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Der Österreicher Thomas Glavinic spielt in seinem Roman "Der Jonas-Komplex" gekonnt mit Identitäten

Die Suche nach dem Ich endet nie

08.04.2016
  • CLAUDIA KORNMEIER, DPA

Wer bin ich? Um die Frage zu beantworten, schickt Thomas Glavinic seine Helden erneut auf eine potenziell tödliche Expedition. In seinem neuen Buch "Der Jonas-Komplex" durchqueren Jonas und Marie gemeinsam die Antarktis, nachdem er im Vorgängerroman den Mount Everest erklommen hat. Wieder sind sie auf der Suche nach sich selbst und denen, die sie sein wollen.

In dem Buch erzählt Glavinic (44) aber nicht nur die Geschichte dieses aus dem Vorgängerroman bekannten Paares. Parallel belebt der Autor einen anderen alten Bekannten wieder: den namenlosen Schriftsteller aus seinem Roman "Das bin doch ich" von 2007. Der gibt gleich zu Beginn vor, worum es auf den folgenden rund 750 Seiten gehen wird: "Wer wir sind, wissen wir nicht. Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen."

Das Leben der Schriftsteller-Figur ist bestimmt vom exzessiven Drogen- und Alkoholkonsum. Außerdem wachen regelmäßig Frauen in seiner Wohnung auf, die er entweder nicht kennt oder von denen er nicht mehr weiß, wie sie dorthin gekommen sind. Er erträgt die Gesellschaft anderer Menschen schlecht; kämpft darum, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen; gibt den klassischen Kinderhasser: Die Kleinen " können bereits ganz üble Menschen sein". Gleichzeitig sehnt er sich nach der Nähe zum eigenen Kind, das bei der Mutter lebt.

Glavinic erzählt dieses Mal auch von der Kindheit des Autors - wie dieser als 13-jähriger Junge in einer trostlosen Umgebung aufwächst und versucht, mit dem Schachspielen der Wirklichkeit zu entfliehen.

Parallelen zur Biografie des 1972 in Graz geborenen Autors lassen sich mühelos finden, sind aber ebenso müßig. In einem Interview der "Welt" legt Glavinic Wert auf den "Romanpakt" - es handele sich um ein fiktionales Werk. Klar sei ihm einiges so oder so ähnlich passiert, anderes natürlich nicht.

Im Vorgängerroman "Das Größere Wunder" bestieg Jonas nach der Trennung von Marie den Mount Everest. Im "Jonas-Komplex" sind sie nun wieder gemeinsam unterwegs. Um die Vorgeschichte der beiden zu erfahren, muss man "Das Größere Wunder" nicht gelesen haben. In kurzen Rückblicken erzählt Glavinic, was zuvor geschah.

Zwischendurch ist das alles einfach nur sehr lustig. Und lesenswert ist der Roman auch wegen der wunderbaren Beschreibung einzelner Momente, die irgendwie jeder kennt: "Der Lift hat schlechte Laune", schreibt Glavinic etwa, wenn der Aufzug grundlos in verschiedenen Stockwerken hält. Die Anrufe zum Geburtstag will er als 13-Jähriger am liebsten gar nicht entgegennehmen. Es sagten "ohnehin alle dasselbe".

Der Roman spielt 2015, Glavinic erinnert immer wieder kurz an prägnante Ereignisse, und mit der Silvesternacht ist Schluss. Das Jahr begann für den Autor mit gemischten Gefühlen: "Mir ist dieses Jahr schon jetzt nicht ganz geheuer", denkt er beim Aufwachen am Neujahrsmorgen. Am Silvesterabend ist er dagegen optimistischer: "Ich bin fast glücklich." Und auch Jonas und Marie finden eine Antwort.

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08.04.2016, 06:00 Uhr

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