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Engel und Moriskentänzer

Die fast 600 Jahre alten Obergaden-Malereien in St. Moriz sind frisch restauriert

Seit Ostern ist die Rottenburger Morizkirche wegen Sanierungsarbeiten geschlossen. In der ehemaligen Stiftskirche der Ehinger Chorherren wird aber nicht nur saniert sondern auch restauriert. Besonders kostbar ist der spätmittelalterliche Bilderfries am Obergaden.

20.09.2014
  • URSULA KUTTLER-MERZ

Rottenburg. „Es ist der umfangreichste Freskenzyklus Deutschlands“ betont Diakon Wolfgang Urban. Der frühere Leiter des Rottenburger Diözesanmuseums betrachtet die um 1418 bis 1420 entstandenen Malereien aber nicht nur unter dekorativen Aspekten. Besonders die vier Engel sind dem langjährigen Diözesankonservator wichtig: In St. Moriz repräsentieren sie die vier Evangelien, und „das ist ganz ungewöhnlich.“ Sie seien die „Eckpfeiler der Verkündigung“, Überbringer der Botschaft „in der Kirche als sakralem Raum, dem Ort der Verbindung von Himmel und Erde“.

Während auf den Schriftbändern von drei Engeln keine Schriftzüge mehr erkennbar sind, ist beim vierten noch „Marcus“ zu lesen. Dabei erinnert Urban daran, dass Markus das Christentum nach Ägypten brachte. Die einstigen Beziehungen zur Reichenau seien ebenfalls wichtig: Markus habe dort einen hohen Stellenwert, und „die Hohenberger waren Vögte der Reichenau“. Auch der heilige Märtyrer Mauritius (von Maurus = Mohr), Führer der Thebäischen Legion und Patron der Ehinger Kirche, werde dort hoch verehrt, und es habe dort früher eine eigene Mauritius-Rotunde gegeben.

Die auf den St. Moriz-Fresken gezeigten Gestalten und Szenen interpretiert Urban auf Grund von Kleidung und tänzelnder Körperhaltung als „Narrentanz im Kirchenschiff“, als Reigen von Moriskentänzern, die in dienender Funktion als Arkaden-Träger der Kirche fungieren. Unter den Dargestellten ist auch ein Narr mit Kappe und kleinen Schellen, ein anderer trägt die typische „Zatteltracht“ samt Ledergeldbeutel am Gürtel und ein weiterer Mann eine birettartige Kopfbedeckung.

Anregungen könnten aus Konstanz gekommen sein

Der Moriskentanz war zur Zeit des Konstanzer Konzils (1414 bis 1418) ein pantomimischer Modetanz. „Moriscos“ waren die christianisierten Mauren Spaniens. Für Urban sind die Motive in der Morizkirche zu verstehen als Ausdruck für die bekehrten Heiden „die sich von der Narrheit der Welt abwenden und zu Trägern des Baus der Kirche werden“. Nicht zuletzt verweist er auf eine „Verwandtschaft des Rottenburger Zyklus“ zu den Bildern in der Konstanzer Augustinerkirche, die „ein wichtiger Ort“ gewesen sei während des Konzils, das seiner Überzeugung zufolge „auch ein Umschlagplatz für die neueste Malerei“ war. Dass der Probst des Chorherrnstifts St. Moriz vielleicht sogar selbst beim Konzil war und von dort die Anregung für die Ausmalung der Ehinger Stiftskirche mitgebracht habe, sei nicht auszuschließen.

Insgesamt zeigt der Obergaden von St. Moriz 16 Figuren: vier Engel und zwölf „tanzende“ weltliche Gestalten – eine Anzahl, die zur Tradition des Moriskentanzes passt. Die Entdeckung dieser Malereien in der „Ehgner Kirch“ geht zurück auf die 1970er Jahre, als die barock umgestaltete Kirche auf die gotische Basilika zurückgebaut wurde. „Heute“, sagt Diplom-Restaurator Fabian Schorer, „würde man das nicht mehr machen – es war der damalige Zeitgeist.“ Barocke Kunst sei damals verloren gegangen, denn „im 17. Jahrhundert wurde alles mit einer Rollwerkmalerei überstrichen“, und die sei bei der Freilegung der spätmittelalterlichen Fresken zerstört worden.

Großes Lob zollt er dem Restaurator-Kollegen Josef Steiner, der damals „den gotischen Duktus sehr gut getroffen hat“ und die Gesichter behutsam vervollständigte. Jetzt hat Schorer mit seinem Team am Obergaden über 20 Liter Spinnweben und Staub vom Bilderfries entfernt. Eine Farbanalyse der Malereien stehe noch aus, es handle sich aber überwiegend um Erdfarben in Rot, Gelb, Grüntönen und Schwarz. Doch es gebe „auch teures Rot und Blau“ etwa bei den lebensgroßen Engeln. Das könne Zinnober, die Mineralfarbe Azurit oder gar Lapislazuli sein. Besonders gut gefällt Schorer der blonde Engel hinter der Orgel: „Er hat fast italienische Gesichtszüge!“ Bei der Untersuchung der Engels-Schriftbänder konnten selbst mit UV-Licht keine Spuren ehemaliger Schriftreste entdeckt werden.

Durch die Reinigung und die neue Beleuchtung kommt künftig die Schönheit der Malereien besser zur Geltung. Die hat freilich ihren Preis. Laut der Pressestelle des Regierungspräsidiums Tübingen wird der Bewilligungsbescheid für die Denkmal-Zuschüsse voraussichtlich Anfang Oktober ergehen, sofern das Stuttgarter Finanzministerium die Mittel freigibt. Dann kann die Moriz-Gemeinde ein wenig aufatmen.

Die fast 600 Jahre alten Obergaden-Malereien in St. Moriz sind frisch restauriert
Christiane Brasse vom Landesdenkmalamt bei der Kartierung der fotografischen Gesamtansicht. Bild: Sommer

Die Stiftskirche St. Moriz wurde im Auftrag der Grafen von Hohenberg um 1300 erbaut, wobei der romanische Vorgängerbau abgetragen wurde. Sie richteten hier auch die Grablege für ihre Familie ein. Wegen des großen Zustroms von Wallfahrern zu den Mauritiusreliquien wurde das Gotteshaus 1412/13 um ein Joch erweitert und mit dem zuvor freistehenden Turm verbunden. Wenige Jahre danach erfolgte die Ausmalung des Obergadens mit dem jetzt restaurierten Bilderfries. Dieser bedeckt eine Fläche von rund 300 Quadratmetern. Weitere wertvolle Fresken finden sich an Säulen und Wänden in Schiff, Chor und Annakapelle. Mit dem Übergang Rottenburgs von Österreich an Württemberg 1806 wurde das Chorherrenstift St. Moriz aufgehoben.

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20.09.2014, 12:00 Uhr

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