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Die gelbe Gefahr wächst
Mit ihren gelben Blüten sieht das Jakobskreuzkraut gut aus. Doch, Vorsicht: Die Pflanze ist gefährlich! Foto: ©emer/Fotolia.com
Umwelt

Die gelbe Gefahr wächst

Im Südwesten breitet sich das Jakobskreuzkraut aus. Sein Gift kann Tiere wie Menschen töten. Bauern, Pferdehalter und Imker schlagen Alarm.

11.04.2017
  • ANDREAS CLASEN

Ulm. Die Gefahr ist bekannt: Sie blüht im Sommer schön gelb, ihre grün-roten Stängel werden locker einen Meter lang, ihre Inhaltsstoffe können Tier wie Mensch töten. Ihr Name: Jakobskreuzkraut.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Klaus Burger hat schon 2014 eine Anfrage zur Verbreitung dieses Krauts an die Landesregierung in Stuttgart gestellt. Die Antwort des damaligen Landwirtschaftsministers Alexander Bonde (Grüne) war: Genaue Zahlen dazu gebe es nicht. Die Ausbreitung des heimischen Jakobskreuzkrautes (JKK) habe wahrscheinlich Mitte der 90er Jahre begonnen und sei seither „langsam aber kontinuierlich“ gestiegen.

Drei Jahre sind vergangen, und die gelbe Gefahr wächst weiterhin. Das genaue Ausmaß der JKK-Verbreitung ist im Südwesten immer noch unbekannt, weil Vorkommen nicht meldepflichtig sind. Man kann aber „von einer massiven Ausbreitung sprechen“, sagt Professor Martin Elsäßer vom Fachbereich Grünland, Futterbau, Futterkonservierung des Landwirtschaftliches Zentrums des Landes in Aulendorf. „Besonders betroffen ist das Rheintal und dort neben den Straßenrändern auch die extensiv genutzten Grünlandflächen.“

Landwirt Gerhard Lohr hat seinen Hof nicht im Rheintal, sondern in Wald im Kreis Sigmaringen. Auch er ist vom JKK betroffen. Er produziert Pferdeheu. „Das musste ich wegen des Krauts schon entsorgen“, sagt er, „weil Pferde sehr stark auf das Gift reagieren.“ Nehmen Tiere über ihre Nahrung zu viele toxische Pyrrolizidin-Alkaloide (PA) auf, die das Kraut produziert, wird die Leber unwiderruflich geschädigt. Mit jeder verunreinigten Mahlzeit lagert sich vom Gift mehr im Körper an, bis irgendwann eine tödliche Dosis erreicht wird, was bei Pferden viel schneller der Fall ist als etwa bei Rindern.

Lohr versucht, das JKK von seinem Land loszuwerden. Aber er hat ein Problem: „Wir haben hier ein Naturschutzgebiet, das wird zum Teil extensiv bewirtschaftet und mein Feldnachbar, der kümmert sich darum nicht.“ Das heißt, Lohr muss besondere Auflagen beachten, etwa darf er nicht flächendeckend spritzen. Zudem fliegen immer wieder neue Samen vom Nachbarn herüber. „Er sagt, ihm macht das nichts, weil er das Gras von seiner betroffenen Wiese eh zu einer Biogasanlage bringt.“ Lohr reißt Pflanzen heraus. Dank einer Sondergenehmigung darf er auch mit einer Rückenspritze auf seinen 1,5 Hektar gegen das Kraut vorgehen.

„Ich habe es im Moment glaube ich schon im Griff“, sagt er, „aber das ist natürlich geschäftsschädigend. Mein Betriebszweig Pferdeheuproduktion wankt, wenn das so weitergeht.“ „Acht bis zehn Prozent“ macht das Heu an seinem Umsatz aus. Was ihn besonders aufregt, sagt er, ist, dass die Behörden sein Problem nicht wirklich ernst nehmen, dass niemand den Nachbar drängt, ebenso konsequent gegen das Kraut vorzugehen.

Nicht nur Lohr, sondern viele Landwirte, Imker und Pferdehalter im Land sind mit ihrer Geduld am Ende. Der Kreisbauernverband Biberach-Sigmaringen und die Pollenvereinigung Allgäu-Bodensee-Oberschwaben sammelten Unterschriften. Im März übergaben ihre Vertreter eine Liste mit mehr als 5700 Namen an Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU). Ihre Forderung: Grün-Schwarz muss verbindliche Regeln erlassen, damit das JKK und andere Kreuzkräuter eingedämmt werden. Vorkommen müssten erfasst, Maßnahmen zur Bekämpfung festgelegt und deren Umsetzung überwacht werden.

Hauk reagierte zurückhaltend. Der Minister hat den Vertretern zugesagt, „die Thematik umfassend zu beleuchten“, sagt ein Ministeriumssprecher. „Er hat Untersuchungen angeregt, bei dem nach wirtschaftlich tragbaren und wirkungsvollen Konzepten zur Bekämpfung des Jakobskreuzkrauts gesucht werden soll.“

Wer wissen will, was auf den Südwesten zukommen könnte, sollte mit Schleswig-Holsteinern sprechen. In dem Bundesland hat sich das JKK schon weiter ausgebreitet. Seit 2014 gibt es spezielle PA-Sommerhonig-Untersuchungen. 2016 wurden 273 von 236 Imkern freiwillig eingereichte Proben auf JKK-Giftstoffe hin überprüft. Rund jeder fünfte Honig übertraf den Richtwert des Bundesinstituts für Risikobewertung von 140 Mikrogramm PA pro Kilogramm. Eine Probe wies fast 18 000 Mikrogramm auf.

„Ich hab 48 Kilogramm entsorgt“, sagt Imker Dittmar Stöckl. Sein Honig war mit 280 Mikrogramm pro Kilo belastet. „Ich hätte den sogar verkaufen dürfen. Ich hätte nur draufschreiben müssen, wie viel Messerspitzen davon der Durchschnittshonig-Verzehrer pro Tag essen darf. Uns wird jetzt empfohlen, mit unseren Bienen in JKK-freie Gebiete zu ziehen oder den Sommer- mit dem unbelasteten Frühjahrshonig zu mixen. Aber das kann doch alles nicht die Lösung sein.“

Solche Zustände gibt es im Südwesten noch nicht, wie Wissenschaftler Helmut Horn von der Landesanstalt für Bienenkunde an der Uni Hohenheim bestätigt. Wie viele Tiere im Südwesten an JKK-Vergiftungen gestorben sind, ist unbekannt. „Der Nachweis ist sehr schwer“, sagt Martin Elsäßer, „weil die Tiere nicht auf einmal umfallen und sterben. Es ist ein schleichender Prozess mit unspezifischen Symptomen, wo nach dem Tod nicht zwingend auf die JKK-Alkaloide hin untersucht wird.“ Verdachtsfälle gab es, aber die Dunkelziffer ist hoch, und sie wächst – mit dem Jakobskreuzkraut.

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11.04.2017, 06:00 Uhr

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