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OECD-Studie

Die große Last der Abgaben

Den Deutschen wird im internationalen Vergleich mit am meisten von ihrem Gehalt genommen. Vor allem die Sozialbeiträge fallen ins Gewicht. Auch Familien sind überdurchschnittlich belastet.

12.04.2017
  • ANDRé STAHL, DPA

Berlin. Deutschland hält sich bei der Steuer- und Abgabenlast hartnäckig an der Spitze der Industrieländer. Ob Einkommensteuer, Solidaritätszuschlag, Beiträge zur Arbeitslosen- und Rentenversicherung – der deutsche Staat bittet seine Bürger kräftig zur Kasse. Nach einer am Dienstag vorgelegten Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rangiert die Bundesrepublik im Kreis der 35 OECD-Länder auf Platz zwei. Nur in Belgien fällt die Abgabenlast für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener noch höher aus.

Wie stellt sich die Abgabenlast nach den OECD-Zahlen dar? Ein Angestellter mit Durchschnittsgehalt, unverheiratet und ohne Kind, musste in Deutschland 2016 im Schnitt 49,4 Prozent an den Staat abliefern. Das ist laut OECD derselbe Anteil der Arbeitskosten (Bruttoverdienst plus Sozialbeiträge der Arbeitgeber) wie 2015. In der OECD rangiert Deutschland bei alleinstehenden Durchschnittsverdienern mittlerweile auf dem zweithöchsten Platz (2015: Platz drei), was vor allem an den vergleichsweise hohen Sozialabgaben liegt, die von Arbeitnehmern und Arbeitgebern getragen werden. Nur die Belgier waren 2016 stärker belastet. Der OECD-Durchschnitt betrug 36 Prozent. Immerhin: Im Jahr 2000 lag der Wert für Deutschland noch bei 52,9 Prozent.

Betrifft der Spitzenplatz auch andere Haushaltstypen? Nach Angaben der OECD ist auch bei allen anderen untersuchten Haushaltstypen die Belastung in Deutschland vergleichsweise hoch. Für einen verheirateten Durchschnittsverdiener mit zwei Kindern etwa betrug sie 34 Prozent. Deutschland liegt damit auf Platz 9 aller OECD-Länder. Der OECD-Schnitt betrug 26,6 Prozent.

Wie ermittelt die OECD die Zahlen überhaupt? Nach einheitlichen und transparenten Vorgaben für alle OECD-Staaten. Die Gesamtbelastung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber misst der „tax wedge“ – zu Deutsch „Steuerkeil“. Dieser ergibt sich aus der Differenz zwischen den Lohnkosten des Arbeitgebers pro Mitarbeiter und dem Lohn, der dem Arbeitnehmer nach Steuern und Sozialabgaben sowie sozialen Transferleistungen verbleibt. Das ist somit ein Indikator für die Belastung des Faktors Arbeit. Es wird gezeigt, wie viel Kaufkraft der Staat einem Arbeitnehmer durch Steuern und Abgaben nimmt. Noch aussagekräftiger wären die Daten, wenn auch die Belastung durch indirekte Steuern einbezogen würde wie die Mehrwert- oder Mineralölsteuer – was laut Ökonomen aber schwierig ist.

Würde Deutschland ohne Berücksichtigung der Sozialabgaben besser abschneiden? Ja. Würde der Vergleich auf die Steuerbelastung beschränkt, dann fiele das Ergebnis besser aus. Wegen der hohen Sozialabgaben hierzulande fielen geringfügige Steuerentlastungen aber kaum ins Gewicht. Zumal Gehälter stärker gestiegen sind als Steuererleichterungen oder Freibeträge, sodass ein größerer Anteil der Einkommen steuerpflichtig wurde. Ein isolierter Vergleich nur der Steuerlast ist wenig aussagekräftig.

Wie groß sind die Unterschiede unter den OECD-Ländern? Sehr groß. Für Alleinstehende ohne Kinder etwa reicht der „Steuerkeil“ von 54 Prozent der Arbeitskosten in Belgien bis 7 Prozent in Chile. Oder ein anderes Beispiel: In der Schweiz ist das Leben zwar teuer – dafür sind aber die Gehälter relativ hoch und die Steuer- und Abgabenlast gering. Die Schweiz liegt weit unter dem OECD-Durchschnitt und beim kinderlosen Single hinter Südkorea.

Warum ist die Differenz bei Alleinstehenden besonders groß? Hier wirkt sich das in Deutschland umstrittene Ehegattensplitting zugunsten verheirateter Paare aus, das es in den meisten anderen OECD-Staaten nicht gibt. Zwar werden in fast allen OECD-Ländern Familien mit Kindern steuerlich gefördert. In Deutschland aber ist diese Subvention, bedingt durch das Ehegattensplitting und die beitragsfreie Mitversicherung von nicht-erwerbstätigen Ehepartnern, besonders ausgeprägt. Die OECD-Experten kritisierten schon öfter, dass diese Steuerregeln die Anreize zur Jobaufnahme verringerten. Hohe Steuern und Abgaben für Zweitverdiener entmutigen vor allem Frauen, erwerbstätig zu werden.

André Stahl, dpa

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12.04.2017, 06:00 Uhr

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