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1939 beschlagnahmten die Nazis Grafeneck

Die grauen Busse brachten den Tod

GRAFENECK. Am 13. Oktober 1939 schrieb der Münsinger Landrat Richard Alber dem Vorstand der Samariter-Stiftung: „Nehme ich das Krüppelheim Grafeneck (...) für Zwecke des Reiches in Anspruch.“ Es war der Beginn der „Euthanasie-Aktion T4“, der Auftakt zum planmäßigen Massenmord der Nazis. Innerhalb eines Jahres wurden auf der Alb 10.654 Kranke und Behinderte, Kinder, Alte, Frauen und Männer vergast.

13.10.1999
  • Wolfgang Alber

Grafeneck, auf einer Terrasse oberhalb des Gestüts Marbach gelegen, verkörpert historische Extreme, aber auch Kontinuität. Einst war es Zeichen absoluter Herrschaft: 1560 baute der württembergische Herzog Christoph ein Renaissance-Jagdschloss, das Karl Eugen zwischen 1762 und 1772 mit den Steinen des Hohenurach zur barocken Anlage inklusive Opernhaus erweiterte. Hier frönte „Serenissimus“ hemmungslos seiner Lust, verwüstete bei Jagden die Felder der Bauern. Später verfielen die Gebäude oder wurden abgerissen. 1904 kam das Schloss in Privatbesitz, 1928 wurde es Samariter-Pflegeanstalt.

Im September 1939 dekretierte Hitler, „daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihre Gesundheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann“. Dies war, so der Dettinger Historiker Günter Randecker, eine „Ermächtigung“ zum Töten. Und willige Helfer für die „Geheime Reichssache“ fanden sich unter Ärzten und Pflegern, in der Justiz und Kommunalverwaltung. Im Zuge der „Aktion T 4“, so genannt nach der „Euthanasie“-Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4, wurden zwischen 1939 und 1945 fast 200.000 Menschen umgebracht.

Hinter dem Bretterzaun

„Tötung lebensunwerten Lebens“ hieß das in der unmenschlichen Sprache der Nazis, es war zugleich die Vorwegnahme des industrialisierten Mordens in Konzentrationslagern. Grafeneck war die erste Vernichtungsanstalt, dann kamen Brandenburg, Bernburg, Hartheim, Hadamar und Sonnenstein hinzu. Karl Morlok berichtet in seinem Buch „Wo bringt ihr uns hin?“, wie eine Delegation unter Dr. Eugen Stähle, Leiter des württembergischen „Amtes für Volksgesundheit“, Grafeneck inspizierte und wegen seiner abgelegenen Lage für gut befand.

Landrat Alber, wiewohl ein Gegner des Nazi-Regimes, ließ das Heim am 14. Oktober 1939 räumen und die 120 Insassen ins Kloster Reute transportieren. Nun begann, was Stähle zynisch eine „Wohltat für das deutsche Volk“ nannte: Unter Leitung des Arztes Dr. Horst Schumann mussten Handwerker aus der Gegend einen hohen Bretterzaun um das Gelände errichten. Dahinter verbargen sich eine Aufnahmebaracke, ein Vergasungsschuppen, ein Krematorium. Die Zugänge wurden mit Schranken gesichert, Polizei mit Hunden kontrollierte das Gelände.

Ein qualvoller Tod

Psychiatrische Krankenhäuser und Behinderteneinrichtungen wurden gezwungen, Patienten und Insassen zu melden und auszusondern. Graugrüne Busse mit blinden Scheiben, gestellt von der SS-Tarnorganisation „Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft“, fuhren übers Land: Reutlingen, Mariaberg, Zwiefalten, Ulm, Bad Schussenried, Winnenden, Göppingen . . . Mit körperlicher Gewalt oder still gestellt durch Spritzen wurden die Opfer zum Einstieg gezwungen. In Grafeneck nahmen die Ärzte die Selektion vor, Rückstellungen gab es selten.

Bis zu 70 Menschen wurden in Grafeneck täglich über 20 Minuten hin qualvoll vergast. Mit Kohlenmonoxid, das die BASF Ludwigshafen lieferte und das die Ärzte von einem Nebenraum aus einströmen ließen. Welch erschütternde Szenen sich dabei abspielten, geht aus der Aussage des Angeklagten Dr. Otto Mauthe hervor. Der „Referent für das Irrenwesen“ erklärte 1949 vor dem Landgericht Tübingen, ein Patient habe sich geweigert, den als Dusche getarnten Raum zu betreten und gerufen: „Wir werden umgebracht!“ „Solcher Verfolgungswahn“, gab Mauthe zu Protokoll, “ sei bei Geisteskranken ganz normal“.

Der Geruch des Todes

Nach der Verbrennung der Toten erhielten deren Verwandte Urnen, und „Trostbriefe“ mit Sterberur-kunde und erfundener Todesursache eines Scheinstandesamts — der mörderische Schein deutscher Rechtmäßigkeit wurde aufrechter-halten. Und doch sprach sich herum, was da geschah, Rauchzeichen und Verbrennungsgeruch ließen sich nicht lange leugnen. Am 19. Dezember 1940 schrieb Himmler an einen der „Euthanasie“-Beauftragten: „Wie ich höre, ist auf der Alb wegen der Anstalt Grafeneck eine große Erregung. Die Bevölkerung kennt das graue Auto der SS und glaubt zu wissen, was sich in dem dauernd rauchenden Krematorium abspielt. Was dort geschieht, ist ein Geheimnis und ist es doch nicht mehr.“

Unter Historikern ist umstritten, ob es tatsächlich Proteste der Kirchen waren, die zum Ende der Aktion auf der Alb führten. Der evangelische Landesbischof Theophil Wurm schrieb am 19. Juli 1940 an den Reichsinnenminister: „Entweder erkennt auch der nationalsozialistische Staat die Grenzen an, die ihm von Gott gesetzt sind, oder er begünstigt einen Sittenverfall, der auch den Verfalls des Staates nach sich ziehen würden.“ Das Personal wurde von Grafeneck nach Hadamar verlegt, die „Euthanasie“ ging weiter, der Zerfall menschlicher Werte war nicht aufzuhalten.

Begehbare Erinnerung

Beim Tübinger Prozess wurden von den acht Angeklagten fünf freigesprochen. Schumann, der später noch in Sonnenstein und Auschwitz Tausende in den Tod schickte, kam 1972 trotz eines Geständnisses frei — wegen Verhandlungsunfähigkeit.

Grafeneck ist heute wieder Samariterstift. 1990 wurde dort eine Gedenkstätte errichtet und wenige Tage später geschändet. In akribischer Arbeit hat der Stuttgarter Historiker Thomas Stöckle nahezu tausend Opfer namentlich identifiziert. Und Einzelschicksale werden sichtbar: So schrieb der Tübinger Religionspädagoge Hans-Ulrich Dapp ein Buch über seine Großmutter Emma Zeller-Dapp, die am 4. Juni 1940 mit 88 anderen Frauen in Grafeneck vergast wurde.

1998 legte die US-amerikanische Künstlerin Diane Samuels neben der Gedenkstätte einen „Alphabet-Garten“ an, 26 Granitquader, deren Buchstaben für die Namen der 10.654 Ermordeten stehen. „Erinnerung will begangen und gesucht sein“, sagte der Vorsitzende des Arbeitskreises Gedenkstätte, Gunther Wruck, bei der Eröffnung. Am Sonntag. 17. Oktober, 14.30 Uhr, wird in Grafeneck ein Gedenkgottesdienst gefeiert.

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13.10.1999, 12:00 Uhr

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