautomaten für Tickets. Und 1966 fuhr die Straßenbahn erstmals die erste unterirdische Haltestelle Charlottenplatz an.

Dynamische 70er

1976 entschied der Gemeinderat, die Straßenbahn durch die Stadtbahn zu ersetzen. Letztere ist heute mit einem „U“ durchnummeriert. Das steht nicht für unterirdisch, sondern für „Unabhängige Streckenführung“. Ein Jahr später wurde der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) aus der Taufe gehoben. 1978 wurde auch die Region über die ersten drei S-Bahn-Linien von Stuttgart nach Plochingen (S 1), Ludwigsburg (S 5) und Weil der Stadt (S?6) erschlossen.

Seit Oktober 1978 können alle SSB-Bahnen und -Busse, die S-Bahnen und Nahverkehrszüge der Bahn mit einem Fahrschein genutzt werden. 2017 wurden im VVS-Gebiet 382 Millionen Fahrgäste transportiert. Und die Entwicklungen gehen weiter. Neben dem Megaprojekt Stuttgart 21, dem Ausbau des Schienennetzes und den Infrastrukturmaßnahmen zur Erhaltung und Erneuerung der Strecken wird derzeit mit Hochdruck an der VVS-Tarifzonenreform gearbeitet.

Bei allen Veränderungen wird sich eines jedoch nicht ändern, ist sich Nikolaus Niederich sicher „Wer in Stuttgart lebt, ob vor 150 Jahren oder heute, ob zugezogen oder einheimisch, ob zufriedener Kunde oder überzeugter Autofahrer: An den Stuttgarter Straßenbahnen kommt in der Stadt niemand vorbei, sie bewegen die Menschen, in jeder Hinsicht und das seit 1868.“

Stadtspaziergänge und Wimmelbuch

Sonderaktionen Ihr Jubiläum feiern die Stuttgarter Straßenbahnen mit verschiedenen Aktionen: Am 14. April öffnet erstmals das „Buseum“ seine Türen auf dem Schloss platz. Und am 5. Mai messen sich 50 Straßenbahnfahrerinnen und -fahrer aus Europa bei der Straßenbahner-EM im Betriebshof Stuttgart Möhringen. Ab Mitte Mai bis Oktober finden Stadtspaziergänge zu Straßenbahner-Orten in Stuttgart statt. Im Juni erscheint das neue Werk von Tina Krehan unter dem Titel „Die Stuttgarter Straßenbahnen wimmeln“, und im Juli eröffnet das neu gestaltete Straßenbahnmuseum.?bw

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Erstellt:
21. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. März 2018, 06:00 Uhr

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