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Ralf Knöringer zeigt Fotoapparate seiner berühmten Vorfahren

Die Vogelmutter und ihr Ururenkel

Man nannte sie die „Vogelmutter“: Lina Hähnle (1851 bis 1941) gehörte zu den allerersten, die sich für den Naturschutz einsetzten – zusammen mit Sohn Hermann, der als Pionier des Naturfilms gilt. Lina Hähnles Ururenkel Ralf Knöringer lebt in Gomaringen, hat Kameras und Fotos aus dem Familienbesitz für die aktuelle Ausstellung im Schloss zur Verfügung gestellt – und kennt viele alte Geschichten.

02.06.2012
  • Gabi Schweizer

Gomaringen. Drei in einem Boot: Die Lausejungen, um die 14 Jahre alt, steuern einen Fluss hinunter und reißen im Vorbeifahren Holunderzweige ab, die sich blütenbehangen übers Wasser wölben. Ein wütender Lehrer brüllt über die Brückenbrüstung, so laut er kann. Schaulustige laufen zusammen, ein Polizist eilt herbei.

Die Vogelmutter und ihr Ururenkel
Ralf Knöringer mit einer Stereokamera seines Großonkels Hermann Hähnle (1879 bis 1965): Er gilt als erster Naturfilmer. Mit seinen Aufnahmen warb er für den Naturschutz und unterstützte damit die Arbeit seiner Mutter Lina Hähnle. Ein Teil der Ausrüstung ist nun im Gomaringer Schloss zu sehen, in der Ausstellung „Klick! – Historische Kameras und Gomaringer Bilder“. Geöffnet ist sie immer sonntags von 13 bis 17 Uhr. Bild: Rippmann

Und schließlich kommt eine ältere Frau in schlichter dunkler Kleidung des Weges, an der Leine einen Bernhardiner. Sogleich richten alle ihre Aufmerksamkeit auf die betagte Dame, die den Jungen erklärt, man solle jedes lebendige Geschöpf achten, kein Tier quälen, keine Pflanzen ausreißen. Gedreht hat den Film Hermann Hähnle, mit seiner Mutter Lina in der Hauptrolle und vielen anderen Laiendarstellern. Zahlreiche Schulkinder dürften den Film gesehen haben – für sie war er bestimmt.

Möglich, dass das Filmchen mit einer jener Kameras entstand, die nun in einer Vitrine im Gomaringer Schloss lagern. In der Wiesazgemeinde lebt Lina Hähnles Ururenkel Ralf Knöringer, der einen Teil des Familienschatzes geerbt hat. Knöringer, 38 Jahre alt, ist selbst Fotograf. Seine Bilder entstehen auf Hochzeiten, für Firmen macht er „Werbefotografie, die auffällt“.

Nicht, dass er Naturbilder uninteressant fände – in seiner Freizeit schießt er selbst welche. Aber nur für sich. „Das ist bei Weitem nicht mein Spezialgebiet, da gibt es bessere Leute in der Umgebung“, sagt er bescheiden. Es ist ein dezenter Hinweis auf die berühmten Naturfilmer und Fotografen Karlheinz Baumann und Dietmar Nill.

Die Vogelmutter und ihr Ururenkel
Lehrfilm mit Lausbuben: Auch Holunderäste darf man nicht einfach abreißen, erklärt Lina Hähnle (im schwarzen Kleid) den Jugendlichen in einem Film, in dem sie wie üblich für den Naturschutz warb. Die Film-Kamera bediente Hermann Hähnle, auf dem Gruppenfoto ist er selbst halb zu sehen: Er beugt sich zum Bernhardinerhund seiner Mutter hinunter. Das Mädchen im weißen Kleid mit den großen Schleifen an den Zöpfen ist Magda Knöringer, die einen Teil der Hähnle-Filme später rettete.

Im Nabu ist Ralf Knöringer natürlich trotzdem. Nicht aktiv zwar („ich bin kein Vereinsmensch“), aber wer eine solche Ururoma hat, kann den Naturschutzbund schwerlich ignorieren. Lina Hähnle, Gattin eines sozial agierenden Großindustriellen, gründete 1899 in der Stuttgarter Liederhalle den Bund für Vogelschutz. Sie habe, so heißt es in einem Dokumentarfilm, die mit der Industrialisierung einhergehende Zerstörung der Natur nicht länger ertragen können.

„Sie war die Erste, die sich für den Naturschutz eingesetzt hat“, sagt Ralf Knöringer. Zu einer Zeit, als es noch gar nicht üblich war, dass Frauen sich überhaupt für irgend etwas außer Kinder, Küche, Kirche engagierten: „Damals durften Frauen nicht mal studieren.“ Der Ururenkel, hat seine berühmte Ururgroßmutter natürlich nicht persönlich kennengelernt. Sie starb viele Jahre, ehe er geboren wurde.

Aber es gibt eine direkte Verbindung, über die die Familiengeschichten tradiert wurden: Magda Knöringer, Enkelin der Lina Hähnle und Großmutter von Ralf Knöringer. Sie kannte die „Vogelmutter“ gut, wusste viele Geschichten von ihr zu erzählen und hat wohl auch deren Tierliebe geerbt. Ralf Knöringer erinnert sich an die Vögel, die winters bei seiner Oma ans Fenster pickten, und an das Eichhörnchen, das sich auf ihren Arm traute. Bei Lina Hähnle muss das ähnlich gewesen sein. Zahlreiche Vögel soll sie gesundgepflegt haben. Das bekannteste Foto zeigt sie mit drei Eulen (siehe unten).

Die Vogelmutter und ihr Ururenkel
Was hätte diese Frau wohl gemacht, wenn sie nicht 1851 geboren wäre, sondern 100 Jahre später? Lina Hähnle durfte nicht studieren – die patriarchale Gesellschaft bot Frauen weder Berufs- noch Bildungschancen. Doch der von Lina Hähnle gegründete „Bund für Vogelschutz“ wuchs binnen weniger Jahre auf über 40000 Mitglieder an, prominente wie einfache Leute waren darunter. Wenn Lina Hähnle zu Vortragsreisen fuhr, nutzte sie immer die „Holzklasse“: So kam sie mit Menschen aller Schichten ins Gespräch. Den Verein leitete die Industriellengattin „nach dem Vorbild der Firma ihres Mannes“, heißt es in Anita Binders Dokumentarfilm „Die Vogelmutter“. Was bedeutet: Sie hatte einen guten Sinn fürs Geschäft. Lina Hähnles wichtigster Mitarbeiter war ihr Sohn Hermann, der „Filmpionier“ – das Foto hat höchstwahrscheinlich er gemacht.

Der 2009 verstorbenen Magda Knöringer ist es zu verdanken, dass so viele Originalaufnahmen aus der Gründerzeit des Bunds für Vogelschutz erhalten sind – jedenfalls die, die nicht im Krieg zerstört wurden. Nitrofilme können sich selbst entzünden. Sie zu lagern, barg ein großes Risiko. Magda Knöringer bewahrte sie trotzdem auf, behalf sich, indem sie sie gut verpackte und im Garten vergrub.

Der kleine Ralf durfte zusammen mit der Oma die „Kistle“ durchsuchen, in denen die (ungefährlichen) Fotos lagerten. Auch sie müssen Magda Knöringer wichtig gewesen sein wie ein Schatz. Trotz Rheuma packte sie die Bilder immer wieder aus. Nicht so erfolgreich waren ihre Versuche, die Aufnahmen an ein staatliches Archiv zu übergeben. Alle scheuten den Aufwand, den es bedeutete, das ganze Material zu sichten, zu sichern, einzuordnen. So blieb nichts anderes übrig, als den Nachlass aufzuteilen.

Dabei sind die historischen Aufnahmen durchaus bedeutend. Hermann Hähnle war neben dem König der Erste in Württemberg, der um 1900 schon eine Filmkamera besaß und selbst an der Technik tüftelte. Als Erster machte er Aufnahmen in der freien Natur, die seine Mutter wiederum bei Vorträgen zeigte. Er filmte Vögel, die graziös über einem Fluss schweben. Eine Hummel umschwirrt ein Karlszepter am Federnsee. Vogeljunge sperren im Nest die Schnäbel auf. Störche spazieren über eine Wiese. Birkhähne balzen.

Viele dieser Aufnahmen entstanden in den Schutzgebieten, die Lina Hähnle aufgekauft hatte, um sie sich selbst zu überlassen – ein heute gängiges, damals ganz neues Konzept. Für exotischere Bilder beauftragte Hermann Hähnle andere Kameraleute, die er zuvor hatte ausbilden lassen und deren Expeditionen er finanzierte. In der Gomaringer Ausstellung sind beispielsweise handkolorierte Fotos aus Afrika zu sehen, die der Abenteurer Karl-Georg Schillings aufgenommen hat.

Mehr als seine Geschwister engagierte Hermann Hähnle sich für den Naturschutz. Doch ihn muss auch die Sammlerlust angetrieben haben. Und der Wunsch, Ereignisse zu dokumentieren. Viele seiner kleinen Filme drehte er über Familienfeiern, aber beispielsweise auch über einen Besuch Hindenburgs in Stuttgart. Auf den Familienvideos ist immer wieder „Vogelmutter“ Lina zu sehen: Als Gastgeberin; als Tierfreundin, die ihr Frühstück mit den Vögeln teilt; als zupackende Frau, die im Park ihrer Villa Hühner hält – so bekam sie Eier für die Kinderkrippe der Filzfabrik.

Fast alle Filme sind tonlos. Nur einmal spricht Lina Hähnle, und man ist fast ein bisschen erstaunt über ihr breites Schwäbisch und ihre zittrige Altfrauenstimme, was irgendwie in Einklang gebracht werden muss mit dem Bild von der weltgewandten Frau, die in ihrem Salon die Stuttgarter Promis empfängt und in ganz Deutschland, manchmal auch im Ausland, Vorträge hält.

Zu sehen sind diese kleinen Stummfilme heute in Kay Hoffmanns Dokumentation über den „Filmpionier“ Hermann Hähnle und in Anita Binders Filmporträt über „Die Vogelmutter“. Beide entstanden für das Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart, das nun einen Teil des Nachlasses beherbergt.

Wie Lina Hähnle wohl den Nationalsozialismus erlebt hat? Sie war fest bei den Liberalen verankert, urteilt Dokumentarfilmerin Anita Binder. Gleichwohl stellte sich der Bund für Vogelschutz 1933 „freudig hinter den Führer“ in einem Brief, in dem von „Heimat- und Naturliebe“ die Rede ist.

„Das mag zum Teil nur die unter der Bedingung der Diktatur verständliche Ergebenheitsrhetorik sein, aber sicher verspricht sich der BfV von den braunen Machthabern tatsächlich einen größeren Stellenwert des Naturschutzes“, heißt es auf der Nabu-Homepage. 1938 gab Lina Hähnle ihr Präsidentinnenamt ab, als der Vereinssitz nach Berlin verlegt wurde. „Sie hat den Vorsitz abgelehnt“, sagt ihr Ururenkel. 1934 war der Verein gleichgeschaltet worden. Lina Hähnle starb 1941, im selben Jahr, in dem einer ihrer Söhne den „Euthanasie“-Morden der Nazis zum Opfer fiel.

Heute ist die Realschule in Sulz nach Lina Hähnle benannt, der Nabu vergibt Lina-Hähnle-Medaillen an Leute, die sich besonders für die Natur eingesetzt haben. Und Ralf Knöringer hat mal angefangen, die alten Fotos einzuscannen.

Lina Hähnle (1851 bis 1941) wuchs in Sulz, Rottweil und Schwäbisch Hall auf. Ihr Vater starb, als sie 15 Jahre alt war – daraufhin zog sie mit ihrer Mutter und den beiden Brüdern nach Tübingen, wo diese studieren konnten. Mit 20 Jahren heiratete Lina ihren Cousin Hans Hähnle, der in Giengen eine Wollfilzmanufaktur gegründet hatte. Als Hans Hähnle zusätzlich für die Liberalen in den Landtag zog, übersiedelte die Familie nach Stuttgart. Lina Hähnle gebar acht Kinder, von denen zwei kurz nach der Geburt starben. Ihre Tante war Margarethe Steiff: Lina Hähnle kaufte die ersten Stofftiere als Weihnachtgeschenke für ihre Kinder. Dem Naturschutz widmete sie sich nach der Familienphase. 1899 gründete sie den „Bund für Vogelschutz“. Ihr Mann unterstützte sie prinzipiell, war gegen den patriarchalischen Zeitgeist aber nicht gefeit: „Mach’ unserem Namen keine Schande“, warnte er. Lina Hähnle gelang es binnen kürzester Zeit, auch über ihre guten Verbindungen ihres Mannes zu anderen Industriellen und zu liberalen Politikern, den Verein bekannt zu machen – sogar das württembergische Königspaar und Woodrow Wilson traten bei. 1925 zählt er mehr als 40 000 Mitglieder. Bis 1938 war Hähnle Vorsitzende, dann gab sie das Amt ab. Ein Nazi übernahm den Posten. Der Verein war schon 1934 zum „Reichsbund für Vogelschutz“ umbenannt und gleichgeschaltet worden.
Lina Hähnle starb 1941. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bund für Vogelschutz als Naturschutzbund Deutschland (Nabu) wieder gegründet.
Zwei Filmporträts gibt es über die Hähnles: „Die Vogelmutter“ von Anita Binder. Kay Hoffmann hat sich mit dem Sohn befasst: „Filmpionier Hermann Hähnle – Immer in Bewegung“.

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02.06.2012, 12:00 Uhr

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