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Die Zukunft hinter sich gelassen
Die besondere Atmosphäre der „nuklearen Stadt“ faszinierte Regisseur Carlos M. Quintela.Bild: Metz
Kuba zu Gast beim Cine Latino

Die Zukunft hinter sich gelassen

Cine Latino Festivalgast Carlos M. Quintela wirft in seinem Film „La obra del siglo“ (Jahrhundertprojekt) einen desillusionierten, aber dafür aberwitzig komischen Blick auf Kuba.

Cine Latino Festivalgast Carlos M. Quintela wirft in seinem Film „La obra del siglo“ (Jahrhundertprojekt) einen desillusionierten, aber dafür aberwitzig komischen Blick auf Kuba.

21.04.2017
  • Dorothee Hermann

Die Kuppel eines Reaktors war der Auslöser für den Film „La obra del siglo“. Bei einer Fahrt durch die kubanische Provinz Cienfuegos fiel dem angehenden Filmemacher Carlos M. Quintela die runde Form auf: „So etwas wie das Taj Mahal, ein radioaktives Taj Mahal“, dachte er. Das war ungewöhnlich: „Sonst ist alles sehr quadratisch in Kuba, auch die Politik“, sagt der 32-Jährige am im TAGBLATT-Gespräch. Er fuhr damals so nahe wie möglich an das unzugängliche Gelände heran. „Das war der erste Kontakt.“

Die Reaktortechnik wollte seinerzeit die mit Kuba verbündete Sowjetunion liefern. Erst der Zerfall der russischen Föderation stoppte das Projekt. Das Atomkraftwerk (das erste von zwölf
geplanten) wurde nie in Betrieb genommen.

Nun wurde die monumentale Ruine samt der angrenzenden Retortenstadt für Mitarbeiter zum Schauplatz für Quintelas Film. Während der Bauzeit wurde das Kraftwerk als „Jahrhundertprojekt“ im lokalen Fernsehsender „Tele Nuclear“ angepriesen – was als Zitat im Film eine aberwitzige Komik entfaltet.

Die gigantomanischen Reste sind für den 32-Jährigen ein Symbol für Kuba: „Man hatte zu hochfliegende Pläne und Träume für so eine kleine Insel.“ Ihm kam das Nuklearprojekt vor, als wollte „ein Land auf den Schultern eines anderen Landes“ in die Zukunft. „Oder wie ein Land, das in den Weltraum geflogen ist und nicht weiß, wie es zurückgelangen soll.“

In der „nuklearen Stadt“ herrschte eine besondere Atmosphäre, erfuhr der Regisseur, als er mit ehemaligen Bewohner/innen ins Gespräch kam. „Leute aus dem ganzen Ostblock und aus ganz Kuba lebten und arbeiteten dort.“

Es kamen auch zahlreiche wichtige Wissenschaftler, sagt Quintela, „und sicher waren auch KGB-Leute da“, die die Wissenschaftler bespitzelten. Die Menschen in seinem Film hegen nostalgische Erinnerungen an die Russen. Umgekehrt muss es ähnlich sein. „Manchmal kommen Russen zu Besuch, die dort aufgewachsen sind, um die Orte ihrer Kindheit zu sehen“, berichtet der Regisseur. „Erst springen sie vor Freude in die Luft, dann weinen sie.“ Doch während der zehnjährigen Bauphase von 1982 bis 1992 kam es auch zu Spannungen: „Es gab Läden und Spielplätze für Russen und Läden und Spielplätze für Kubaner“, so Quintela.

Der Film montiert Fiktion und Dokumentation so geschickt, dass man nicht sicher sein kann, was erfunden und was real ist, und man den fortschrittsgläubigen Größenwahn, der ja nicht auf Kuba beschränkt war, staunend zur Kenntnis nimmt. Im Mittelpunkt stehen drei Männer: Großvater, Vater und Sohn in einem heruntergekommenen Hochhaus. „Sie sind auf diese Wohnung reduziert. Das ist die Gegenwart.“ Quintela wollte „eine Art Ersticken spüren lassen“.

Die Darsteller sind Laien und Profis. Den Großvater spielt Mario Balmaseda, ein berühmter Schauspieler, der als junger Mann mit dem Berliner Ensemble auftrat, damals in Ostberlin, Hauptstadt der DDR. Der Fokus auf Männer spiegelt den Machismo auf Kuba. „Die Frauen sind nicht gestorben. Sie sind gegangen“, erläutert der Regisseur. Die kubanische Revolution kommt im Film ebensowenig vor wie die USA. Dazu Quintela: „Raúl Castro hat Trump zur Wahl beglückwünscht. Das hätte Fidel nie gemacht.“

(Dolmetscherin: Irene Jung)

„La obra del siglo“ läuft am Freitagabend um 18 Uhr im Kino Museum. Der Regisseur ist anwesend. Englische Untertitel.

Schwerpunkt Kuba beim Cine Latino

Neben La obra del siglo stehen drei weitere Filme aus oder über Kuba auf dem Festival-Spielplan im Tübinger Kino Museum. Die spanische Produktion El rey de La Habana erzählt die Geschichte eines elternlosen Jungen, der nach seiner Flucht aus dem Heim versucht, in den Straßen von Havanna zu überleben (heute und So, 15.45 Uhr). In Venecia, dem ersten per
Crowdfunding finanzierten Spielfilm Kubas, bequatschen drei junge Frauen einen Tag und eine Nacht lang ihre Sorgen und Träume (Sa, 18 Uhr). Vestido de novia rührt nach wahren Begebenheiten an die Tabuthemen Homophobie und Transsexualität (Di, 20.30 Uhr). Außerdem wird ein Paket mit Kurzfilmen von Studenten der Internationalen Schule für Film und TV in San Antonio aufgeschnürt (heute, 20.30 Uhr).

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21.04.2017, 09:42 Uhr

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