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Die alte Reutlinger Gerbertradition hat wieder eine Zukunft
Aus Olivenblättern hat das Team um Entwicklungsleiter Heinz-Peter Germann in Reutlingen einen umweltschonenden Gerbstoff entwickelt.Bild: Haas
Kompetenzzentrum zwecks Revolution in der Lederwelt

Die alte Reutlinger Gerbertradition hat wieder eine Zukunft

Fünf Jahren nach der Insolvenz der Gerberschule erlebt die Stadt eine Renaissance in Sachen Leder – dank Hilfe aus Pfullingen.

15.10.2016
  • Thomas de Marco

In ihren Werbebroschüren sprechen die Verantwortlichen der Firma Wet-Green von nichts Geringerem als einer „Revolution in der Lederwelt“: Aus Olivenblättern, die beim Rückschnitt der Bäume in Mittelmeerländern massenhaft anfallen, haben die Reutlinger einen pflanzlichen Stoff entwickelt, der beim Ledergerben das gesundheitsschädliche Chrom ersetzt. „Damit ist eine vollständig ökologische und nachhaltige Ledergerbung möglich“, sagt Entwicklungsleiter Heinz-Peter Germann.

Er und der Technische Leiter Stefan Banaszak verkörpern quasi das Ende und den Neuanfang der Reutlinger Gerbertradition: Als Germann noch Direktor der Gerberschule in der Oststadt war, fand er mit seinem Betriebsleiter Banaszak heraus, dass der umweltverträgliche Gerbstoff mit der Wirksubstanz Oleuropein problemlos die synthetischen Gerbverfahren ersetzen kann. Zusammen mit Biotechnologen aus Darmstadt kamen die beiden Reutlinger auf eine Methode, diesen Wirkstoff aus den Olivenblättern zu extrahieren. 2008 ließen die beiden ihre Erfindung patentieren.

Doch dann musste die Gerberschule drei Jahre später Insolvenz anmelden – Germann und Banaszak wussten nicht, wo und wie sie ihren neuen Gerbstoff weiterentwickeln und vermarkten sollten. Die Rettung kam 2013 aus Pfullingen: Der Ledergroßhändler Reinhardt kaufte die früher von der Gerberschule als Betriebsstätte und Lehrgerberei genutzte Sheddachhalle von der Stadt und legte eine Konzeption für ein Lederkompetenzzentrum vor. Damit sollte es für den kurz vor der Markteinführung stehenden neuen Gerbstoff weitergehen. 2012 hatten Germann und Banaszak dafür ihre Firma Wet-Green gegründet.

„Wir waren von dieser Idee überzeugt. Der Kauf der Sheddachhalle war die einfachste Möglichkeit, den Entwicklern zu helfen“ erinnert sich Jochen Reinhardt, der zusammen mit seinem Bruder Volker drei Millionen Euro investierte. Ihre Firma hatte früher immer mal wieder Leder bei der Gerberschule verarbeiten lassen.

„Anfangs hat uns dieser Kauf schon schlaflose Nächte beschert“, gibt Jochen Reinhardt zu. „Aber jetzt sind wir stolz, wenn wir sehen, wie die Wet-Green-Produkte mit steigender Tendenz zum Einsatz kommen.“ Er und sein Bruder, die in Pfullingen eine der größten deutschen Ledergroßhandelsfirmen betreiben, sind froh, dass Leder dem traditionellen Standort Reutlingen erhalten geblieben ist. „Wir haben uns aus Leidenschaft für Leder für diese Investition entschieden“, sagt Jochen Reinhardt.

Bis Ende 2014 sanierten die Reinhardts einen Teil der Sheddachhalle nach dem anderen. Entstanden ist so ein Lederkompetenzzentrum, in dem Wet-Green den größten Platz beansprucht. Außerdem hat sich die Firma Bantlin, die Antriebsriemen und technischen Produkte aus Leder herstellt und ein Geschäftspartner von Leder Reinhardt ist, hier in der Seiz-Straße im Reutlinger Osten angesiedelt. Dazu kommt ein Showroom für Lederprodukte verschiedener Firmen, in dem auch Schulungen, etwa von der IHK, möglich sind. Außerdem erhalten die angehenden Gerber und Lederbearbeiter der Kerschensteinerschule ihre theoretische Ausbildung in diesem Gebäude.

Noch werden freilich nur Bruchteile von weniger als einem Prozent der weltweiten Lederherstellung mit dem Wet-Green-Gerbstoff aus Olivenblättern gegerbt – doch bei 1,8 Milliarden Quadratmetern Leder, die jährlich hergestellt werden, kommt da ordentlich was zusammen. „Wir sind überzeugt, dass in absehbarer Zeit ein Marktanteil im einstelligen Prozentbereich möglich ist“, sagt Entwicklungsleiter Germann.

Obwohl der Gerbstoff ohne Chemikalien von Wet-Green um bis zu 30 Prozent teurer ist als der herkömmliche mit Chrom, steige die Nachfrage beständig: Automobilindustrie, Bekleidungsfirmen, Möbelhersteller oder Taschenproduzenten sind die wichtigsten Interessenten. In jedem Fall sei das Potenzial an Olivenblättern so groß, dass letztlich sogar 40 Prozent der Gesamtlederproduktion umweltgerecht gegerbt werden könnten, so Germann. Extrahiert wird der Gerbstoff von der Firma Martin Bauer in Vestenbergsgreuth.

Der Mann, der den Niedergang der Gerberschule erlebt hat, erfährt nun die Genugtuung, dass die Lederkompetenz in Reutlingen gehalten werden konnte: „Wet-Green ist eine Revolution in der Lederwelt – an Reutlingen führt auch heute wieder kein Weg vorbei“, sagt Germann.

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15.10.2016, 01:00 Uhr

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