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Terror

Die Suche nach Tätern und Helden

Nach dem Petersburger Anschlag nennen russische Medien einen jungen Kirgisen als mutmaßlichen Selbstmordattentäter. Aber es gibt auch andere Verdächtige.

05.04.2017
  • STEFAN SCHOLL

St. Petersburg. Nach dem Terroranschlag von St. Petersburg gibt es nur wenig Gewissheiten. Die Zahl der Toten erhöhte sich bis gestern auf 14, nach Angaben des Gesundheitsministeriums erlagen drei Menschen im Krankenhaus ihren Verletzungen. Über die Täter und ihre möglichen Komplizen aber kursieren verschiedene Versionen.

Nach Angaben des russischen Ermittlungskomitees besteht die Möglichkeit, dass ein Mann den Sprengsatz gezündet hat, dessen zerrissene Körperteile in dem zerstören U-Bahn-Waggon gefunden wurden. Seine Identität sei bekannt, werde aber noch geheim gehalten. Laut der Zeitung Kommersant handelt es sich um Akbar Dschalilow, 22, der aus Kirgistan stammt und Verbindungen zum terroristischen Islamischen Staat (IS) gehabt haben soll. Nach der Explosion sei nur sein Kopf übrig geblieben. Das Nachrichtenportal fontanka.ru berichtet, Dschalilow habe schon sechs Jahre in Petersburg gelebt und besitze inzwischen die russische Staatsbürgerschaft. Laut der Zeitung Moskowski Komsomoljez war er ein begeisterter Kampfsportler, der früher als Koch in einer Sushi-Bar arbeitete, aber vor drei Jahren verschwand. Möglicherweise in ein Ausbildungslager des IS.

Noch ist unklar, ob Dschalilow sich selbst in die Luft gejagt hat, oder ob der Sprengsatz in seinem Rucksack durch einen Telefonanruf in Gang gesetzt wurde. Der Kommersant schreibt, die russischen Sicherheitsorgane hätten von den Terrorplänen gewusst. Und die zweite Bombe in der Metro-Station Ploschad Wostojanie sei nicht detoniert, weil sie sofort nach der ersten Explosion eine ganze Liste verdächtiger Smartphones gesperrt hätten.

Nach Angaben des kirgisischen Staatssicherheitsdienstes GKNP kämpfen in den Reihen des IS etwa 2000 Kirgisen. Aber die meisten Fachleute bezweifeln, dass eine kirgisische Landsmannschaft den Terrorakt organisiert haben soll.

Terrornetzwerk wie im Westen

„Es gibt offenbar auch in Russland inzwischen eine terroristische Internationale“, sagt der Mittelasienexperte Juri Solosobow unserer Zeitung. „Es hilft nicht mehr, allein nach Schemata wie ,nordkaukasischer Terror' oder ,Terror heimkehrender IS-Kämpfer‘ zu arbeiten. Inzwischen hat sich offenbar auch bei uns ein transnationales Terrornetzwerk ausgebreitet, das ähnlich funktioniert wie im Westen. Mit ideologischer Vorbereitung im Internet, schlafenden Zellen und parallelen Täterketten. Das Leben der zentralasiatischen Gastarbeiter spielt sich in Russland zum Großteil in einem halbkriminellen Graubereich ab, viele leben schon in der zweiten Generation hier und sind bereit, ihre Identität mit Gewalt zu demonstrieren.“ Auffallend sei auch der Zeitpunkt der Tat: „Putin war in der Stadt, in seiner Heimatstadt, die Tat zielt auch auf seine Autorität als Führer. Er ist ja 1999 angetreten, um den tschetschenischen Terror zu beenden, und gilt seitdem als Garant der nationalen Sicherheit.“

Aber noch laufen die Ermittlungen. Unter Berufung auf eine Geheimdienstquelle berichtet die Agentur Rosbalt, in der vergangenen Woche hätten Führer diverser nordkaukasischer Islamistengruppen vor allem im türkischen Exil intensiv kommuniziert. Aber auch eine Täterschaft extremer russischer Nationalisten sei möglich. Die nicht explodierte Bombe an der Metrostation Ploschad Wostanija sei mit zähflüssigem TNT gefüllt gewesen. Diesen Sprengstoff verwende ein bisher nicht gefasster Bombenbastler mit Vorliebe, der der ultrarechten Petersburger Terrorgruppe „Nationalsozialistische Gemeinschaft“ angehöre.

Dagegen berichtet die Wirtschaftsagentur RBK unter Berufung auf einen syrischen Militärexperten, der explodierte Sprengsatz, ein mit einer Salpeter-Mischung und Stahlkugeln gefüllter Feuerlöscher, gehöre zu den primitiven Standardbomben der IS-Terroristen sowie des Al-Kaida-Ablegers Al-Nusra.

Ein Akt äußerer Bedrohung

Parallel zu den Ermittlungen aber ist eine heftige Debatte über die möglichen Hintermänner und Motive ausgebrochen. Kremlnahe Beobachter werteten den Anschlag vor allem als Akt äußerer Bedrohung. Sergei Gontscharow, Veteran der Antiterroreinheit „Alfa“, verwies gegenüber der Zeitung Komsomolskaja Prawda auf die militärischen Erfolge Russlands in Syrien: „Alle Feinde, die Islamisten und ihre Schirmherren, versuchen, sich an Russland zu rächen.“ Auch der sowjetnationalistische Politologe Sergei Kurginjan verkündete im Stadtfernsehen, der Anschlag in Petersburg, sei Teil des Kalten Krieges, der gegen Russland geführt werde. Diesen könne das Land nur überleben, wenn es eine innere Spaltung vermeide.

Zahlreiche oppositionelle Stimmen dagegen verdächtigten die Staatsmacht selbst. „Ich habe keinerlei Zweifel, dass der russische Geheimdienst dahinter steckt“, sagte der liberale Politiker Konstantin Borowoi Radio Swoboda. Nach den Antikorruptionsprotesten vom 26. Mai habe der Kreml beschlossen, der Gesellschaft Angst einzujagen. Die Kremlkritiker befürchten, Putin werde den Anschlag als Anlass nutzen, um weiter Freiheiten einzuschränken.

Gemäßigtere Beobachter sagen allerdings, allein der bisherige Ermittlungsstand verbiete es, schon jetzt irgendwelche Schuldigen auszurufen. „Wir wissen nicht, wer die Verantwortung für den Anschlag übernimmt, wir wissen auch nicht, wie die Staatsmacht reagieren wird“, sagt der Petersburger Politologe Dmitri Trawin. „Das einzige, was bisher geschieht, ist, dass reihenweise U-Bahnstationen geschlossen worden sind.“

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05.04.2017, 06:00 Uhr

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