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„Weil man die Gewerkschaft gebraucht hat“

Die ehemaligen Betriebsräte Lina Theurer und Walter Krauss wurden für 70 Jahre Mitgliedschaft geehrt

Der Krieg war gerade vorbei, Deutschland lag in Trümmern. In Tübingen war zwar nur wenig zerstört, doch Not und Mangel herrschten auch hier. 1946 trat der gerade 18-jährige Zanker-Arbeiter Walter Krauss dem Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV) bei. Unlängst ehrte die IG Metall Krauss in Reutlingen für seine 70 Jahre währende Mitgliedschaft.

29.12.2016
  • Volker Rekittke

Der DMV, wichtigste Vorläuferorganisation der IG Metall, hatte sich im Jahr 1891 konstituiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus 1933 bis 1945 waren alle Gewerkschaften verboten. Danach traten viele Arbeiter und Angestellte den wieder gegründeten Organisationen bei. Auch der 1928 in Tübingen geborene Walter Krauss. Warum? „Weil’s wichtig war“, sagt der heute 88-Jährige. „Der Chef war ja auch im Arbeitgeberverband.“ Da gehörten die Arbeiter einfach in eine Gewerkschaft. Der Betriebsratsvorsitzende nach dem Krieg war ein Kommunist, „ein korrekter Kollege, der hat sich gekümmert“.

Etwas mehr als hundert Kollegen waren sie in dieser Zeit. „Da hat die Oma Zanker noch persönlich in der Kantine gekocht.“ Später, in den großen Zeiten der Tübinger Waschgeräte-Firma, waren es rund 800 Beschäftigte.

Es war mitten im Krieg, im April 1943, als der damals 14-jährige Walter Krauss als Mechaniker-Lehrling bei Zanker anfing. Kurz vor Kriegsende wurde der 16-Jährige noch als Flakhelfer nach München eingezogen, Anfang Januar 1945 war das. Bis August war Krauss in amerikanischer Gefangenschaft – „dann hab ich bei Zanker weitergelernt“. Bis 1946.

Einige Jahre später lernte er seine spätere Frau Ruth, eine geborene Tiedemann, beim Tanzkurs kennen. „In Tübingen beim Geiger.“ Im November 1944 war die damals 11-jährige Ruth von ihren Eltern aus der Heimat in Ostpreußen „mit zwei Koffern und einem Schulranzen“ zu Verwandten in den Südwesten geschickt worden. „Wir sind seit 62 Jahren verheiratet“, sagt Krauss, „das trifft man auch nicht so oft.“

Der junge Mechaniker arbeitete sich im Betrieb nach oben. Bis zum stellvertretenden Kontrollmeister: Funktion, Sicherheit, Endkontrolle. Kontrolliert werden mussten nicht nur Waschmaschinen, Trockner und Geschirrspüler. Im Krieg und kurz danach wurden bei Zanker auch Holzgasanlagen für Autos und Laster gebaut, später eine Zeitlang Traktoren. Und dann die Weißware, mit der Zanker in aller Welt bekannt wurde.

Anfang der 1980er Jahre wurden die Tübinger von der AEG in Nürnberg übernommen, später stieg der schwedische Hausgeräte-Multi Electrolux ein. Und dann begann das langsame Sterben von Zanker in der zunehmend globalisierten Welt.

„Es ging abwärts, Leute wurden entlassen.“ Und „immerfort wurde gestreikt“, erinnert sich Krauss an die Jahre des Niedergangs. In den Zanker-Hallen in der Tübinger Weststadt „wusste keiner, wie’s weitergeht“.

„Die Gewerkschaft wollte, dass der Betrieb nicht geschlossen wird – und dann ist es ja doch passiert.“ Das Ende des einst so stolzen Tübinger Industriebetriebs hat Krauss dann als Ruheständler erlebt, 1992 war es für ihn soweit. Das Siechtum in seiner alten Firma ging noch ein Jahr weiter, dann standen die zuletzt gerade noch 400 Beschäftigten ohne Job da. In der Gewerkschaft ist Krauss noch heute. Weil ihm das immer wichtig war und ist.

Als Spulerin fing Lina Theurer 1935 bei Egeria in Lustnau an – 15 Jahre jung war sie da. Die Württembergischen Frottierweberei hatte sowohl die Wirren der Inflationszeit in den 1920ern wie auch die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre überstanden. Im Zweiten Weltkrieg traf keine einzige Fliegerbombe den Betrieb, dennoch lag die Produktion 1945 darnieder. „Nach dem Krieg hat man wieder ganz klein anfangen müssen“, sagt Theurer. Nach und nach wurden die ausgelagerten Maschinen zurückgeholt und entrostet. Im Winter mussten Arbeiter oft in den Wald: „Feuerholz zum Heizen holen.“

„1946, gleich nach dem Krieg, bin ich eingetreten“, erinnert sich Theurer – in die Gewerkschaft Textil-Bekleidung. Die GTB schloss sich 1998 der IG Metall an. Warum sie eintrat: „Weil man die Gewerkschaft gebraucht hat“, sagt die 96-Jährige. „Wir hatten einen guten Gewerkschaftssekretär, den Kreuzmann, der war Sozi. Der hat schon geschaut, dass die Kollegen hinein sind.“

30 Jahre war die gebürtige Lustnauerin Betriebsrätin bei Egeria – „eine lange Zeit“. Die Kollegen und die Kolleginnen – in der Textilfabrik arbeiteten überwiegend Frauen – wählten sie immer wieder in die Interessenvertretung der Belegschaft. „Wir waren bei Egeria stets gut organisiert.“ Vieles erlebte sie in dieser Zeit – „es hat ab und zu gekracht“, so Theurer: „Man muss auch hinstehen – und das hab ich können.“

Die Betriebsrätin erlebte, wie in den Jahren nach dem Krieg viele Gastarbeiter zu Egeria nach Lustnau kamen. Italiener zuerst, später Spanier, Türken,… „Wenn ihr die nicht richtig behandelt, kriegt ihr’s mit mir zu tun“, habe sie mal zu ihren Kollegen gesagt. Und: „Die können bestimmt bald Schwäbisch und wissen nach 14 Tagen im Betrieb Bescheid – und so wars dann auch.“ Alles in allem sei man „eine friedliche Mannschaft gewesen“. Ok, „ein paar Stunden hat man auch mal gestreikt“.

Den Untergang von Egeria, wo zu besten Zeiten 1500 Textilarbeiter/innen beschäftigt waren, hat Lina Theurer nicht mehr als Beschäftigte miterlebt: „Gott sei Dank!“ Doch das lange Siechtum der Württembergischen Frottierweberei Lustnau, lange Zeit Tübingens größte industrielle Arbeitgeberin, hatte bereits begonnen, als die Lustnauerin 1980 in den Ruhestand ging. „Da dachte ich schon: Lange machen die’s nicht mehr“, erinnerte sich Theurer vor ein paar Jahren im TAGBLATT anlässlich einer Egeria-Ausstellung. „Der Textilindustrie ging’s ja überall schlecht.“ Es dauerte dann noch ein paar Jahre. In den 1980ern wurden immer weniger Handtücher und Bademäntel hergestellt. 1992 kam der Insolvenzantrag, 1995 wurde die Produktion endgültig gestoppt.

Viele der alten Kollegen und Kolleginnen leben nicht mehr. Eine schaut noch regelmäßig bei ihr vorbei: „Da erfahre ich immer das Neueste vom Ort.“

Geheiratet hat Lina Theurer nie. Mit ihren 96 Jahren wohnt sie mittlerweile ganz allein in ihrem Haus in Lustnau, das sie 1950 mit ihren Geschwistern kaufte. „Ich hab immer selbst für meinen Lebensunterhalt gesorgt.“ Und das tut die alte Gewerkschafterin noch heute. Sie kocht jeden Tag und kauft auch noch selbst ein – mit dem Rollator beim Rewe. Lediglich den Großeinkauf samt Sprudelkasten lässt sie sich dann doch von der Nichte vorbeibringen.

Nur das neue Wohnviertel, das auf dem Areal der einstigen Frottierweberei entstand – das mag sie sich nicht anschauen: „Wenn man so lange in einem Betrieb gearbeitet hat, dann tut das weh, dass alles weg ist.“

Was sie jungen Leuten heute zum Thema Gewerkschaft zu sagen hat? „Das müsst ihr selber rauskriegen.“ Für Lina Theurer jedenfalls war in puncto Mitgliedschaft immer klar: „Das ist eine Selbstverständlichkeit für mich.“

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29.12.2016, 01:00 Uhr

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