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120 Minuten zwischen Hoffen und Bangen im Tübinger Anlagenpark (Bilder & Video)

Die Weltmeister wie Weltmeister feiern

Unbeschreiblicher Jubel kurz nach halb zwölf, als es endlich vorbei, als Deutschland Fußball-Weltmeister 2014 geworden ist. Mehr als 3000 Menschen verwandelten den Tübinger Anlagen-Park in ein Klein-Maracana.

14.07.2014
  • Volker Rekittke, Ernst Bauer

Tübingen. Dichtes Gedränge schon eine Stunden vor dem Anpfiff des Endspiels im fernen Brasilien. Aus dem ganzen Landkreis sind die Fans zusammengeströmt, teils in abenteuerlichen Kostümierungen, mit schwarz-rot-goldenen Iros, Fähnchen auf dem Kopf und einem ebensolchen Lächeln im Gesicht; einige auch mit Poldi- und Schürrle-Masken; erstaunlich viele junge Frauen. Der wohl allerjüngste Fan an diesem Abend sitzt noch im Kinderwagen: Finn-Luca aus Entringen – 18 Monate alt. Er habe schon mehrere Spiele gesehen, erzählt seine Mutter, und juble immer, wenn ein Tor falle. Darauf müssen an diesem Abend aber auch die Fans in Tübingen lange warten.

Ordnungsamtschef Rainer Kaltenmark hat schon am Nachmittag alle Hände voll zu tun. Stunden vor Spielbeginn drücken hunderte Fans in den mit 1400 Leuten schon rappelvollen Schlachthof. Kaltenmark muss die Massen per Megafon auffordern, doch bitte auf einen der anderen Tübinger Public-Viewing-Plätze auszuweichen.

Also Richtung WM-Park: Bereits eine Viertelstunde nach Öffnung um 18 Uhr, fast drei Stunden vor Spielbeginn, sind am Sonntagabend schon tausend Public Viewer da. Unter ihnen auch Oberbürgermeister Boris Palmer, der tippt, dass das Spiel auf jeden Fall zu Null ausgehe – und damit Recht behält.

Wie lief’s denn so im WM-Park am Anlagensee? „Passt schon“, sagt Alexander Stagl vom Hotel „Krone“, einer der veranstaltenden TüGast-Wirte. Ausgerechnet das furiose 7:1 gegen Brasilien schauten wegen der schlechten Wettervorhersagen wenige Fans unter freiem Himmel, ansonsten kann sich Stagl nicht beklagen: „Wir hatten vier gute Spiele.“ Plus das Endspiel: „Die haben uns heute überrannt.“

Tübingen fiebert mit der National-Elf im Finale

Die anfängliche Siegessicherheit schwand schnell. Mehr als 3000 Fans waren zum Public Viewing in den Anlagenpark gekommen und zitterten in dem nervenaufreibenden WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien um den Sieg von Philipp Lahm & Co. Als schließlich das Tor von Mario Götze und der erlösenden Abpfiff kamen, feierten die Tübinger ihre Helden und den Titel gebührend auf der Neckarbrücke.

© Video: Victoria Vosseberg 02:19 min

Lange Schlangen vor den Pommes- und Getränkeständen. Als es später zu regnen beginnt, haben sich da einzelne Fangruppen regelrecht verschanzt, so etwa Martin, Eva und Thomas, die trotz des immer zäher werdenden Fußballkampfes da vorn auf der Riesen-Leinwand bester Stimmung sind: „Extrem gut“ gefalle es ihnen in der Public-Viewing-Arena. „Stimmung passt.“

Michael Werling, ein Lkw-Fahrer aus Rottenburg, hält seinen Bierbecher hoch und stößt auf die Nationalmannschaft an. „Ich hoffe, dass wir alle gewinnen“, sprudelt es aus ihm heraus, „weil wir es verdient haben.“ 1990 sei er noch ein kleines Kind gewesen. „Da konnte ich noch kein Bier trinken.“

„Mensch, sind die stark, die Argentinier“, stöhnt einer. Schon in der ersten Halbzeit wird die Stimmung merklich gedämpfter. Nicht so am Bierstand. Wie läuft‘s? „Wir sind am zweiten Fass!“ Der kleine Finn-Luca hält sich noch wacker wach. „Messi, wer hält ihn?“, ruft jemand, als der argentinische Stürmerstar wieder mal unaufhaltsam aufs Tor zustürmt. Wieder setzt heftiger Nieselregen ein. Unter den Schirm des Roten Kreuzes flüchten auch einige Fans. Nur „Kleinigkeiten“ habe man bisher verarzten müssen, berichtet Jens Ochsenreither, Einsatzleiter der Ammerbucher DRK-Bereitschaft. 67. Minute: „Jetzt schläft er“, sagte die Mutter des kleinen Finn-Luca.

Tanja Meßmer, 36, ist extra für das Endspiel aus der Schweiz angereist, wo die gebürtige Mössingerin seit einigen Jahren lebt: „Aufregendes Spiel, super Stimmung hier!“ Sowas gibt’s auch in Burladingen nicht: „Hier ist’s besser“, sagt Chris Möck, 21, der mit seinem Kumpel das Endspiel fern der Alb verfolgt. „Und nachher geht’s auf die Neckarbrücke!“

Die Weltmeister wie Weltmeister feiern
Noch lange nach Mitternacht feierten die Fans ausgelassen auf der Tübinger Neckarbrücke.Bild: Franke

Da müssen die beiden Burladinger und mit ihnen tausende Fans noch über eine Stunde warten: Als Mario Götze in der 113. Minute, sieben Minuten vor Ende der Verlängerung, zum 1:0 für Deutschland trifft, hält es niemand mehr auf den Bänken. Hochgerissene Arme, Jubel, Menschen fallen sich um den Hals, singen mit Queens Freddy Mercury: „We are the Champions!“ Und der WM-Park-Sprecher verkündet: „300 Liter Freibier!“

Und dann geht’s endlich Richtung Neckarbrücke. Vor dem „Istanbul“ orientalische Klänge zu Davul-Trommel und Zurna-Blasinstrument, ein paar Kids tanzen Arm in Arm. Ein junger Mann grinst nur, als er auf sein Trikot angesprochen wird: „Götze“ – das war die richtige Wahl.

Unter tausenden Feiernden ist auch wieder der harte Kern „Auf die Knie“-Rufer, einer dirigiert die überwiegend männlichen Jubler oben von einer Ampel aus. „Oh, wie ist das schön!“, und immer wieder „Hey, hey, super Deutschland!“ Als Bengalo-Feuerwerk gezündet wird, rücken ein paar Polizisten in die feiernde Menge vor. Für Viele wird es noch eine lange Party-Nacht.

Grenzenloser Jubel auch in der Nachbarstadt. Gleich nach dem Abpfiff starten die hupenden Autokorsos, die sich noch lange nach Spielende immer um die Innenstadt wälzen. Auf der Karlstraße feiern viele Tausend. Ein besonders geschäftstüchtiger Reutlinger, der Heizungsbauer Florian Zossmayer, verkauft Weltmeister-T-Shirts – für fünf Euro das Stück.

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14.07.2014, 12:00 Uhr

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