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Türkisch wird Gymnasiums-Fach

Die Tübinger Studentin Yasemin Bozkurt hat als erste im Land dafür das Staatsexamen

Türken sind die stärkste Einwanderergruppe in Deutschland. Doch Türkisch hat lange gebraucht, um als Schulfach an Gymnasien anerkannt zu werden. 2015 ist es in Baden-Württemberg so weit. Die Tübinger Studentin Yasemin Bozkurt wartet darauf. Als landesweit erste legte sie das Staatsexamen in Türkisch als Fremdsprache ab.

28.10.2014
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Im Januar wird Yasemin Bozkurt ihr Referendariat für das Lehramt an Gymnasien antreten. Als Wunschort hat sie Sindelfingen angegeben. Denn dort, am Stiftsgymnasium, gibt es bereits eine Türkisch-Arbeitsgemeinschaft. Die 26-Jährige hat Englisch, Deutsch und Französisch auf Lehramt studiert, aber mit Türkisch betritt sie Neuland. Sie wird an einer historischen Veränderung im Lehrangebot an baden-württembergischen Gymnasien teilhaben: Türkisch wird reguläre Fremdsprache – auch wenn es nur die dritte ist und wenn es zunächst nur an wenigen ausgewählten Versuchsschulen angeboten werden soll.

Bozkurt ist die erste in Baden-Württemberg, die das dafür nötige Staatsexamen abgeschlossen hat, mit Note 1, nebenbei. Nur die Französisch-Prüfung steht jetzt noch aus. Seit 2007 studierte Bozkurt an der Uni Tübingen. Als sie hörte, dass Türkisch am damals neuen Islamzentrum als Schul-Zusatzfach angeboten wurde, schrieb sie sich gleich im Wintersemester 2011/12 in Islamischer Religionspädagogik und Türkisch ein, zusätzlich zu ihren anderen Fächern. Türkisch alleine zu studieren, ist in Tübingen nicht möglich. Der Uni fehlt die Infrastruktur. Man kann es nur als „Beifach“ belegen, das man parallel mit dem zweiten Hauptfach abschließt (in ihrem Fall Deutsch).

Die Türkisch-Studenten „liefen erst bei den Orientalisten mit“. Doch mit der Zeit wurden spezielle Kurse für die „Lehramtler“ entwickelt. Seit letztem Semester kam sogar Fachdidaktik hinzu, mit der Reutlinger Dozentin Arzu Sabry als Lehrbeauftragter. Die Turkologin Eva Widmann und der Lehrbeauftragte für Türkische und Osmanische Literatur Andreas Estedt bestritten am Asien-Orient-Institut die linguistische und literaturwissenschaftliche Ausbildung. Zusammen mit Bozkurt haben insgesamt zwölf Studierende mit Türkisch auf Lehramt begonnen. „Es kommen noch einige nach!“

Yasemin Bozkurt kommt aus dem Albdorf Winterlingen, zwischen Ebingen und Veringenstadt. Ihre Großeltern wanderten aus Aksaray in Mittelanatolien ein, ihre Eltern arbeiten in der Textil- und Metallindustrie. Von den vier Kindern, zwei Brüder, eine Schwester, haben drei studiert. Yasemin Bozkurt wechselte von der Realschule Winterlingen ans Wirtschaftsgymnasium in Sigmaringen, um das Abitur zu machen. „Seit der siebten Klasse wusste ich, dass ich Sprachlehrerin werden wollte.“

Zu Hause wurde Türkisch gesprochen, aber mit dem Kindergarten, vom dritten Lebensjahr an, wuchs Yasemin Bozkurt zweisprachig auf. Die Eltern, sagt sie, legten Wert darauf, dass die Kinder richtig Deutsch lernten, „damit wir es weit bringen“.

Das Türkisch-Studium war für Bozkurt dann nochmal eine besondere Erfahrung: „Anfangs dachte ich, oh, ich kann ja gar kein Türkisch“, denn nun lernte sie die Linguistik und Literatur ihrer Muttersprache erst kennen. „Ich kann mich jetzt strukturierter ausdrücken“, sagt sie, „und ich bin der türkischen Kultur viel näher gekommen.“ Die Eltern, keine Frage, sind stolz auf sie.

Bozkurt wünscht sich nun, an ein Gymnasium mit vielen Immigranten-Kindern zu kommen, um ihre eigene Bildungserfahrung weiterzugeben. Türkisch als Fremdsprache heißt aber auch, dass Deutsch-Muttersprachler das Fach wählen können. „Da muss ich dann die Binnendifferenzierung machen“, sagt sie, ganz Pädagogin. Für diesen Fall hat sie freiwillig Kurse in Fachdidaktik und Literatur besucht.

Deutschlandweit wird Türkisch nur vereinzelt an Gymnasien angeboten, etwa in Gelsenkirchen und Berlin. In Nordrhein-Westfalen ist es als zweite Fremdsprache möglich, in Bayern auf Antrag. In Hamburg ist Türkisch an einem privaten Gymnasium vertreten. Hauptfach-Studiengänge für das Lehramt gibt es nur an den Universitäten Duisburg-Essen und Hamburg.

Die Tübinger Studentin Yasemin Bozkurt hat als erste im Land dafür das Staatsexamen
Freut sich auf ihre erste Stelle als Türkisch-Lehrerin an einem Gymnasium: Yasemin Bozkurt. Bild: Pfeil

400 000 türkisch-stämmige Bürger leben in Baden-Württemberg. Doch während an den Gymnasien neben den Klassikern Englisch und Französisch bereits Russisch, Italienisch und Spanisch als moderne Fremdsprachen angeboten werden, wird Türkisch erst zum Schuljahr 2015/16 eingeführt, zunächst als Schulversuch im Raum Stuttgart und Mannheim. Die grün-rote Landesregierung will an allgemeinbildenden Gymnasien mittelfristig Türkisch als dritte Fremdsprache einführen. Diese Innovation geht zurück auf einen Antrag der SPD-Landtagsfraktion. Die Neuerung soll dazu beitragen, den Anteil türkischstämmiger Gymnasiasten zu erhöhen. Er liegt derzeit bei nur zwölf Prozent. Dagegen besucht die Hälfte aller Kinder aus deutschen Familien das Gymnasium. Als Arbeitsgemeinschaft gibt es Türkisch bereits an einzelnen Gymnasien.

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28.10.2014, 12:00 Uhr

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