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Leitartikel Zinsen

Die große Unsicherheit

Er ist einer der Männer des Jahres. Viele Anhänger hat Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), trotzdem nicht. Sparer, Lebensversicherungen, Pensionskassen – sie alle werden weiter mit dem Problem leben müssen, für das vor allem der Name des Italieners steht. Die Zinsen bleiben im Keller, sehr wahrscheinlich solange wie Draghi in den Doppeltürmen der EZB in Frankfurt das Sagen hat. Und das hat er bis Oktober 2019.

30.12.2016
  • ROLF OBERTREIS

Frankfurt. Der Italiener und mit ihm die Mehrheit der Notenbanker im Rat der EZB halten an ihrem Kurs fest. Und der heißt: Viel hilft viel. 2017 werden sie über den Kauf von Staatsanleihen zusätzlich mehr als eine halbe Billion Euro in die Wirtschaft, den Bankensektor und die Finanzmärkte pumpen, um die Konjunktur vor allem im Süden der Eurozone anzukurbeln. Ende 2017 wird es insgesamt die unvorstellbare Summe von mehr als 2,3 Billionen Euro sein.

Allmählich steigende Zinsen sind derzeit schwerlich auszumachen. Draghi und die Mehrheit der Notenbanker halten sich alle Türen offen. Draghi hat nicht einmal den Einstieg in den Ausstieg aus der mehr als großzügigen Geldpolitik im Auge. Flexibel wollen die Notenbanker sein. Aber sind sie das wirklich? Manövrieren sie sich nicht immer weiter in eine Sackkasse hinein, aus der sie nur schwer wieder herauskommen?

Wie gebannt schauen sie auf die Inflationsrate und auf jene knapp zwei Prozent, die sie als Maß für stabile Preise ansehen und als Basis für nachhaltiges Wachstum. Der Abstand zur Nulllinie soll Handlungsspielraum bewahren. Den aber hat die EZB auch 2016 exzessiv ausgenutzt. Das wird allmählich zum Problem: Nicht nur, dass das viele Geld zu massiven Preissprüngen bei Immobilien führt und auch die Aktienkurse in womöglich bedenkliche Höhen treibt. Je länger die EZB zögert, zumindest einen Hinweis zu geben, wann sie ihre Anleihekäufe reduziert, desto größer wird die Unsicherheit im Finanzsektor und bei den Banken. Die Furcht vor einer allzu raschen Zinswende ist groß. Dann könnte es zu einem lauten Knall an den Finanzmärkten kommen.

Draghi glaubt offenbar, dass er mit der Geldschwemme die strukturpolitischen Probleme, die Staatsschuldenkrise in der Eurozone und die Krise der Banken bekämpfen kann. Dabei weiß es der Italiener besser. Die EZB alleine ist dazu nicht in der Lage. Es ist auch nicht ihre Aufgabe. Schließlich fordert Draghi die Politik immer wieder auf, endlich Reformen anzupacken und die Haushalte in Ordnung zu bringen. Umso wichtig wäre es, dass er endlich signalisiert, wann die Geduld der EZB erschöpft ist und sie den Geldhahn allmählich wieder zudreht. Dass Unternehmen mehr investieren, hängt bei weitem nicht allein an günstigen Krediten. Mindestens ebenso wichtig ist Zuversicht in die weitere wirtschaftliche Entwicklung und Vertrauen in die Zukunft. Brexit, die Krise in Italien, die Probleme in Griechenland, ein US-Präsident Trump und zunehmender Populismus sorgen schon für genug Unsicherheit. Mittlerweile gehört auch die EZB zu denen, die nicht unbedingt für Ruhe und positivere Stimmung sorgen.

leitartikel@swp.de

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30.12.2016, 06:00 Uhr

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