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Das ging ab – im Tanzpalast Hegwiesen

Die U&Dler lieben Rock‘n‘Roll, aber es darf auch andere Musik sein

Schnellstarter: Am Freitag um 17 Uhr eröffneten Junk Children das U&D, Augabe 29. Um 16 Uhr waren schon die ersten Leute da. Die mehrten sich rasch, so früh so voll war der Hegwiesensportplatz lange nicht. Knapp 3000 waren es übers Wochenende. Neuheiten 2012: Es gab Luftmatratzen – und noch ein paar andere Änderungen.

30.07.2012
  • Kathrin Löffler Jürgen Jonas

Mössingen. „Vorsicht! Luftmatratze von hinten!“, hätte man spätabendlich dazugestoßene Festivalbesucher vorwarnen mögen. Ezzo hatten ihrem Auditorium, passend zur eine „Pool Party“ vorsehenden Setlist, eine Runde ansprechend kolorierter Strandurlaubsaccessoires spendiert. Die Dinger erwiesen sich fortan in die Höhe gereckt als Geste der Gefallensbekundung sowie bei übers Gelände wetzenden U&D-Stöpseln als schwer angesagt. Ohnehin: Zum ska-punkigen akustischen Antidepressivum der Band aus Stuttgart am frühen Abend, kuscheligen Hochsommertemperaturen und blitzblauem Himmel ließ sich mit dem Sommerferienauftakt recht gut ein bisschen Touri-Atmosphäre schnuppern. Im Gras praktizierte man gepflegtes Sonnenanbeten, funktionierte Bierbänke samt Sonnenschirmen zu ganz passablen Liegen um und hüpfte den trompetenden und singenden Protagonisten ausstaffiert mit dunklen Gläsern auf der Nase entgegen.

Lieber unreflektiert. So dürften sich die Herren von Vantion Dantion das Amüsement von Teilen ihrer Zuhörerschaft gewünscht haben. Denn: Die U10-Fraktion in der ersten Reihe hatte offensichtlich Bock auf Abgehen. Einige Texte der Tübinger HipHop-Formation mit Live-Band im Anhang blieben jener aber besser unerschlossen. Rapper TimXtreme, wieder Sorgenfalten-frei: „Ich glaub’, die kriegen das auch nicht so mit, das hat mich beruhigt.“ Ansonsten keinerlei Grund zur Beanstandung am Dargebotenen: Eminem-Reminiszenzen, vertonte Grüße an die ehemaligen Pädagogen, korrekte Bewertungen von 80er-Jahre-Trends und der geschmacklichen Stilsicherheit ihrer Akteure („... und Wolfgang Petry sieht scheiße aus!“) gingen gut. Und Sunshine Bozee, der andere am Mikro, brachte seine Freude über die Sprechgesangs-freundliche Ausrichtung des traditionell eher rocklastigen Open-Airs so zum Ausdruck: „Ich finde es cool, dass sich das ein bisschen mischt und man da open-minded ist, dass alle sich vertragen.“

Apropos open-minded: Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht... Sie wissen schon. Und mit Altbewährtem brechen ist auch so eine Sache. Wer’s gitarrenlastig liebt, muss nicht mit Elektro sympathisieren. Auf dem U&D liebte man es lange gitarrenlastig: 28 Mal. Kurz vorm Jubiläum zeigte sich das Orga-Team innovationsfreudig und gönnte dem Festival mit typ:t.u.r.b.o – Premiere! – einen Elektro-Act. Und das war, legt man die Resonanz der Masse als Maßstab an, absolut gerechtfertigt. Die optisch auf der Ich-bin-Künstler-und-setz’-mir-’ne-lustige-Maske-auf-Welle mitschwimmenden Kölner produzierten sofortige Verdichtungstendenzen vor der Bühne, brachten den Pulk zum Tanzen, Hüpfen, Johlen, kollektiven Hinsetzen, Aufspringen, Schubsen. Vom ersten lauten Ton an. Auch nicht so schlecht: Ansagen aus Nebelschwaden wie „Ich will meinen Kopf an mein Herz verlieren“, kleine Pyro-Aktionen, mit dem Strobo-Licht auf der Bühne korrespondierende aufzuckende Blitze überm Albtrauf, doch noch einsetzende Regentropfen zur Abkühlung und Einhaltung der meteorologischen Festival-Tradition. Elektro auf dem U&D? Viele werden sagen: Nochmal, bitte.

„Ein super Auftritt“ sei das gewesen, hieß es über den Beitrag des Mössinger Musikvereins, der ab 15 Uhr, unter Leitung von Simon Löffelmann, den Open-Air-Samstag einleitete. Bedirndlt, lederbehost, poppig, alle Tische belegt, von Jung bis Alt. Organisatorin Stefanie Dürr: „Das zeigt uns auch, wie anerkannt das Festival ist.“ Buster Van Socke, im Steinlachtal bekannt, coverte danach mit Gitarre und Mundharmonika schöne Folksongs. „Der hat’s drauf“, sagte eine Hörerin.

Bad Liver aus Reutlingen kamen mit ihrem „Suffrock“ daher, danach The Low Four und die zwei New York Wannabes. Der Abend brach an und aus. Nina and the Hot Spots lösten rockabillisierend, indem sie, mittels göttlicher Gesangsröhre, die Hegwiesen zum Tanzpalast umdekorierten, manchen spitzigen Begeisterungsruf aus.

The Renderings sind bekanntlich die, die für den Rock’n’Roll sterben. Zehn Jahre gibt es sie. Sänger Chris bedankte sich, dass die Band nach fünf Jahren wieder in Mössingen auftreten dürfe, auch wenn ihm inzwischen die Haare ziemlich ausgefallen seien. Sie boten Stücke aus ihrem neuen Album mit vorwiegend deutschen Texten an. Bis um viertel vor elf Moderator Simon Berhe rief: „Kommt alle, alle, alle nach vorne!“ Denn The Peacocks traten auf. „Geiler Pop“ von hoher Qualität. Vor der Bühne, im direkten Boxen-Donner, gaben sich einige hundert Gäste der Musik und dem Rhythmus hin.

Thema Sicherheitsschleuse. Taschenkontrolle. Kein Fremdbier! Vorher war geunkt worden, das werde nicht gut ankommen. Doch die Schmuggelei von verderbtem Fusel und Dünnbier konnte wohl weitgehend unterbunden werden. Es seien etliche Leute gekommen, sagt Dürr, die Verständnis zeigten: „Ihr müsst euch doch auch finanzieren!“ Der Getränkeverkauf muss super gelaufen sein. Am Bierbrunnen. Und da, wo es „Hugo“ und „Araber“ gab. Oder Alkoholfreies. An den Ständen war zeitweise kaum ein Durchkommen, obwohl die Helfer ihre Hände fleißig rührten. Zum Futtern gab es reichlich, Indisches und Crêpes, das Hotdog-Gefährtle holte alles aus sich heraus. Dürr: „Ich kann es gar nicht glauben. Auf jeden Fall werden wir kein großes Minus haben.“

Die Stimmung war überaus friedlich, „keinerlei unangenehme Vorfälle“. Aber Regenerwartung. In den Himmel schauen. Erst kam ein kaum spürbarer, angenehmer Nieselregen, zwischendrin plätscherte es. Hörte wieder auf. Fing wieder an. Regencapes kamen zum Einsatz. Man drängte sich unter Sonnenschirme. Viele zogen ab. Der Besucherstrom riss allerdings nicht ab. Regen schreckt echte U&D-Fans nicht so leicht ab. Falls ein richtiger Sturm herangebraust wäre, war das U&D gut vorbereitet, die Stromkästen wären rasch umhüllt, die Elektrik zugedeckt gewesen. Am Vorabend waren viele Leute gekommen und hatten gefragt, was sie tun könnten, um das Open Air zu sichern.

Um die 200 Helfer/innen betreuten die Bands mit allem, was sie begehrten, schleppten Kisten, verkauften Gersten- und andere Säfte, erledigten anfallende Arbeiten, „hochbereit und motiviert, ein Superteam“. Monokultur-Menschen! Die „grenzdebilen Heinis“ (Selbstcharakterisierung) saßen in den Pausen, die sie sich gönnten, backstage im Zelt mit den Musikern zusammen, aßen Kartoffelsalat und wurstbelegtes Laugengebäck. „Voll Adrenalin und hundemüde.“ Tim Steinhoff zum Beispiel, seit einigen Jahren aktiv beim U&D, mittlerweile Student der Wirtschaftswissenschaften mit weniger Zeit, hatte den Abend als Springer verbracht, machte „das komplette Programm“, bis hin zum Abbau.

Die „After Show“ bestritten im Zirkuszelt Stumfol mit seiner Gitarre und eigenen Songs, dann Malum persicum, die einzigartige Güterschuppenband. Am Ende jedenfalls war, wie versprochen, der Rock’n Roll-Bedarf im Steinlachtal gedeckt. Fürs erste. Nächstes Jahr steht das Dreißigjährige an. Das Orga-Team 2012 und die Hauptverantwortlichen, Stefanie Dürr, Marcel Valin und Silvan Schüssler, überlegen schon, wer spielen soll.

Die U&Dler lieben Rock‘n‘Roll, aber es darf auch andere Musik sein
Die E-Musik hat das U&D erobert: typ:t.u.r.b.o spielten vor einer ekstatisch zu Elektro-Klängen tanzenden Menschenmenge; Ezzo inspirierte zur guten alten Tradition des Stage-Divens; die Peacocks mögen’s (auch) klassisch mit Kontrabass; die Renderings führten mit neuer Platte vor, dass Punkrock noch lange nicht tot ist; Nina and the Hot Spots inspirierten mit Rockabilly zum Tanzen (im Uhrzeigersinn von links oben). Bild: Rippmann

Fast 3000 Besucher – damit sind die Monokulturisten sehr zufrieden. Zwischen zweieinhalb- und dreitausend sind es normalerweise, sagt Stefanie Dürr vom Organisations-Team. Wie es um die Finanzen bestellt ist, konnte sie gestern noch nicht wissen. Denn einige Rechnungen stehen aus. „Bisher sieht es gut aus“, äußerte sie vorsichtig-optimistisch. Aber es könnte sein, dass der Regen dem technischen Gerät zugesetzt hat – am Freitag fiel auf der Bühne mal der Strom aus. Dann könnte es teuer werden.

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30.07.2012, 12:00 Uhr

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