Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Gelatiera heißt ihr süßer Traumberuf

Die erste Auszubildende zur Speiseeisherstellerin

Wieselflink serviert die Rottenburgerin Bahar Okutan seit sieben Jahren zur Sommerszeit großen und kleinen Schleckermäulern köstliche Eiskreationen. Im Herbst vergangenen Jahres begann sie ihre Ausbildung zur Speiseeisherstellerin.

24.08.2010
  • Ursula Kuttler-Merz

Rottenburg. Als sie im Jahr 2003, damals statt mit Rock in Hosen, von ihrer Mutter in die Marktgasse zu „Rino“ geschickt wurde, um nach einem Aushilfsjob zu fragen, ahnte Bahar Okutan nicht, dass dieses „süße Leben“ sie total begeistern und gar in eine Berufsausbildung münden würde. Inzwischen ist die junge Frau zu einer Rottenburger Institution geworden.

Bahars Vater kam als Achtjähriger von der türkischen Schwarzmeerküste nach Deutschland, sie selber ist als drittes von fünf Kindern in Horb geboren. 1999 zog die Familie nach Rottenburg. Hier besuchte das Mädchen die Hohenbergschule, schloss diese mit guten Noten ab und absolvierte das Berufsvorbereitungsjahr. Der plötzliche (Herz-)Tod ihrer damals 14-jährigen Freundin machte ihr jahrelang schwer zu schaffen.

Die Arbeit im Eiscafe ist für Bahar Okutan „wie eine Therapie“, ihr Chef Luciano Micolino „wie ein Vater und Freund: Ich bin ganz arg gern bei der Familie“. So gern, dass sie inzwischen fließend Italienisch spricht. Und sogar ein bisschen Frulan, denn Micolino stammt aus Gemona in Friaul. Vor drei Jahren wurde sie fest angestellt, und eines Tages sagte der Chef zu ihr: „Bahar, es gibt einen neuen Beruf!“ So wurde sie die erste baden-württembergische Azubi für die Herstellung von Speiseeis, eine Nachwuchs-“Gelatiera“ (was nebenbei bermerkt auch „Eismaschine“ bedeuten kann).

Im Winter besucht die junge Türkin einige Monate lang die Justus-Liebig-Schule in Mannheim, büffelt Ernährungslehre, Deutsch, Gemeinschafts- und Wirtschaftskunde samt Buchhaltung, dazu auch Italienisch. „Da hab ich im Zeugnis eine Eins!“, strahlt die angehende Eis-Fachfrau. Die Kosten fürs berufsbildende Internat „bezahlt der Chef“. Fünf Mädchen sind unter den 17 Schülern, deren Familien aus Italien, Serbien, Rumänien und aus der Türkei stammen. Weitere 16 Eis-Azubis werden in Berlin unterrichtet.

Während der Saison beginnt Bahar Okutans Arbeitstag morgens mit dem Schneiden frischer Früchte: Ananas und Erdbeeren, Mango, Kiwi, Trauben, Himbeeren und Melonen für die Eisbereitung. Sie selber mag besonders die Sorten Haselnuss und Joghurt, Kirsche und Exotic; ihr Lieblings-Eisbecher ist der mit Nusslikör, Schokosoße, Krokant und Sahne dekorierte Noisette.

Dank ihrem phänomenalen Personengedächtnis erinnert sich die „Rino“-Mitarbeiterin auch nach langer Zeit noch an manchen Gast, der nur gelegentlich nach Rottenburg kommt: „Ich weiß noch, wo er vor vier Jahren gesessen ist und welchen Eisbecher er bestellt hat.“

Wenn Bahar Okutan spät abends nach Hause kommt, liest sie vor dem Einschlafen noch eine Seite im Koran; sie hat „in Rottenburg beim Imam, einem alten Mann, Arabisch gelernt“. Religion ist für sie „wichtig, aber noch wichtiger ist Menschlichkeit.“ Denn, so die Erfahrung der 23-Jährigen, „gute Menschen sind heute nicht mehr so oft zu finden“.

In ihrer Freizeit geht sie gerne zum Schwimmen, spielt Tischtennis oder geht spazieren – auch mal hinaus ins Weggental: „Das tut mir gut, und in dieser Stille kann man zu Gott beten!“ Auch der Garten ihrer Familie mit Blumen, Gemüse und Gartenhäuschen macht ihr Freude. Ihre Mutter, erzählt die junge Muslimin, ist nebenberufliche „Schriftstellerin und schreibt Romane“

Im November legt Bahar erst einmal ihre Zwischenprüfung ab, im Sommer 2011 wird sie dann ihren Abschluss machen: „Gutes Eis, das ist Kopf, Hand und Liebe“ verrät die 23-Jährige ihr spezielles Rezept. Nach ihrer Ausbildung zur Speiseeisherstellerin will sie noch eine Konditorlehre absolvieren. Bis dahin gibt es im Eiscafé viel zu lernen, aber immer wieder auch etwas zu lachen: Als einmal ein hübscher Junge vorbei lief, war Okutan total angetan und rief „Guarda, che bello!“ Dabei übersah die solchermaßen Entzückte allerdings eine Himbeere am Boden, rutschte aus und lag plötzlich nicht etwa dem schönen Jüngling, sondern ihrer Chefin zu Füßen.

Die erste Auszubildende zur Speiseeisherstellerin
Im Fach Italienisch hat Bahar Okutan, 23, inzwischen sogar eine Eins.Bild: Fleischer

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

24.08.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Bürgermeisterwahl im ersten Anlauf entschieden Christian Majer holt in Wannweil auf Anhieb knapp 60 Prozent
Klarer Sieg fürs Aktionsbündnis: Kein Gewerbe im Galgenfeld 69,6 Prozent beim Bürgerentscheid: Rottenburg kippt das Gewerbegebiet Herdweg
Warentauschbörse Stetes Kommen und Gehen
Kommentar zur Bürgermeisterwahl in Wannweil Jetzt muss er Kante zeigen
Amtsgericht Horb verhandelt Cannabis-Besitz Hanfkekse aus eigenem Anbau
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball