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Gelübde nach glimpflichem Bombenabwurf

Die Sühnekapelle auf dem Tannenrain

OBERNDORF (rum). Vor über 60 Jahren (am 5. Oktober 2007) feierten die Oberndorfer die Einweihung ihrer Marienkapelle auf dem Tannenrain. Sie hatten den Bau gelobt, nachdem der Ort bei einem Bombenabwurf 1944 glimpflich davon gekommen war. Am Sonntag begeht die Kirchengemeinde das Jubiläum mit einem kleinen Festakt oben an der Kapelle.

04.10.2007
  • Frank Rumpel

Am Osterabend 1944 fielen Bomben auf den Ortsrand von Oberndorf. Ein „versprengter Feindflieger“ habe sie abgeworfen, heißt es in der Kirchenchronik. Die meisten Bomben kamen im Gebiet Leimengrüble herunter. Eine explodierte an der Rottenburger Straße, wo heute die Bushaltestelle ist. Verletzt wurde, laut Chronik, niemand und Schaden gab es auch keinen.

Oberndorf war sicherlich nicht das eigentliche Ziel des Bombardements. Am Ergebnis freilich ändert das wenig und entsprechend stilisiert die Chronik dann auch dieses Ereignis zum entscheidenden Grund für den Bau der Sühnekapelle. „Unter dem Eindruck des Geschehenen“, heißt es, hätten einige Männer im Pfarrhaus ihr Versprechen „verfestigt“, ein Bildstöcklein „zu Ehren der Muttergottes, einen Kreuzweg und – so bald es möglich wäre – eine Kapelle auf dem Tannenrain zu errichten“.

Weiter Blick übers Land

Im Juni 1945 gab es Vorbesprechungen mit dem Rottenburger Architekt Hans Lüdkemeier und dem Steinbildhauer Heinrich Schneider. Zwei Waldbesitzer schenkten einen Teil ihres Waldes der Kirchengemeinde, „so dass die Kapelle wie geplant auf dem höchsten Punkt des damals gerodeten Tannenrain mit weitem Blick über das Land errichtet werden konnte“.

Ab 1946 wurde gebaut. Baumaterial, sagt Ortsvorsteher Karl Schneck, der zusammen mit Viktor Heumesser und anderen das Jubiläum vorbereitete, sei damals schwierig zu bekommen gewesen. Gekleckert wurde dennoch nicht. Kies und Schotter kamen aus Kiebingen und Reusten. Die Steine für die Kapelle holte der Busunternehmer Erich Hartmann mit seinem Lastwagen aus dem Steinbruch in Gniebel.

Am Sportplatz dann, das haben Schneck und Heumesser aus etlichen Gesprächen mit Zeitzeugen erfahren, wurden sie auf den Ochsenkarren von Stefan Heumesser verladen und über einen steilen Hohlweg nach oben geschafft. Die kleineren Steine trugen die Oberndorfer aber auch per Hand hinauf.

Vorm Fußball auf den Berg

Schüler, das hatten die Zeitzeugen berichtet, wurden da gerne mal anstelle des Religionsunterrichtes eingespannt. Junge Frauen, die sonst nicht auf die Straße durften, nutzten die Gelegenheit, um raus zu kommen, und vor einem Fußballspiel auf dem Sportplatz ging jeder der Besucher einmal auf den Berg. Behauen wurden die Steine vor Ort und auch der Beton wurde dort angemischt.

Der Gniebeler Sandstein ist laut Karl Schneck ein sehr hochwertiger und witterungsbeständiger Stein, der beispielsweise auch am Tübinger Amtsgericht verbaut wurde. „Der Gniebeler Stein gehörte zum besten Baumaterial, das man weit und breit finden konnte“, sagt Schneck. „Der war auch damals sicher nicht billig.“

Finanziert übrigens wurde die Kapelle nicht von der Kirchengemeinde, sondern von der Bevölkerung. Allerdings gibt es weder eine Spendenliste, noch eine Rechnung über die Gesamtbaukosten. Die einzige Rechnung in den Unterlagen betrifft die Kreuzwegstation. Heinrich Schneider nahm damals 110 Mark pro Station, von denen es vierzehn gibt – die Reliefs selbst waren da aber noch nicht dabei.

Tod nach der letzten Fuhre

Am 2. Oktober 1946 feierten die Oberndorfer Richtfest an ihrer Kapelle, die in der Grundfläche rund elf mal fünf Meter misst. Zu essen gab es den Ochsen von Stefan Heumesser. „Max“ hieß der und hatte, nachdem er mit der letzten Fuhre den Altar nach oben gezogen hatte (so genau weiß es allerdings nur die Chronik), einen Eisennagel verschluckt und musste notgeschlachtet werden.

Ein Jahr später schließlich wurde die Kapelle geweiht. „Die Gemeinde beteiligte sich vollzählig und mit großer Freude“, schrieb der damalige Pfarrer. Einzigartig freilich ist die Sühnekapelle mit ihren drei Bankreihen im Innern und dem kleinen Vorraum nicht. Ganz ähnliche Kapellen stehen auch in Baisingen und Ergenzingen.

Wieder mit Aussicht

Seither wurden dort jährlich im Mai und zum Jahrtag im Oktober Andachten gefeiert, zumal bei der Kapelle auch ein Gefallenen-Denkmal steht. Als Aussichtspunkt konnte der hoch über dem Dorf gelegene Platz mit den Jahren allerdings nicht mehr dienen, weil das Gelände langsam zuwucherte. Erst die beiden Stürme der vergangenen Jahre schlugen einige Schneisen.

Die Bildstöcke des Kreuzweges wurden im vergangenen Jahr restauriert. Einige Freiwillige machten bereits voriges Jahr den Platz an der Kapelle frei und stellten gemeinsam mit dem Förster den Weg wieder her.

Dennoch wolle man dort oben auch in Zukunft keinesfalls eine touristische Attraktion schaffen, formuliert der Ortsvorsteher vorsichtig. Wenn schon Tourismus, dann nur der ganz sanfte: Wenn Wanderer vorbei kommen, sollen sie da oben auf einem Bänkchen sitzen und die Aussicht genießen.

So wird am Sonntag gefeiert

OBERNDORF. Am kommenden Sonntag wird der für die Seelsorgeeinheit Pfaffenberg zuständige Pfarrer Martin Uhl in der Marienkapelle auf dem Tannenrain eine Jubiläumsandacht halten. Für den musikalischen Rahmen sorgen der Musikverein, der Liederkranz und der Kirchenchor. Anschließend veranstaltet die Kirchengemeinde ein kleines Fest, bei dem die örtlichen Vereine bewirten. Eine Ausstellung erzählt in Bildern und Zeitzeugentexten die Geschichte der Kapelle.

Die Sühnekapelle auf dem Tannenrain
Große Steine für die Kapelle wurden mit dem Ochsengespann von Stefan Heumesser den Berg hoch geschafft. Einer der beiden Ochsen wurde später beim Richtfest verspeist.

Die Sühnekapelle auf dem Tannenrain
Die Kapelle kurz nach ihrer Einweihung im Oktober 1947.

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04.10.2007, 12:00 Uhr

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