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Die Wirtschaftsmacht von nebenan

Wer beim Arzt anruft weiß, dass er sich teilweise auf lange Wartezeiten einstellen muss. Wer bei einem Handwerker anruft, hat mittlerweile dasselbe „Problem“. Die vollen Auftragsbücher der Handwerksbetriebe spiegeln auf der einen Seite „Die Wirtschaftsmacht von nebenan“ wider, auf der anderen Seite kann das ganz einfach längere Wartezeiten für die Kunden bedeuten.

15.12.2017
  • TEXT: Ralf Flaig / Simone Maier | FOTOs: Ulrich Metz, amh-online.de, Optik Metzger

Die Organisation des Handwerks hat eine lange Tradition, die mit den Zünften ihren Anfang nahm. Heute steht die Handwerksstruktur auf zwei Säulen: Handwerkskammern und Innungen.

Die 53 Handwerkskammern in Deutschland haben die gesetzliche Vertretung aller deutschen Handwerker. Für die selbstständigen Handwerker besteht eine Pflichtmitgliedschaft in der für sie zuständigen Handwerkskammer. Die Innungen bilden den Zusammenschluss der einzelnen Handwerksberufe.

Handwerkskammer Reutlingen: beeindruckende Zahlen

Zur Handwerkskammer Reutlingen gehören die Bezirke Reutlingen, Tübingen, Zollernalb, Sigmaringen und Freudenstadt. In den Landkreisen des Kammerbezirkes nehmen fünf Kreishandwerkerschaften sowie insgesamt 110 Innungen die notwendige handwerks- und fachgewerkspolitische Vertretung der über 13000 Handwerksbetriebe wahr. Die insgesamt rund 78000 Beschäftigten generieren einen Umsatz von zirka 8,9 Milliarden Euro. Pro Jahr werden ungefähr 1400 Betriebe neu in die Handwerksrolle eingetragen.

Zur Kreishandwerkerschaft (KHS) Freudenstadt zählen 1655 Betriebe, die mit knapp 10000 Beschäftigten einen Umsatz von 1,1 Milliarden Euro generieren. Bei der KHS Reutlingen sind 4244 Betriebe gemeldet, die einen Umsatz von 2,79 Milliarden Euro mit über 24000 Beschäftigten stemmen. In Sigmaringen lauten die Zahlen: 2165 Betriebe, 1,4 Milliarden Euro Umsatz, 12400 Beschäftigte. In der KHS Tübingen sieht es wie folgt aus: über 2600 Betriebe sorgen mit knapp 15000 Beschäftigten für einen Umsatz von 1,7 Milliarden Euro. Im Zollernalbkreis zeichnen knapp 17000 Beschäftigte in rund 3000 Betrieben für einen Umsatz von 1,9 Milliarden Euro verantwortlich.

Warum eine Ausbildung machen?

Wie seit jeher, sind in der Ausbildung im Handwerk soziale Kompetenzen wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, handwerkliches Geschick und ein mathematisches Grundverständnis gefragt. Der demografische Wandel macht sich auch im Handwerk bemerkbar. Immer weniger Schulabgänger führen automatisch zu immer weniger Lehrlingen im Handwerk. Hinzu kommt der Trend, dass immer mehr junge Menschen Abitur machen. „Mittlerweile hat jeder achte Auszubildende im Handwerk Abitur,“ so Udo Steinort von der Handwerkskammer Reutlingen. Vor diesem Hintergrund wird sich die Situation in den nächsten Jahren noch verschärfen. In den Handwerksbetrieben der fünf Landkreise haben im Jahr 2016 insgesamt 2077 Auszubildende ihre Lehre begonnen. Allerdings konnten auch im vergangenen Jahr wieder sehr viele Lehrstellen nicht besetzt werden. Warum? Weil es einfach Ausbildungsberufe gibt, die weniger gefragt sind wie zum Beispiel im Bäcker- oder Fleischerhandwerk. Beliebte Ausbildungsberufe hingegen sind bei den männlichen Schulabgängern Kfz-Mechatroniker, Anlagenmechaniker und Elektroniker. Bei den weiblichen Schulabgängern sind es die Friseurin und die Kauffrau für Bürokommunikation. Der Frauenanteil bei den Auszubildenden im Handwerk beträgt derzeit 23 Prozent.

Die Ausbildung im Handwerk kann heute weitaus mehr sein als eine klassische Lehre. So gibt es zum Beispiel den dualen Studiengang „Bauingenieur Plus“. Das Angebot „Bauingenieur-Studium plus Ausbildung“ ermöglicht es, Abiturienten oder jungen Menschen mit Fachhochschulreife, parallel zum Studium eine gewerbliche Bauausbildung zu absolvieren.

Nicht zu kurz kommen sollte die Weiterbildung. Im Wettbewerb um zukunftsträchtige Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsplätze, ist die berufliche Bildung ein ganz entscheidender Wettbewerbsfaktor. Dafür stehen die fünf Bildungszentren der Bildungsakademie in den oben genannten Landkreisen zur Verfügung.

Digitalisierung – goodbye Rapportzettel

Wenn ein mit dem Internet verbundener Brezelbackroboter einer Bäckerei die Größe der Brezel, viel oder wenig Salz und die Teigmenge gemeldet bekommt, dann selbst mixt und die fertig geschlungenen Brezeln direkt in den Ofen schiebt – ist das noch Handwerk? Ja, das ist dann „Hightech-Handwerk.“

Das Handwerk wird – und das ist sicher – mit und nach Industrie 4.0 nicht nur romantisches Erinnerungssprengsel wie der Tante-Emma-Laden sein, sondern eine praxisorientierte, treibende Kraft bei allen innovativen Prozessen. Die Digitalisierung hat längst Einzug in das Handwerk gehalten. Beispiele gefällig? Mittels „Webinaren“ informieren sich Handwerker heute online über aktuelle Themen. Oder zum Beispiel die „E-Vergabe“: Ausschreibungen recherchieren, Angebote abgeben – das geht oft nur noch auf elektronischem Weg.

Die Digitalisierung von Arbeitsprozessen macht auch auf der Baustelle nicht halt. Es gibt bereits Apps für die mobile Datenerfassung auf Baustellen - goodbye Rapportzettel!

Handwerk 2025 – wir schaffen Zukunft

Digitalisierung, Energiewende, Demografischer Wandel – drei Stichworte für Megatrends, die Chance, Herausforderung oder gar Risiko für das Handwerk sein können. Um deren Auswirkungen zu erforschen, hat der baden-württembergische Handwerkstag (BWHT) das Projekt „Dialog und Perspektive Handwerk 2025“ initiiert. Von einer allgemeinen Verunsicherung ist trotz der unsicheren politischen Großwetterlage in den Handwerksbetrieben derzeit nichts zu spüren. Das Handwerk hat sich in seiner Historie immer den Gegebenheiten angepasst. So wird es auch in diesen Zeiten und in der Zukunft sein. Vom Amboss zur digitalen Werkstätte.

Mittlerweile hat jeder achte Auszubildende im Handwerk Abitur.

Udo Steinort, Handwerkskammer

Reutlingen

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15.12.2017, 07:30 Uhr

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