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Die Zeit heilt nicht alle Stunden

Zugegeben, die Schlange in der Bäckerei war lang, genauer gesagt eine Schulklasse lang. Und die Dame, die sich im hinteren Schlangendrittel befand, in einem Alter, in dem die sich neigende Zeit eine bedeutendere Rolle spielt als die sich ausdehnende eines Teenagers.

13.12.2014
  • Winfried Gaus

Dennoch mutete es wie ein Mangel an Erziehung an, als sie eine der zwei sich mühenden jungen Fachverkäuferinnen anblaffte: „Könnet Sie net dafür sorga, dass noch jemand zum bediena kommt?“ Ein nutzloser Auftritt, denn Personal vermehrt sich nicht durch bruddel unterstützte Zellteilung.

Als sie dann endlich dran und von der professionell charmierenden Verkäuferin mit einem „Was hätten Sie denn gern?“ bedacht worden war, da stockte das Getriebe. „Lasset Se mich überlega.“ Dann schaltete sie einen Gedankengang hoch. „Dort henta, die mit den Körnern. Was...?“ Die Verkäuferin sagte irgendein Gesundheitswecklemantra auf und wurde von einer ebenso lauten wie durch Gesten unterstützten „Zwei!“ unterbrochen. Das zweite der Joggingbrötchen hatte noch nicht einmal die Tiefen seiner Tüte erreicht, da befand es sich quasi schon wieder auf dem Rückweg. Denn Adlerauge minus acht Dioptrien hatte zwischenzeitlich die Weckle daneben gescannt. „Wasser oder Milch?“ „Milch!“ „Dann nehm‘ ich lieber da noch eins.“

Ob es sonst noch etwas sein dürfe, fragte die Verkäuferin. Nein, nein. Oder vielleicht doch noch... Das da vorne, was ist denn das? Süß, gell? Blätterteig. Zitronengeschmack. Dann lieber doch was mit Streuseln, oder nein, das dort sieht doch auch ganz lecker aus. Die Verkäuferin, die Süßesstücklezange in der Linken, den Pappendeckel in der Rechten, strahlte eingefroren vor sich hin. Dienstleistung kann auch ein Akt (nicht besonders üppig bezahlter) großer Selbstbeherrschung sein.

Der Entscheidungsprozess rund um die Süßabteilung der Bäckertheke reifte noch kurze Zeit im Stillen vor sich hin, dann schien das momentane Tagwerk der älteren Dame vollbracht. Einmal Jogging, einmal Milch, einmal Windbeutel, das macht soundsoviel – führt aber noch lange nicht zur Bezahlung. Denn davor haben die Götter das Rauskruschteln der Leineneinkaufstasche aus dem Handtäschle gesetzt. Und das, kann ich Ihnen sagen, das kann dauern. Ganz unabhängig davon, dass zwei an und für sich gewöhnliche Weckle und ein formgefährdeter Windbeutel ein logistisches Problem darstellen, dem mit einem Leinenbeutel nicht beizukommen ist. Aber was mutt, das mutt.

Die Geschichte von der Bezahlung, nein: vom Versuch der Gewichtsminimierung des großen Geldbeutels durch die akribische Herausnahme kleinster Centstücke schenke ich mir hier. Wie hieß es doch so schön: „Könnet Sie net dafür sorga, dass noch jemand zum bediena kommt?“

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13.12.2014, 12:00 Uhr

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