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Die Welt zu Gast in Marzahn
Eine futuristische Aussichtsplattform namens Wolkenhain thront über dem Gelände. Foto: DPA
Ausstellung

Die Welt zu Gast in Marzahn

Eingerahmt von Plattenbauten soll die Internationale Gartenschau dem Berliner Bezirk mit schlechtem Ruf zu einem Imagewandel verhelfen.

15.04.2017
  • MARIA NEUENDORFF

Berlin. Wer an der spröden Hellersdorfer Straße aus der U-Bahn steigt, wähnt sich am Ende der Welt. Würde da nicht plötzlich ein grünes Rund zwischen den grauen Häuserkanten hervorlugen. Wie ein bepflanztes Ufo hat sich die Talstation in die Betonwüste gesetzt. 65 Tiroler Gondeln schweben 100 Meter den Kienberg hinauf. Wer einsteigt, gleitet über das von DDR-Plattenbauten eingerahmte Gartenschaugelände. Statt Alpengipfel säumen 20-Geschosser den Horizont. Vor ihrer Kulisse haben Gärtner 1500 neue Bäume, 6000 Rosen und 300 000 Blumenzwiebeln gepflanzt.

Ein einzigartiger Kontrast. Zwischen den Natursteinwänden der neuen Wassergärten schwebt Dampf empor. Ein Steg aus rostigem Eisen führt über das renaturierte Wuhletal, in dessen sumpfiger Landschaft vom Aussterben bedrohte Rinderarten und Schafrassen grasen. Die Spielplätze wurden von Holzkünstlern in Handarbeit gefertigt. Mit ihren poetischen Figuren zitieren sie Erich Kästner. Künstler aus aller Welt haben die Wiesen mit Klangkunst und Spiegel-Labyrinthen bestückt. Und das mitten in Marzahn-Hellersdorf. Einem Stadtteil, dem das Klischee höchstens Plastik-Orchideen im Einkaufscenter und rosafarbene Jogging-Hosen zubilligt.

„Ich fand die Vorstellung inspirierend, Landschaft quasi aus dem Nichts entstehen zu lassen“, sagt Tom Stuart-Smith aus Großbritannien. Vor zwei Jahren ließ er erstmals ganz verschiedene Samen in aufgebaggerten braunen Boden rieseln. Die wilden Sommerblumen, die sich nun in seinem Experiment durchsetzen, werden erst in ein paar Wochen blühen. Stuart-Smith gehört zu einer Reihe internationaler Landschaftsarchitekten, die zehn Gartenkabinette gestaltet haben. Die meisten haben sich mit der Verdrängung von Natur in Städten auseinandergesetzt.

So haben sie zwischen klassischen Blumenhallen und Beeten auch eine Garteninsel vor einer Shopping-Mall in Los Angeles nachgestellt, die von Asphalt und parkenden Autos umgeben ist. Für tropische Stimmung sorgen Hanfpalmen und Bambus, statt klassischem Rasen findet man in den mit Holz und Stein gezähmten Minigärten, Moos und Farne. „Hier kann man sich durchaus was abgucken. Nur die Apfelbäume stehen etwas sehr eng“, findet Ingrid Krauß, die mit ihrem Mann gleich am Eröffnungstag gekommen ist. Das Rentnerpaar hat neben dem IGA-Gelände einen eigenen Kleingarten.

Aus Trümmern entstanden

Beide können sich an Zeiten erinnern, als Marzahn noch DDR-Mustersiedlung war, weil dort das Wasser warm aus der Wand kam. Der 100 Meter hohe Kienberg ist nach dem Krieg aus Trümmern und Bauschutt entstanden. Nun thront eine futuristische Aussichtsplattform namens Wolkenhain auf dem Gipfel. Die neue Sommerrodelbahn lädt Familien zur lustigen Talfahrt ein. Michael Krauß und seine Frau hoffen, die 1,5 Kilometer lange Seilbahn nach dem Ende der 186-tägigen Gartenschau auch mit dem normalen Monatsticket benutzen zu können. Den Weiterbetrieb für mindestens drei Jahre hat die Firma Leitner zugesagt. Das Unternehmen aus Tirol hat auch schon Slums in Südamerika mit Seilbahnen angeschlossen. Die Berliner IGA bietet eine gute Plattform, die Gondeln als umweltschonende Alternative im Stadtverkehr zu bewerben.

„Gartenschauen sind nicht nur etwas für die Sinne, sondern setzen auch Impulse für die Stadtentwicklung“, sagt dann auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Eröffnungsrede. „Eine der Zukunftsfragen ist, wie in Metropolen die Außenbezirke attraktiver gemacht werden könnten.“

Während das Staatsoberhaupt am ersten Tag die „neue Pracht im Riesen-Biotop Berlin“ lobt, herrscht draußen vor den Toren beim normalen Publikum Unmut. Manche der Tickets, die im Vorverkauf für 20 Euro erworben wurden, funktionieren an den elektronischen Einlasskontrollen nicht. Dafür laufen die Roboter-Rasen-Mäher einwandfrei, die zwischen Narzissen und Stiefmütterchen ihre Runden drehen. In einem der Info-Pavillons werden sicherheitshalber schon die Buga in Heilbronn und die Laga in Wittstock beworben. Schließlich waren vergangene Schauen in Hamburg und im Havelland finanziell eher ein Flopp. In die erste IGA in Berlin flossen aus verschiedenen Töpfen rund 130 Millionen Euro. Das Land Berlin gab einen Zuschuss von knapp zehn Millionen Euro und rechnet mit 30 Millionen Euro Einnahmen durch rund zwei Millionen Besucher. 85 Prozent der Infrastruktur soll dauerhaft erhalten bleiben. „Ich hoffe, der frische Wind, für den die IGA in Marzahn-Hellersdorf sorgt, wird noch wehen, wenn hier im Oktober die Blumen verblüht sind“, sagt Steinmeier.

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15.04.2017, 06:00 Uhr

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