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Tag des offenen Denkmals: Auf dem Holzweg durch Rottenburg

Die große Bandbreite des Baustoffes Holz

Holz war lange so allgegenwärtig, dass es fast unsichtbar war. Sichtbar machten es zum Tag des offenen Denkmal Peter Ehrmann im Sumelocenna- und Sülchgaumuseum und Ex-OB Klaus Tappeser mit einer Führung durch Ehingen. Die Resonanz war verhalten – es war das Gegenteil von Museumswetter.

10.09.2012
  • Fred Keicher

Rottenburg. Peter Ehrmann, der Stadtarchivar, machte das Beste aus seinem Problem mit Ausstellungsstücken: „Hier ist nichts aus Holz“, erklärte er seinen Zuhörern im Römermuseum, „und nachher im Sülchgau-Museum ist alles aus Holz.“ In unseren Breiten vermodert Holz relativ schnell. „Eigentlich sind wir ja ein Klomuseum und wir finden nur, was da reingefallen ist.“ Wenigstens mussten damals die Benutzer der Cloaca maxima nicht auf Stein sitzen. Die Holzsitze hat man rekonstruiert nach einer Anlage in der heutigen Türkei, wo sie aus Stein war. Die Römer saßen eng zusammen, „unsere Gschamigkeit kannten sie nicht.“

Sumelocenna sei ursprünglich aus Holz gebaut gewesen. Zwischen Bischöflichem Palais und Schloss habe man eine Bodenschicht gefunden, die aus verbranntem Holz besteht. Möglicherweise sei die Holzstadt bei einem Großbrand zerstört worden und im 2./3. Jahrhundert in Stein wieder aufgebaut worden. Damit einher ging wohl auch der Aufstieg der Stadt, sie war nicht mehr nur Militärstützpunkt, sondern hatte drei oder gar vier Bäder, eine Art Oberbürgermeister und einen Steuereintreiber.

Als die Alemannen die Stadt eroberten, ließen sie sie verfallen und gründeten Ehingen und Sülchen. Auch steinerne Städte zerfallen, erklärte Ehrmann, und erstaunlich schnell dazu. Als die Kelten nach 1100 Rottenburg gründeten, taten sie es genau an der Stelle, wo Sumelocenna einst lag, aber drei Meter höher: So hoch lag der Schutt der alten Stadt, vermehrt durch den Schlamm des Weggentalbachs.

Die Industrialisierung verschlafen

Schneller Wechsel: Im Sülchgau-Museum zeigte Ehrmann altes Handwerkszeug aus Rottenburgs Hochzeit als Hopfenmetropole. Als um 1840 der Weinbau darnieder lag, „setzte man auf ein anderes Rauschgift“, sagte er lächelnd: „Das Bier“. 42 Brauereien habe es 1880 in Rottenburg gegeben. Die Rottenburger Zeitung damals hieß „Neckarbote und württembergische Hopfenzeitung“ Nach dem Ersten Weltkrieg war der Hopfenboom vorbei. In Rottenburg bemerkte man, dass man die Industrialisierung verschlafen hatte.

Es seien die gewöhnlichen Dinge, die verschwinden, befürchtete Ehrmann. Einen schlichten Holzkreisel, den man mit der Peitsche antreibt, hatte er besorgt – zur Freude älterer Herren, die alte Fertigkeiten ausprobierten.

Rottenburg ist eine der waldreichsten Städte in Baden-Württemberg, erinnerte Ex-OB Klaus Tappeser seine Gruppe, die sich am Ehgner Eck traf. Und trotzdem habe das Bauholz nicht gereicht, besonders beim großen Boom um 1500. Schon vorher ist das Nonnenhaus gebaut worden, ein beeindruckender Bau in alemannischem Fachwerk über zwei großen Gewölbekellern. Da die Pizzeria „4 Mori“ geschlossen hatte, empfahl Tappeser einen gelegentlichen Besuch, um beim Essen die mächtige Holzkonstruktion zu bewundern.

Das Bauholz kam aus dem Schwarzwald übers Wasser. 350 Meter lang seien die Floße gewesen. Rottenburg sei immer ein wichtiger Flößerplatz gewesen.

Vieles deute daraufhin, dass das Gebäude Königstraße 74 / Ecke Kapuzinergasse einmal das Ehinger Rathaus gewesen ist. Heute ist im Erdgeschoss ein türkischer Arbeiterclub. Am Haus dahinter machte Tappeser auf ein Problem aufmerksam. Die vielen Briefkästen zeigten, dass das Haus zimmerweise vermietet und systematisch runtergewirtschaftet werde, aber mit Gewinn für den Eigentümer.

Peter Wagner, ehemaliger Stadtwerkechef, hat vor fünf Jahren drei Viertel der Scheuer in der Kapuzinergasse 4 gekauft. Ein frühes Beispiel von Teileigentum, gebaut haben es vier Bauern gemeinsam. Jetzt gilt Wagner in Ehingen als „bescheuert“, weil ihm schon die Löwenscheuer gehört – ein ganz besonderes Bauwerk von 1808, das Meisterstück des Begründers des Maurergeschlechts Johner. Die Renovierung seiner dreiviertel Scheuer nannte Rentner Wagner das „Hobby eines älteren Herrn“, was prompt Tappeser zur Frage provozierte: „Was, lebt dein Vater noch?“

Verständnisvolle Nachbarn: Fenster blind

Das Atelier in der Löwenscheuer stand gestern den Besuchern offen, gegenüber der Garten der Familie Kuntz auch. Ein wunderschöner Rückzugsort mit Tomaten, Hortensien, Malven und einem Weinstock, der rote und weiße Trauben trägt.

Vom Garten sieht man die Rückseite des Theaters am Torbogen. Das war mal ein Schafstall der Schäferdynastie Schwarz. Dass man gerade in der engen Altstadt Kompromisse machen muss, zeigte Tappeser anhand der Theater-Fassade mit den blinden Fenstern: „Bei der Denkmalrenovierung braucht es dreierlei: eine verständnisvolle Verwaltung und zwei verständnisvolle Nachbarn.“

Keinen Kompromiss gab es hingegen bei der Frage, woher der Pulverturm seinen Namen hat. Tappeser vermutete, dass hier die Stadt ihr Pulver gelagert hätte. „Als alter Artillerie-Offizier hätte ich das Pulver nie so stadtnah gelagert.“ Peter Wagner vermutete, dass die Rottenburger hier ihr Geld gehortet hätten. „Das wäre mir aufgefallen“, hielt Tappeser dagegen. „Solange ich OB war, hat Rottenburg nie Geld gehabt.“

Die große Bandbreite des Baustoffes Holz
Eigentlich ist das Rottenburger Römermuseum ein Klomuseum, sagte Stadtarchivar Peter Ehrmann seinen Zuhörern. Immerhin saß man in Sumelocenna nicht auf Stein, sondern auf – hier nachgebauten – Holzsitzen.

Die große Bandbreite des Baustoffes Holz
Der Kreisel ist ein uraltes Spiel und immer noch populär.

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10.09.2012, 12:00 Uhr

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