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Literatur

Die guten Jahre sind vorbei

Volker Kutschers Romane sind Krimis und spannende Zeitgeschichte. „Lunapark“ spielt vor dem Hintergrund des so genannten Röhm-Putsches.

25.11.2016
  • HELMUT PUSCH

Berlin 1934. Berlin 1934. Unter der Liesenbrücke liegt eine Leiche. Sie ist übel zugerichtet und trägt die Uniform der SA. Doch der SA-Mann ist nicht an den brutalen Schlägen gestorben. Die Obduktion ergibt, dass er an einem Glasauge erstickt ist. Und dem ersten Toten folgen weitere Opfer. Was die Sache so brenzlig macht: Es sind alles SA-Männer. Deshalb darf Kommissar Gereon Rath nicht allein ermitteln, er muss mit seinem früheren Kollegen Reinhold Gräf, der mittlerweile bei der politischen Staatspolizei Karriere macht, eine Sonderkommission bilden. Für den ist die Sache klar: Es sind politische Morde, und sie gehen auf das Konto von kommunistischen Gruppen, die im Auftrag Moskaus nach Berlin eingesickert sind.

Gereon Rath folgt einer anderen Spur. Er stellt fest, dass alle Mitglieder des SA-Sturms, aus dem die Opfer stammen, gleichzeitig in die SA eingetreten sind. Und deren Sturmbannführer ist identisch mit dem Mann, der den Ringverein der Nordpiraten geführt hat. Für Rath ist klar: Nachdem die Nazis die Ringvereine verboten hatten, haben sich die Kriminellen eine neue Heimat gesucht, setzen unter dem Deckmantel der Paramilitärs ihre Machenschaften fort.

Das ist die Ausgangslage des neuen Romans von Volker Kutscher. Es ist der sechste, in dem der heute in Köln lebende Autor seinen aus Köln stammenden Kommissar ermitteln lässt. Der weiß, was Kungelei ist, denn die kennt er aus Köln bestens, wo sein Vater als Kriminalrat ein enger Vertrauter des ehemaligen Bürgermeisters Konrad Adenauer war. Und Adenauer, den die braunen Horden abgesetzt haben, wohnt mittlerweile im Potsdamer Vorort Neubabelsberg . . .

Das ist jede Menge Zeitgeschichte. Und die ist brillant recherchiert, was auch Not tut. Denn was der ehemalige Tageszeitungsredakteur da als Kulisse für seinen Kriminal-Plot schildert, ist zwar auch die große Politik, die damals in den zunehmend gleichgeschalteten Medien für Schlagzeilen sorgte, das ist aber vor allem Alltagsgeschichte. Die wandelt sich nun mal vor allem im Detail. Zwei Jahre nimmt sich Kutscher für jeden seiner Romane Zeit. „So lautet die Vereinbarung mit dem Verlag. Und bislang habe ich es auch immer geschafft, den Termin zu halten. Schneller kann ich es auch nicht. Recherche und Schreiben greifen ineinander, auch nach der eigentlichen Recherchephase muss ich immer noch Dinge nachrecherchieren, die sich während des Schreibens neu ergeben haben“, erklärt der Autor.

Doch so fundiert diese Recherchen auch sind: „Priorität hat immer die Fiktion“, sagt Kutscher auf einer seiner Lesereisen, die ihm ein echtes Anliegen sind. Denn der Autor weiß, dass er nicht der alleinige Vater seines Erfolges ist. „Ich bin der typische Autor, der vom Buchhändler empfohlen wird. Und dafür will ich mich bei diesen Buchhändlern auch bedanken.“

Der Kunstgriff, um die alltäglichen Details wie unter einem Brennglas erscheinen zu lassen: Kutschers Protagonisten sind sehr moderne, säkulare und selbstbestimmte Menschen, Raths Ehefrau Charlotte ist höchst emanzipiert. Beide sind ausgesprochene Gegner der Nazis. Doch die neue Zeit bricht auch bei den Raths ein, sie haben den ehemaligen Straßenjungen Fritz adoptiert, der den kameradschaftlichen Verlockungen des Hitlerjugend-Jungvolks nicht widerstehen kann: An ein offenes Wort ist zuhause bei den Raths nicht mehr zu denken. Als Charly bei einer Razzia der SA in die Fänge der Braunhemden gerät, lässt sich Rath auf ein riskantes Spiel ein, in dem er einen veritablen Mordauftrag bekommt. Doch auch unter den Nazi-Gefolgsleuten wird es eng. Als Hitler die Macht der SA zu groß wird und die Säuberungswelle des so genannten Röhm-Putsches einsetzt, bekommt auch Raths Kollege Gräf ein Problem.

Und was hat der Lunapark damit zu tun? Eine der Spuren, die der Mörder der SA-Männer hinterlässt, führt in diesen bereits aufgelassenen Vergnügungspark. Der ist auch ein Sinnbild: Die guten Jahre sind vorbei.

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25.11.2016, 06:00 Uhr

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