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Die zweitälteste Deutsche wohnt im „Haus am Neckar“

Die Zeitung als Hörrohr: Heute wird die Rottenburgerin Elisabeth Tränkner 112 Jahre alt

Elisabeth Tränkner ist mit ihren 112 Jahren die zweitälteste Deutsche; die älteste, Mathilde Mange aus Wetter, ist nur einen Tag älter.

11.08.2018

Von Ursula Kuttler-Merz

Schon vor einem halben Jahrtausend gab es in Rottenburg eine ob ihres biblischen Alters berühmte Elisabeth: Die Tochter des Distel-Müllers Wendelstein war Nonne im Franziskanerinnenkloster auf der Oberen Klause und wurde 105 Jahre alt. Sie war eine echte Sensation, zumal sie noch geistig rege und ausgesprochen gut bei Kräften war, wie damalige Tübinger Professoren nach einem Besuch bei ihr erfreut festhielten.

Auch die 112-jährige Elisabeth Tränkner ist eine starke Frau – in zweierlei Hinsicht: Noch immer schafft sie es erstaunlich gut, sich mit eigener Muskelkraft im Rollstuhl fortzubewegen. Sie musste in ihrem Leben aber auch schwere Schicksalsschläge verkraften: Schon wenige Tage nach ihrem zweiten Geburtstag verlor sie ihre Mutter, 1945 ihren Mann, in jungen Jahren starb ihr Schwiegersohn, und inzwischen sind auch ihre beiden Kinder tot sowie drei von ihren vier Enkeln.

Sie selber ist noch gesund, nur Hören und Sehen sind beeinträchtigt. Schwiegertochter Ursula Tränkner weiß sich zu helfen; sie rollt eine Zeitung zum Hörrohr und hält es ihr ans Ohr: „Dann versteht sie mich gut und ist meist sehr zugänglich!“

Die alte Dame genießt auch noch immer ihren Nachmittagskaffee oder Leckereien wie die von Ursula mitgebrachten Himbeeren aus dem eigenen Garten. Ihren Geburtstagskuchen wird sie heute nicht selber backen, wie sie es noch zuhause vor ihrem 100. Geburtstag tat. Sogar ihre Festtags-Leibspeise Rinderrouladen bereitete sie damals selbst zu.

In den Taunus evakuiert

Am 11. August 1906 kam Elisabeth Triem in Frankfurt am Main zur Welt und verbrachte nach dem frühen Tod der Mutter zwei Jahre bei ihren Großeltern im pfälzischen Pirmasens. Als der Vater in zweiter Ehe Lina Lenzholz heiratete, durfte das kleine Mädchen nach Frankfurt zurückkehren, oft besucht und fest ins Herz geschlossen von den in Düsseldorf lebenden Stief-Großeltern.

Als Frankfurt im Ersten Weltkrieg von Franzosen bombardiert wurde, kam Elisabeth zu einer freundlichen Bauernfamilie im Taunus. Dort fand sie in der Enkelin Elli eine liebe Spielgefährtin und fühlte sich pudelwohl mit guter Hof-Milch und herzhaftem Essen.

Der Umzug 1919 von der Mainmetropole nach Rottenburg am Neckar war ein Kulturschock: Statt (bischofs-)städtischem Flair empfingen ländliche Gerüche samt dem Anblick von Kuhfuhrwerken und Misthaufen, scharrenden Hühnern und schnatternden Enten auf unbefestigten Straßen die junge Großstadt-Familie. Draußen in der abgelegenen Grünau (beim heutigen Hammerwasen) hatte Vater Triem die Maschinenfabrik des im Krieg gefallenen Fabrikanten Wolf gekauft: eine Hammerschmiede mit großem Wasserrad, dazu ein großer Garten samt mächtigem Nussbaum zwischen den Brennöfen des benachbarten Gipswerks Wendler – ein herrlicher Abenteuerspielplatz für Elisabeth und ihre beiden jüngeren Brüder.

Armseligs Bänkle

Bis ins hohe Alter hatte Elisabeth Tränkner Heimweh nach diesem vom Gipsstaub weiß gepuderten Paradies ihrer Kindheit. Dazu gehörten auch die Erinnerungen an das abendliche Milchholen droben im kleinen Hof der Mesnerfamilie Vollmer bei der Altstadtkapelle, wozu sie mit dem Boot den Neckar überqueren und dann mit ihrer Kanne den alten Kreuzweg im Wald hochlaufen musste.

Das Hochzeitspaar Elisabeth und Walter Tränkner im Jahr 1939. Die Braut trug schwarz, weil ihr Vater im Jahr zuvor gestorben war. Privatbild

Der elterliche Betrieb produzierte Schuhmaschinen wie Stanzen, Pressen und Durchnähmaschinen. Statt eines Autos in der Garage hatte die Familie zwei Pferde im Stall und fuhr sonntags mit der Kutsche in die evangelische Kirche. Das „andere Gesangbuch“ war im katholischen Rottenburg damals durchaus noch ein Thema: Anstatt des „Töchterinstituts Sancta Clara“ musste Elisabeth die kleine, nur zweiklassige evangelische Volksschule besuchen. Nach Hauswirtschaftsausbildung, Haustochter-Jahr in Krefeld und Handelsschule arbeitete Elisabeth bei der Rottenburger Volksbank in der „Linde“: „Dees war a armseligs Bänkle“, berichtet sie von der damaligen Bedeutung dieses Geldinstituts. Als Stiefmutter Lina Triem eine Gehirnblutung mit bleibenden Schäden erlitt, fand die Berufstätigkeit der Tochter ein jähes Ende. Sie musste nun die fünfköpfige Familie versorgen und obendrein in Vaters Büro mitarbeiten, unterstützt von Hausnäherin Klara Brenner und Waschfrau Kegreiß.

In ihrer Freizeit traf sie sich im Jungmädchenkreis mit ihren Freundinnen oder in der Tanzstunde mit katholischen Oberschülern, deren Mütter voll Sorge darauf achteten, dass ihre Söhne der hübschen Protestantin ja nicht zu nahekamen. Von Freundin Paula Sautermeister wurde Elisabeth sogar als Verbindungsdame in der katholischen Verbindung Alamannia eingeführt. Unter den Tübinger Studenten waren auch der spätere Ministerpräsident Gebhard Müller und der spätere Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, die alle gerne zum Feiern und Futtern in die Grünau kamen.

Nach sechs Jahren schon Witwe

1938 starb Fabrikant Jakob Triem, 1939 heiratete seine Tochter Elisabeth den Ingenieur Walter Tränkner, Chefkonstrukteur einer neuen Rundstrickmaschine bei Fouquet & Frauz. 1945 starb er, der Vater von zwei kleinen Kindern, weil der Arzt wegen der von der Besatzungsmacht angeordneten Ausgangssperre nicht schnell genug zu seinem herzkranken Patienten kommen konnte. Bis zu ihrem Ruhestand arbeitete die Witwe bei der Fouquet-Betriebskrankenkasse.

Nahezu durchgehend verbrachte Elisabeth Tränkner ihr Rottenburger Leben am Neckar – von Elternhaus, Schule, „Volksbänkle“, erster Wohnung und Eigenheim bis zum Umzug als 104-Jährige ins Pflegeheim „Haus am Neckar“, das ihr zur Heimat wurde und wo sie heute feiert – nicht zuletzt mit ihren Urenkelinnen Carolin und Daniela. Vielleicht gibt es heute zu diesem besonderen Geburtstagsfest Elisabeth Tränkners Leibgericht Rinderroulade.

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Erstellt:
11. August 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
11. August 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. August 2018, 01:00 Uhr

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