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Tourismus

„Die Türkei muss zurückkommen“

Vom Terror ist vor allem die Hauptstadt Istanbul getroffen worden. Das Land ist aber für die deutsche Reisebranche unverzichtbar, sagt Verbandspräsident Norbert Fiebig.

27.12.2016
  • VON DIETER KELLER

Entspannt sitzt Norbert Fiebig in der Berliner Geschäftsstelle des Deutschen Reiseverbandes (DRV) und zieht im Interview eine Bilanz des Reisejahrs 2016. „Es war ein sehr herausforderndes Jahr“ lautet das Fazit des DRV-Präsidenten. Hauptsorgenkind war die Türkei.

Wie nachhaltig haben die anhaltenden weltweiten Konflikte und Terroranschläge die Reiselust der Deutschen verändert? Norbert Fiebig : Die Zahl der Reisen haben sie nicht geändert. Das für den Deutschen wichtige Gut Urlaub wurde durch die weltweiten politischen Verwerfungen nicht beeinträchtigt. Was sich verändert hat, sind die Reiseziele.

Wohin reist der Deutsche nicht mehr? Etwa 70 Prozent der Auslandsreisen gehen in den Mittelmeerraum. Es gibt eine deutliche Tendenz vom östlichen ins westliche Mittelmeer. Eine Ausnahme ist Griechenland, das sich sehr gut entwickelt. Weniger Buchungen verzeichnen dagegen Ägypten, Tunesien und insbesondere auch die Türkei. 2015 gab es noch 5,6 Mio. deutsche Gäste in der Türkei. In diesem Jahr dürften es rund 2 Mio. weniger sein.

Droht die Türkei ganz auszufallen? Sicher nicht. Der Aspekt Sicherheit ist der erste, der Urlaubsströme verändert. Jeder neue Anschlag ist an den Buchungszahlen abzulesen. Die Nachfrage für Istanbul ist im Vergleich zu den Urlaubsregionen an den Stränden gering. Daneben haben wir in der Türkei erstmals den Aspekt Politik hinzubekommen. Bei manchen Kunden spielen bei der Wahl des Urlaubsziels auch politisch-moralische Vorstellungen eine Rolle. Das ist für unsere Branche in dieser Massivität neu.

Aber Sicherheitsprobleme gibt es nicht nur dort. Ja. Der Bürger realisiert mehr und mehr, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt, egal wo sie sich aufhalten. Ihm ist klar, dass Anschläge auch in seiner Nachbarschaft passieren können. Das relativiert das Thema Sicherheit ein wenig. Zudem tun gerade die Reiseveranstalter sehr viel, um ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten. Die Reisebüros helfen dabei, entsprechend den individuellen Sicherheitsbedürfnissen das richtige Produkt auszuwählen.

Haben gerade in der Türkei diejenigen, die noch hinfahren, Angst, ihre Hotelanlage zu verlassen?

Nein. Ich war jüngst häufig in der Türkei, aber diesen Eindruck habe ich nicht feststellen können. Die rückläufige Nachfrage führt dazu, dass die Angebote noch preisgünstiger werden. Die Hoteliers gehen an die Grenzen dessen, was betriebswirtschaftlich vertretbar ist, und teilweise darüber hinaus. Für Familien ist die Türkei beim Preis-Leistungs-Verhältnis sehr schwer zu ersetzen.

Können Eltern mit ihren Kindern mit gutem Gewissen in die Türkei fahren?

Unter dem Sicherheitsaspekt denke ich das schon. Der Familien-Badeurlaub findet weder in Istanbul noch in Ankara statt, sondern in den Küstenregionen der Riviera und Ägäis, also in Antalya, Belek oder Ismir. Da gab es keine Anschläge.

Wohin sind die ausgewichen, die nicht in die Türkei wollten?

Extrem gut nachgefragt waren Ziele in Spanien, für die Deutschen neben dem eigenen Land das Urlaubsland Nummer 1.

Gibt es da überhaupt die nötigen Hotelkapazitäten?

Nicht in den nötigen Größenordnungen. Zumindest in den Spitzenzeiten war es schwierig, eine Alternative auf den Balearen, den Kanaren und dem spanischen Festland zu finden. Daher gehörte auch Portugal in diesem Jahr zu den Gewinnern.

Sind deswegen die Preise gestiegen?

Ja. Besonders gefragt war deshalb auch Urlaub in Italien und Österreich. Nicht zu vergessen Deutschland.

Wie lief dieses Jahr für den deutschen Tourismus insgesamt?

Es war ein sehr herausforderndes Jahr, insbesondere durch die terroristischen Anschläge. Das hat die Reiseveranstalter und -büros Umsatz gekostet. Wir rechnen damit, dass der Umsatz 3 bis 4 Prozent unter dem Vorjahr liegt.

Was erwarten Sie für 2017?

Ich rechne damit, dass sich die Situation für bestimmte Länder wieder entspannen wird. Im Moment zeigt sich eine anziehende Nachfrage zum Beispiel für Ägypten. Die Veranstalter haben ihr Angebot dorthin ausgebaut, ie Flugkapazitäten wurden erhöht. Spanien und Portugal entwickeln sich für die Osterferien sehr gut, auch weil die Kunden gemerkt haben, dass sie für preisgünstige Angebote frühzeitig buchen sollten.

Und die Türkei?

Das ist die größte Unbekannte. Die Verunsicherung durch Anschläge ist da, auch wenn die Anschläge bisher nicht die Urlaubsregionen betroffen haben. Wir wünschen uns sehr, dass in der Türkei wieder Ruhe einkehrt – sowohl bei der Sicherheitslage, aber auch bei der Wirkung der türkischen Politik auf die deutsche Medienöffentlichkeit. Wir brauchen die Türkei als Ziel insbesondere für Familien, die nicht so viel Geld ausgeben können.

Gibt es dafür keine Alternative?

Zumindest nicht in der Masse, die droht auszufallen. Daher muss die Türkei zurückkommen.

Bei den Urlaubsfluggesellschaften gibt es Veränderungen durch den Zusammenschluss von Air Berlin und Tuifly. Welche Auswirkungen hat das?

Das lässt sich jetzt noch nicht sagen. Wichtig für den Markt ist, dass es einen gesunden Wettbewerb gibt. Es existieren ja noch andere deutsche Anbieter wie Condor und Germania. Der Zusammenschluss von Air Berlin und Tuifly führt hoffentlich auch dazu, dass die Anbieter wieder Geld verdienen. Auch das sichert den Wettbewerb. Nur dann sind die Kapazitäten auf Dauer gesichert.

Steigen die Preise?

Ich rechne nicht mit massiven Erhöhungen. Es gibt hohe Kapazitäten, auch von Fluggesellschaften aus den Zielgebieten. Die würden schnell aktiv, wenn hierzulande die Preise steigen.

Die Reisebüros kämpfen mit der Online-Konkurrenz. Wie schätzen Sie ihre Lage ein?

Die Online-Suche ist sehr unübersichtlich. Vier von fünf Kunden, die ins Reisebüro kommen, haben sich vorher im Netz orientiert. Viele wollen aber eine persönliche Beratung. Es gibt eine Klientel, das gut mit dem Netz auskommt. Aber sehr viele sind schnell überfordert. Außerdem wollen sie einen Ansprechpartner haben, den sie anrufen können, wenn etwas nicht funktioniert. Auch die Veranstalter müssten noch mehr auf den Wert einer Pauschalreise hinweisen. Da hat der Kunde ein Rundum-Sorglos-Paket.

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27.12.2016, 06:00 Uhr

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