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Evan Burgess hat als Straßenmusiker viele Länder bereist

Die Uhr immer im Blick

Straßenmusiker müssen in vielen Ländern strenge Regeln beachten. Der Brite Evan Burgess erzählt, warum es ihm trotzdem Spaß macht, und dass Straßenmusik recht einträglich sein kann.

22.08.2012
  • Jannik Euteneuer

Tübingen. Bei „Father and Son“ werden seine Zuhörer dann doch schwach. In den Minuten zuvor fanden nur vereinzelt Münzen ihren Weg in den aufgeklappten Gitarrenkasten, der neben Evan auf dem Pflaster an der Krummen Brücke liegt. Doch kaum hat der Musiker den Hit von Cat Stevens aus den 70er-Jahren auf seiner bunt bemalten und beschriebenen Gitarre angestimmt und die ersten Verse gesungen, werfen nach und nach immer mehr Leute ihre Münzen in den Kasten, wo sie klimpernd auf dem Boden landen.

Nach dem Song wirft Evan einen prüfenden Blick auf sein Handy, dann packt er seine Gitarre ein. „Die Zeit ist rum“, sagt er, zählt seine Münzen und nickt zufrieden. 17 Euro hat er in der letzten halben Stunde verdient. Kein schlechtes Geschäft.

Evan setzt sich in ein angrenzendes Straßencafé und bestellt in gebrochenem Deutsch eine heiße Zitrone. Ungläubiges Stirnrunzeln nicht nur bei der Kellnerin, sondern auch bei den Tischnachbarn. „Das ist gut für die Stimme“, erklärt er lachend. Evan verdient sein Geld ausschließlich als Straßenmusiker, seine Stimme ist sein Kapital.

Evan ist 27 Jahre alt und kommt aus Großbritannien, seit Juli wohnt er jedoch in Dänemark. Eine knappe Woche hat der Brite bereits in Tübingen verbracht, weil er beim „Carpe Viam“-Festival auf dem Festplatz einige Workshops gegeben hat. Den Rest seiner Zeit hat er für eigene Auftritte genutzt, zwei mal täglich in der Innenstadt gespielt und dabei gut verdient. „Die Leute hier waren wirklich entspannt und sehr großzügig“, sagt Evan. Dass es im Gitarrenkasten geklimpert hat, liegt vermutlich auch an der Jahreszeit, denn seiner Erfahrung nach sei es so, dass die Leute das Geld im Sommer und in der Weihnachtszeit am lockersten sitzen hätten.

Heiße Zitrone ist gut für die Stimme

„Es ist vollkommen unterschiedlich, wie viel Straßenmusiker im Monat verdienen“, sagt Evan. Seinen Rekord erlebte der Brite in der Weihnachtszeit – 1 600 Euro landeten dort innerhalb einen Monats in seinem Gitarrenkasten. „Manche schmeißen dir da wirklich 50 Euro rein, weil sie denken ’Der arme Kerl, der hat ja nichts.‘“

Maximal dreißig Minuten durfte Evan das Publikum in Tübingen mit seiner Musik unterhalten, danach musste er eine halbe Stunde Pause einlegen und den Standort wechseln. Bei seiner Ankunft in der Stadt hat er auch gleich den passenden Merkzettel in die Hand gedrückt bekommen. Aus diesem Grund legt Evan immer sein Handy auf den Gitarrenkasten, während er spielt. So hat er die Uhrzeit im Blick und bekommt keine Probleme mit Polizei oder Ordnungsamt.

Viel strenger als in Deutschland seien die Regeln jedoch in Dänemark. „Wenn Musiker dort Geld sammeln, zählt das als Betteln.“ Und Betteln ist in Dänemark verboten, fügt Evan hinzu. Dort sei er auch schon mehrfach von der Polizei weggeschickt worden. Der Brite hat schon in vielen Ländern Europas die Straßen bespielt, ernsthafte Probleme mit der Polizei hat er bisher in keinem Land bekommen. Auch nicht in Dänemark.

In Schweden hingegen gibt es kaum Vorschriften für Straßenmusiker. Dort hat Evan mehrere Jahre in der Nähe von Lund gelebt, wo sich mit 35 000 Studenten eine der größten Universitäten Skandinaviens befindet. „Die Leute in Lund sind sehr aufgeschlossen und neugierig. Es macht viel Spaß, dort zu spielen“, berichtet Evan. Dass es für Straßenmusiker in Schweden so leicht ist, wusste Evan nicht, als er dort hinzog. Denn eigentlich wollte er aus einem ganz anderen Grund nach Skandinavien: Seine damalige Freundin wohnte in Lund.

Am Freitag fährt Evan zurück in seine Vierer-WG nach Dänemark, bevor es Mitte September heim nach England geht. „Die letzten Jahre waren toll. Aber jetzt wird es langsam langweilig, weil aus dem Hobby ein Job geworden ist“, sagt Evan. In seiner Heimat will er sich eine feste Stelle in der Musikbranche suchen. Auf der Straße will er dann nur noch ab und zu singen - und nur, wenn er Lust hat.

Die Uhr immer im Blick
„Im Sommer und in der Weihnachtszeit sind die Leute am großzügigsten.“ Der Brite Evan Burgess verdient sein Geld als Straßenmusiker. Bild: Euteneuer

Mehr als 20 000 Euro mussten die Organisatoren des Straßenkunstfestivals „Carpe-Viam“ aufbringen. „Der Großteil ging für die Fahrtkosten drauf, die wir den Künstlern erstattet haben“, berichtet Mit-Organisator Leonhard Flieger. Viele Künstler haben für das Festival auf ihre Gagen verzichtet. „Einige haben wir auf deren Wunsch hin jedoch auch für ihre Auftritte bezahlt“, sagt Flieger. Die höchste Gage habe aber unter 300 Euro gelegen. Ein großer Teil des Festival-Budgets kam aus dem Topf des EU-Programms „Jugend in Aktion“, das 7500 Euro zur Verfügung stellte. Die Stadt Tübingen steuerte 5 000 Euro zu dem Festival bei, die Jugendstiftung Baden-Württemberg 3 000 Euro. Die restlichen Ausgaben wollen die Veranstalter mit dem Getränke- und Essensverkauf und durch Spenden einnehmen. „Wir sind trotz der starken Hitze mit den Besucherzahlen zufrieden“, zeigte sich Flieger über den Verlauf des Festivals erfreut.

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22.08.2012, 12:00 Uhr

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