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Ausgetanzt

Die „Tangente Night“ erlebt ihren 50. Geburtstag wohl nicht mehr

Nächstes Jahr hätte ein glänzendes Jubiläumsjahr werden können: Dann nämlich würde die „Tangente Night“ ein halbes Jahrhundert alt. Aber wie es derzeit aussieht, könnte ihr mit 49 der Bierhahn abgedreht werden. Der derzeitige Pächter verlängert seinen Mietvertrag nicht, und ob die Brauerei weitermacht, ist mehr als unsicher. Der Club mit Lizenz zum Tanzen lohnt sich in derzeitiger Form nicht mehr.

09.09.2014
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Interessierte können jetzt zugreifen. Die „Tangente Night“ wird für eine Monatspacht von 5800 Euro im Netz angeboten. Eine Kaution von sechs Monatsmieten ist außerdem zu entrichten. Dafür aber bekommt der Pächter gleich zwei Etablissements in einem mit insgesamt 174 Quadratmeter: Da ist nämlich die „Tangente Night“ mit Eingang in der Pfleghofstraße und dann noch der „Fuchsbau“, erreichbar von der Mühlstraße – dort, wo ehemals ein Spielsalon war.

Die „Tangente Night“ erlebt ihren 50. Geburtstag wohl nicht mehr
Robert Frunder will nicht mehr. Der Inhaber der „Tangente Night“ hört Ende des Jahres auf. Bild: Metz

Pächter Robert Frunder hatte den „Fuchsbau“ dieses Jahr eröffnet und damit mehr als das Doppelte der bisherigen Pacht zu zahlen. Seit 22 Jahren ist Frunder der Tangente verbunden. Schon 2006 wäre fast zu ihrem Schicksalsjahr geworden, denn der damalige Inhaber musste Insolvenz anmelden. Frunder war der Mann der Stunde. Er rettete den traditionsreichen Studentenclub und führte ihn zu einem neuen wilden Leben. „Die Tangente steht für ehrliches Saufen“, sagt er und blickt leicht sentimental zurück, etwa auf „legendäre Baustellenpartys“. Selbst am Wochenanfang ging der einzigen Stadtmitte-Kneipe mit Disco-Konzession die Luft nicht aus. Sogar montags konnte man hier noch bis vier Uhr die Nacht mit Karaoke und anderen Späßen zum Tag machen.

Noch keine ernsthaften Bewerber in Sicht

Mit dem „Fuchsbau“ im Gepäck erhöhten sich die Pacht und das Risiko für Frunder. Deshalb habe er eine Stuttgarter Entertainment-Agentur ins Boot geholt. Mit namhaften DJs sollte das Wochenendprogramm attraktiver werden. Die Idee ging nicht auf. „Mir war relativ schnell klar, dass das nichts wird“, sagt Frunder rückblickend. Die größeren Namen machten das Ganze teurer und die Einnahmen hielten nicht Schritt. „Sicher haben wir auch das Momentum verpasst, als es noch knackig und hip war, in die Tangente zu gehen“, gibt der Betreiber zu. Der Umbau des Hauses habe zu lange gedauert und die Gäste seien eben ein paar Blocks weiter gezogen.

Frunder, der auch das „Ribingurumu“ in der Mühlstraße und ein Lokal gleichen Namens in Stuttgart betreibt, will sich nun auf andere gastronomische Pläne konzentrieren. Von den drei Festangestellten wird er gerade mal einen sicher weiterbeschäftigen.

An Unterstützung seitens der Stadt und der Brauerei Dinkelacker-Schwaben Bräu habe es nie gemangelt, betont Frunder. Eher sei der neue Bachelor-Typus – weniger ausgehbereit und feierbedürftig als frühere Studi-Generationen – ein Grund fürs Aufgeben. „Die Leute haben weniger Geld und mehr Stress“, hat der Wirt beobachtet. Zu hohe Konkurrenz fürchtete Frunder dagegen nie. Deshalb mache er das Lokal nicht dicht. Im Gegenteil: „Konkurrenz belebt das Geschäft.“

Belebt werde es jedoch nicht durch die sanierungswürdigen Lokalitäten. Von der Pfleghofstraße dringe bei Regen Wasser in die Kneipe und unten im „Fuchsbau“ werden gleich die ganzen Klos geflutet. Zustände, die für Frunder nicht zur hohen Miete passen. „Aber“, sagt er, „hier in Tübingen ist es schwierig, einen Vermieter zu finden, der nicht das Maximum aus der Immobilie herausholt.“

Wird die Brauerei ebenfalls Ende 2014 aussteigen? Til Odenwald, Vertriebsdirektor bei Dinkelacker-Schwaben Bräu, weist auf Verhandlungen mit dem Plochinger Eigentümer und ein „schwebendes Verfahren“ hin. Bewerber für Frunders Nachfolge gebe es zwar, aber bisher sei noch kein ernsthafter darunter. „Die Tangente ist ein sehr, sehr schwieriges Thema“, so Odenwald. Ob die Brauerei mit Recht am Namen „Tangente“ dieses Thema nach 40 Jahren ad acta legen wird, hängt ganz von der Bewerberlage ab. Frunder jedenfalls glaubt nicht an eine „Tangente“-Neuauflage. Bei einem Zehnjahresvertrag müssten Betreiber sich auf mindestens eine Million Euro Kosten einstellen. Der Kreis derjenigen, die das können, sei „sehr überschaubar“.

Zu Beginn der sechziger Jahre kam die „Tangente“-Idee auf. In Unistädten sollten Studentenclubs mit kulturellen Veranstaltungen (Musik und Bildende Kunst) gegründet werden. Nach Heidelberg war Tübingen der zweite Versuch: Die „Tangente Night“ wurde 1965 in der Mühlstraße eröffnet. Mitte der siebziger Jahre änderte sich das Konzept und die akademische Exklusivität wurde gelockert. Man benötigte nun keinen Clubausweis mehr, um reinzukommen. Es begann die Zeit der üblichen Disko-Türpolitik: Männer mussten Eintritt zahlen, Frauen bekamen kostenlos Einlass.

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