Das Geheimnis des Riesen

Die fast fünf Meter große Stabpuppe "Dundu" entwickelt sich zum Exportschlager

Auftritte in China, Ägypten und London: Die von dem Stuttgarter Tobias Husemann gebaute fast fünf Meter große Stabpuppe "Dundu" ist weltweit gefragt und hat sich zu einem Exportschlager entwickelt.

30.11.2013

Von ANDREA EISENMANN

Stuttgart Ein Backsteingebäude, eine Holztür mit Kuhglocke, ein gelbes Schild mit der Aufschrift "Ruhe: hier startet gerade eine Weltkarriere". Im Innern des Ateliers: weiß getünchte Wände mit einem riesigen Spiegel, der an einen Ballettsaal erinnert, ein großes Dachfenster und natürlich viel freie Fläche. Das ist die Welt von "Dundu". Hier ist der knapp fünf Meter große Riese entstanden, hier wohnt und schläft er, hier wird er zum Leben erweckt. Auch an diesem Abend, wenn sich die Puppenspieler zur Probe in den Wagenhallen einfinden und die transparenten Gestalten "tanzen" lassen. Laufen, Klatschen, Händeschütteln, Schweben, Hüpfen, Treppensteigen oder den "Moonwalk" von Michael Jackson? Alles eine Frage des Übens.

Mit den Jahren hat sich "Dundu" vervielfältigt. Gleich mehrere der Stabpuppen gibt es mittlerweile - und das in drei unterschiedlichen Größen. "Zur Unterscheidung dienen uns Beinamen wie D 1, D 2, D 3 oder D 4, aber jeder Spieler hat eine ganz eigene Verbindung zu den jeweiligen Puppen", verrät Fabian Seewald, der seit 2009 zum derzeit 25-köpfigen Team von Dundu gehört.

Wer mehr über die Entstehung des wahrscheinlich größten Stuttgarters wissen will, muss in die Jahre 2003 bis 2005 zurückgehen. Puppenbauer Tobias Husemann war gerade von einem mehrjährigen Aufenthalt aus Israel zurückgekehrt. In Jerusalem hatte er erste Erfahrungen mit dem Bau einer überdimensionalen Stabpuppe gemacht, entstanden war für ein Theater-Stück mit dem Titel "Elvis neue Kleider" ein riesiges Abbild des King of Rock n Roll. In seiner alten Heimat wollte der ausgebildete Tischler eine ähnlich große Figur erschaffen. Statt jedoch alles genau vorzugeben, sollte diese die Fantasie der Betrachter ansprechen. Jeder könnte so etwas eigene Gefühle in die Gestalt projizieren, dachte der Stuttgarter.

Die riesige Stabmarionette, die Husemann am Ende kreierte, ähnelt einer Anatomiepuppe. Ein Netz aus fadenartigen Strängen durchzieht Kopf und Körper, Metallstäbe sind mit den einzelnen Gelenken verbunden. Am Rücken der Puppe befestigt sind Einrad und Sattel zur flexiblen Steuerung der Großfigur. "Dundu" ist ein Kurzwort für "Du und Du" - diesen Name gab Husemanns kleiner Sohn dem wandelnden Riesen mit der Schuhgröße 73 und bei diesem Namen blieb es bis heute - auch wenn das Ensemble längst auch im Ausland gebucht wird.

Um die Bewegungsabläufe der 40 Kilogramm schweren Puppe möglichst natürlich und flüssig wirken zu lassen, ist viel Kraft vonnöten, sagt Seewald. Wichtig sei zugleich, dass das Zusammenspiel aller Beteiligten stimmt. "Dundu ist Teamarbeit. Nur wenn sich jeder auf seine Mitspieler einlässt und mit einer kreativen Offenheit an der Puppe präsent ist, können faszinierende Augenblicke entstehen." Fünf Personen steuern den Riesen - jeweils zwei sind für die Arme zuständig, jeweils zwei bewegen die Beine, einer lenkt Kopf und Rücken. Auch die Musik spielt eine wichtige Rolle. Tobias Husemanns Schulfreund Stefan Charisius, der das Projekt mit ins Leben rief, brachte von einer Afrika-Reise eine Stegharfe namens "Kora" mit, deren Klang sich zur Untermalung der Bewegungen perfekt eignet.

Nach einer schwierigen Anfangszeit haben sich die Puppen in den letzten Jahren zu einem Exportschlager entwickelt. Für einen Bekanntheitsschub sorgte 2009 ein Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Leichtathletik-WM in Berlin. Im vergangenen Jahr war die Riesenpuppe in London an Bord des "Traumschiffs", als dort anlässlich der Olympischen Spiele ein Empfang abgehalten wurde.

Anfang des Jahres startete "Dundu" den "Peace Walk" bis zum Tahrir-Platz in Ägypten, um ein Zeichen für Zusammenarbeit und Frieden zu setzen. Jüngst durfte das Team mit drei Puppen in China ein neues Familien-Fahrzeug vorstellen. Und auch Schlagerstar Helene Fischer hat "Dundu" nach einem Auftritt in ihrer Weihnachtssendung zum Begleiter auf ihrer Konzerttournee erkoren. Über eines schweigt sich Erfinder Husemann jedoch aus: Aus welchem Material die Puppe hergestellt ist. Es sei einfach "der Stoff, aus dem die Träume sind", antwortet er stattdessen.

Anfassen ist ausdrücklich erlaubt: Dundu zeigt bei Begegnungen mit Groß und Klein keinerlei Berührungsängste. Foto: Dave Ramm

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Erstellt:
30. November 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
30. November 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. November 2013, 12:00 Uhr

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