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Die Welt wär' ein Sumpf – ohne die Enthusiasten
Gabriele Hintermaier als Hutzelmännlein. Foto: Julian Röder
Theater

Die Welt wär' ein Sumpf – ohne die Enthusiasten

Intendant Armin Petras setzt seine Reihe „Regionalia“ mit Mörikes „Stuttgarter Hutzelmännlein“ fort.

23.01.2017
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart. In München wird heiß debattiert ums Für und Wider von Schauspieler- oder Performer-Theater. In Bochum inszeniert Hasko Weber hoch Politisches: „Biedermann und die Brandstifter“. Und in Stuttgart? Da steht jetzt ein Märchen auf dem Spielplan, das „Stuttgarter Hutzelmännlein“ von Eduard Mörike. Schon 2003 hat Intendant Friedrich Schirmer versucht, die Geschichte von biedermeierlichem Staub freizupusten.

Heute, 14 Jahre später, setzt Intendant Armin Petras mit dem „Hutzelmännlein“ die Reihe seiner Bemühungen fort, regionale Stoffe aufzugreifen. Gespielt wird – Premiere war am Samstag im Schauspielhaus – eine neue Fassung, eingerichtet von der Regisseurin Hanna Müller und der Dramaturgin Anna Haas. Was herauskommt, ist zumindest vielfältig: irgendetwas zwischen bravem Erzähltheater und quirligem Märchenspiel-Workshop, ergänzt mit Video-Sequenzen und unterbrochen von Folklore-Einlagen einer Drei-Mann-Band um den hierzulande bekannten Polka-Rocker Stefan Hiss. Und von wegen Biedermeier: Gleich zum Auftakt erklingt mit Gitarre und Quetschkommode ein Gedicht, in dem Mörike sich outet: „Die Welt wär‘ ein Sumpf, stinkfaul und matt, / Ohne die Enthusiasten: / Die lassen den Geist nicht rasten.“

Sechs Schauspieler sind es, die die mehrfach verschachtelte Geschichte nun in ständig wechselnden Rollen erzählen und spielen. Christian Czeremnych könnte als Seppe mit seinen vertauschten Schuhen locker im Monty-Python-Team für verrückte Gangarten mitstaksen. Und Manja Kuhl beeindruckt als irrwitzig tanzende Vrone sowie als schöne Lau mit geschmeidiger Akrobatik im hoch hängenden Reifen. Hanna Müllers Regie setzt weniger auf Requisiten und feste Rollen, sondern auf Imaginationskraft und Spielfreude. Die Bühne? Wir sehen schräg ansteigende, dann senkrecht aufragende Kletterwände, die an eine Halfpipe erinnern. Immer wieder nehmen die Schauspieler Anlauf, rennen die Wände ein Stück hoch und landen doch stets wieder unten. Als wäre das Leben eine Abfolge gescheiterter Ausbruchsversuche. „Der Mensch verlangt und scheut zugleich, aus seinem gewöhnlichen Selbst vertrieben zu werden“ – auch das ist Mörike.

Nur einer darf alles von ganz oben lenken und betrachten: das Hutzelmännlein. Gabriele Hintermaier, die schon 2003 als schöne Lau dabei war, spielt nun die Titelfigur, ein Wuselkerlchen mit Rauschebart, das immer wieder eingreift und für schwäbische Einsprengsel sorgt: „Hosch's Klötzle?“ Über den Mangel an Native Speakers spielt sich das Ensemble humorig dilettierend hinweg. Alle verkörpern alles, darunter auch Felix Mühlen, dessen Stuttgarter Debüt als giftende Frau Bläse („mir gebet nix!“) und theatralisch sterbender Dr. Veylland vielversprechend ausfällt. Nein, biedermeierliche Betulichkeit vermeidet Hanna Müllers Inszenierung. Die kommt teils poetisch daher, etwa wenn der Blautopf als Groß-Video mit bizarren Fisch- und Krakentieren aufscheint. Teils aber auch amüsant splatterhaft, wenn Felix Mühlen als quiekendes Schwein mit dem Hackebeil dahingemetzelt wird. Trotz kleiner Durststrecken gelingt der Versuch, ein sich altertümlich gerierendes Märchen mit Mitteln des modernen Theaters neu zu beleben.

Otto Paul Burkhardt

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23.01.2017, 06:00 Uhr

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