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Energie

Die Welt unter Strom

Noch immer haben 840 Millionen Menschen auf der Erde keinen Zugang zu Elektrizität. Bis 2030 sollen alle Menschen versorgt werden. Doch es ist zweifelhaft, ob das zu erreichen ist.

19.08.2019

Von ANDRé BOCHOW / NBR

Wo es Strom gibt, zeigt dieser Blick aus dem Weltall. Foto: © pio3/Shutterstock.com Foto: © pio3/Shutterstock.com

Berlin. Wenn in Ländern in Äquatornähe gegen 18 Uhr geradezu schlagartig die Dunkelheit einsetzt, lernt man sehr schnell die Bedeutung elektrischen Stroms kennen. Vor allem dort, wo keiner fließt. „Es erstirbt das gesellschaftliche Leben, und die Möglichkeiten, sich kulturellen oder produktiven Aufgaben zu widmen, werden stark eingeschränkt“, sagt Rainer Quitzow, Forschungsgruppenleiter am Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung.

Der Wissenschaftler befasst sich unter anderem mit der Energieversorgung in Afrika. Er weiß, dass ein Stromzugang nicht automatisch wirtschaftlichen Aufschwung bringt. „Sicher wird der Strom oft erst einmal nur konsumiert. Für den Fernseher. Oder für Licht.“ Aber das Leben wird reicher, „und auch ein Fernseher oder ein Radio ermöglichen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben über das eigene Dorf hinaus. Mobiltelefone sowieso.“

Schwer vorstellbar, dass immer noch fast eine Milliarde Menschen von solcher Teilhabe ausgeschlossen sind. 840 Millionen verzeichnet der aktuelle globale Energiefortschrittsbericht für 2017. Ein Jahr zuvor waren es noch eine Milliarde. Nach dem Bericht, der unter anderem von der Statistikabteilung der Uno, der Weltbank und der Gesundheitsorganisation WHO herausgegeben wird, stieg der Anteil derjenigen, die Zugang zu Strom hatten, von 1990 bis 2017 von 72 auf 89 Prozent.

Allerdings ist der Fortschritt ungleich verteilt. Während sich in Indien mittlerweile nahezu alle Einwohner über einen Stromzugang freuen, müssen in Afrika südlich der Sahara fast 600 Millionen Menschen ohne Strom auskommen. 1990 waren es fast 200 Millionen weniger. Und die richtig schlechte Nachricht: Das UN-Entwicklungsziel, dass im Jahr 2030 jeder Erdenbewohner mit Elektrizität versorgt sein soll, dürfte nicht erreicht werden. Beim gegenwärtigen Entwicklungstempo und beim gleichzeitigen Wachstum der Weltbevölkerung werden 2030 immer noch 640 Millionen Menschen nachts im Dunkeln sitzen, nur tagsüber lernen oder lesen können und weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten sein.

Selbst wenn es gelingt, auch in entlegene Gebiete einen Stromzugang zu legen, sind damit längst nicht alle Probleme gelöst, meint Rainer Quitzow. „Die Menschen müssen den Strom bezahlen können, und er muss kontinuierlich fließen. Tatsächlich sind aber die Strompreise gerade in ländlichen Regionen oft höher als in Städten, und auf dem Land sind auch Stromausfälle häufig ein Problem.“ Nach UN-Angaben leben 87 Prozent der Menschen ohne Strom in ländlichen Gebieten.

Nach Ansicht des Potsdamer Wissenschaftlers muss deshalb kleinteiliger gedacht werden. „In bestimmten Gegenden ist es einfach viel teurer, ein Stromnetz auszubauen, als dezentrale Systeme zu nutzen.“ Auch der internationale Energiefortschrittsbericht regt für die am schwersten erreichbaren Gebiete netzunabhängige Lösungen an. Empfohlen werden Solarleuchten, SolarHome-Systeme und so genannte Mini-Grids, also netzferne Energieerzeugung im kleinsten Maßstab auf der Basis von Sonnenenergie, Wasserkraft oder Biogas. 2017 hatten immerhin 34 Millionen Menschen durch solche Technologien einen halbwegs brauchbaren Stromzugang.

Bis aus solchen dezentralen Projekten eine Energieversorgung für eine tragfähige wirtschaftliche Entwicklung werden kann, muss wohl noch einige Zeit vergehen. Immerhin bieten afrikanische Länder auch deutschen Firmen die Chance für Investitionen im Energiebereich. Noch. So sieht es jedenfalls Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. In einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“ sprach er sich gegen den Aufbau grenzüberschreitender Stromleitungen in Afrika aus, weil die Energieversorger dafür kein Geld hätten. Liebing hat einen anderen Vorschlag: Weil in Deutschland „der Zubau neuer Erzeugungskapazität ins Stocken geraten ist“, ermuntert er die Unternehmer, „sich aufzumachen Richtung Süden und die Elektrifizierung Afrikas voranzutreiben“.

Liebing, der auch Vorstandsmitglied des CDU-Wirtschaftsrates ist, meint damit ausdrücklich jene Unternehmen, die sich um erneuerbare Energien kümmern. Solche Vorstöße könnten auf fruchtbaren Boden fallen – oder zu spät kommen. „Marokko zum Beispiel ist ein internationaler Vorreiter beim Aufbau solarthermischer Kraftwerke, sagt der Politikwissenschaftler Quitzow. „Äthiopien hat bereits heute eine fast CO2-neutrale Stromversorgung.“

Nicht alle haben Anschluss

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Erstellt:
19. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. August 2019, 06:00 Uhr

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