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Die große Qual der Wahl
Viele junge Menschen stehen beim Übergang ins Arbeitsleben vor einer Auswahl, die sie überfordert. Foto: © DDRockstar - fotolia.com
Job

Die große Qual der Wahl

Kraftfahrer? Physiklehrer? Oder doch lieber was mit Medien? Wir fragen Experten, was gegen Planlosigkeit bei der Suche nach dem passenden Beruf hilft.

07.11.2016
  • LORENZO ZIMMER

Ulm. Mit dem Schul- oder Studienabschluss in der Tasche beginnt für Jugendliche und junge Erwachsene ein neuer Lebensabschnitt. Doch die Suche nach dem richtigen Ausbildungsplatz oder dem beruflichen Einstieg ist für viele von Planlosigkeit und Desorientierung geprägt. Die Berufsberatung der örtlichen Agentur für Arbeit ist ein Weg, diese Planlosigkeit zu überwinden. Auch Praktika, psychologische Untersuchungen oder Schnelltests im Internet können dabei helfen, eine Antwort auf die bohrende Frage zu finden: Was passt zu mir?

Keine Lust auf Büro

Lisa – Name geändert – ist 19 und hat ihr Abitur bestanden. Seitdem ist ein Jahr vergangen. Sie hat den Führerschein gemacht, war auf Reisen. Jetzt würde sie gerne einen Beruf lernen. Das Problem: Lisa hat keine Ahnung, was sie eigentlich machen möchte. „Nicht den ganzen Tag im Büro hocken“, sagt sie der Berufsberaterin Sigrid Bucher. Sie hilft Jugendlichen wie Lisa. Versucht, ihnen eine Orientierung zu geben. Lisas Mutter sitzt beim Beratungsgespräch in der Agentur für Arbeit mit am Tisch.

Ein Studium kommt für ihre Tochter nicht in Frage: „Ich habe mir 12 Jahre was vorlabern lassen. Jetzt will ich was machen und nicht nur an einem Tisch hocken.“ So etwas hört Bucher immer öfter. „Ausbildungsberufe sind wieder etwas beliebter“, sagt sie. Davon spüren die Ausbildungsbetriebe bisher noch nicht viel – immer wieder klagen Verbände und Betriebe über zu wenig Auszubildende. Zu lange kam für viele Jugendlichen eine Ausbildung – insbesondere im Handwerk – eher nicht in Frage. Lisa hat keine Ahnung, was ihr zusagt: „In der Schule ging es immer nur um Studienberatung.“ Aber Lisa will eine Ausbildung machen. Bucher bietet ihr einen psychologischen Test an, der sich eingehend mit Fähigkeiten und Interessen der Jugendlichen beschäftigt und schließlich zu einer Empfehlung kommt. Doch dafür wäre ein neuer Termin vonnöten. Der letzte Ausweg für den Fall, dass sich heute nichts findet, wo Lisa zumindest einmal reinschnuppern kann.

Praktika und Ferienjobs helfen

Denn das ist aus Sicht der Berufsberaterin essentiell: „Ein Praktikum oder ein Ferienjob kann sehr dabei helfen, ein realistisches Bild von einem Beruf zu erhalten.“ Aber so weit ist Lisa noch nicht, sie braucht erstmal eine Richtung. Tierpflegerin in der Stuttgarter Wilhelma könnte sie sich vorstellen. Doch hier kommen jedes Jahr hunderte Bewerber auf wenige Ausbildungsstellen.

Deshalb zückt die studierte Verwaltungswirtin Bucher ein Büchlein. Es ist ein Kompendium aller verfügbaren Ausbildungsberufe der Region nach Themenfeldern sortiert. Die Beraterin liest von vorne. Bauberufe: Maurer, Betonmischer, Dachdecker. „Ohje“, stöhnt Lisa. Bucher bleibt gelassen. Köchin? „Sie kann ja nicht mal Spiegelei!“ wirft die Mutter ein. Alle drei lachen.

Bei den gestalterischen Berufen wird Lisa plötzlich hellhörig: Steinmetz, Kunstrestaurateur, Raumausstatter. „Ja, kann ich mir vorstellen.“ Sie erhält Adressen und Infos, wo sie sich bewerben muss. Insgesamt neun Ausbildungsberufe stehen am Ende auf ihrem Zettel. Einige davon sind – anders als der des Tierpflegers – Jahr für Jahr eher unterbesetzt. Aussichtsreiche Chancen für Lisa. Mit dem Gespräch ist Buchers Arbeit jedoch nicht getan. Bei vielen Jugendlichen wirft sie auch einen Blick auf Bewerbung und Lebenslauf. Wenn die Jugendlichen schon zur Beratung zu spät kommen, macht sie darauf aufmerksam, wie wichtig Pünktlichkeit im Berufsleben ist. Sie gibt Tipps zu Auftreten und Kleidung. Das sind die „Wie“-Fragen – für Bucher leicht zu beantworten.

Beim „Was“ wird es da gelegentlich schwieriger: „Diese fast systematische Planlosigkeit treffe ich sehr häufig an“, sagt Bucher nach dem Gespräch mit Lisa. Gerade die Verkürzung der Gymnasialzeit durch G8 habe diesen Effekt noch einmal verstärkt, sagt sie. Ein freiwilliges soziales Jahr, Praktika, oder Auslandsreisen können aus ihrer Sicht dabei helfen, einen eigenen Berufswunsch zu entwickeln oder einen bestehenden zu stärken.

Beratung ist freiwillig

Mit Lustlosigkeit der Jugendlichen kämpft die Berufsberaterin hingegen selten: „Die Beratung ist freiwillig.“ Die jungen Leute, die zu ihr kommen, leiden ihrer Erfahrung nach eher unter Planlosigkeit. Aber Bucher kann ihnen oft helfen: „Manchmal kriege ich Rückmeldungen von Betrieben, wenn aus dem Auszubildenden ein erfolgreicher Mitarbeiter geworden ist.“

Oft muss sie sich als Rückmeldung aber damit begnügen, dass Jugendliche ihr Zimmer wenigstens mit ein paar Ideen mehr im Kopf verlassen.

So wie Lisa. Sie hat nun einige Vorstellungen, wo ihre berufliche Reise hingehen könnte.

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07.11.2016, 06:00 Uhr

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