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Kreis Tübingen: Betrieb auf Sparflamme

Die meisten Apotheken waren im Warnstreik

In vielen Apotheken blieb gestern das Licht aus: Warnstreik. Die Inhaber/innen fordern ein Honorar, das Zusatzarbeit und steigende Kosten ausgleicht. Die Notversorgung war nicht gefährdet.

13.09.2012
  • Johanna Hellmann Gert Fleischer

Kreis Tübingen. In breiter Solidarität geben die Apotheker/innen ihren Forderungen Nachdruck. „Auch während des Streiks ist zu den regulären Öffnungszeiten immer jemand in der Apotheke“, sagt Julia Lykaitis, 33, aus der Neckartor-Apotheke in Tübingen. „Wenn jemand etwas braucht, wird das natürlich nicht verweigert.“ Der Betrieb in ihrer Apotheke läuft auf Sparflamme: „Neben mir sind heute nur noch zwei Mitarbeiter da.“ Ihr Chef, Adam Hrabal, 37, berichtet: „Jede Apotheke im Land ist aufgerufen, sich am Streik zu beteiligen. Die Teilnahme ist zwar freiwillig, doch ist die Mehrheit dabei.“ Er hoffe, dass die Politik nachdenkt: „Wir arbeiten immer mehr, bekommen dafür aber das gleiche Gehalt. Trotz einer guten Ausbildung und fünf Jahren Studiums sind wir nicht mehr als Handlanger für die Krankenkassen und arbeiten in Akkord.“

Es kamen deutlich weniger Kunden

Apothekerin Gabriele Mandel, 53, von der Mayerschen Apotheke sagt, das deutsche Gesundheitssystem sei „eine Katastrophe“: „Gesundheit ist heute kein Thema mehr, es geht nur noch ums Geld.“ Die Forderungen der Apotheken seien noch zu gering, es müsse eigentlich viel mehr geändert werden: „Aber jetzt geht es erst einmal darum, dass die Apotheken wenigstens überleben.“

Viele Kunden kamen gestern gar nicht erst in die Apotheken: „Heute Vormittag waren rund 20 Patienten da. Normalerweise kommen 80. Die Leute sehen, dass gestreikt wird.“ Die meisten Kunden blieben gelassen. „Ich kann die Apotheker gut verstehen.“ sagt Ali-Ashraf Rajabli, 20, Student. „Die Arbeit, die man tut, muss gewürdigt werden.“ Sozialpädagogin Tatjana Thomljanovic, 40, hält den Streik für gerechtfertigt: „Die Apotheken wollen einfach in der Lage sein, ihre Patienten weiterhin zu versorgen – ihre Forderungen kommen allen zugute.“

Ähnlich die Situation in Rottenburg. Mit Ausnahme der geöffneten und erleuchteten Bären-Apotheke machen alle Apotheken einen geschlossenen Eindruck, sind aber zu erreichen über die halb geöffnete Tür, den Nebeneingang oder die Notklingel. Bei der Bären-Apotheke – Inhaber Jochen Vetter betreibt weitere Apotheken in Tübingen und Herrenberg – erhalten die Kunden Flugblätter, für inhaltliche Gespräche interessieren sie sich kaum.

Keiko Assenheimer, Chefin der Central Apotheke, ballt beim Interview mehrmals die Faust. Die Rabattverträge bereiten ihr und den Berufskolleg(inn)en viel Zusatzarbeit. Sie können nicht mehr einfach das Medikament herausgeben, das der Arzt verschrieben hat, sondern müssen nachschauen, welche Kasse welches (wirkstoffgleiche) Fabrikat erstattet. Pharmavertreter würden entlassen, jede Woche in Deutschland vier Apotheken geschlossen. Assenheimer, gebürtige Japanerin, wolle „für Deutschland kämpfen“, damit die Verhältnisse stabil bleiben. Dafür werde das Land weltweit bewundert.

Das Geld reicht nicht mehr für Investitionen

Doris Nichter in der Markt-Apotheke weiß, dass Apotheker einst im Ruf standen, zu den Spitzenverdienern zu gehören. Sie wolle auch gar nicht klagen, wissend, dass manche Kundin von 600 Euro Rente lebt. Aber steigende Personal- und Sachkosten, der Zuwachs an Arbeit erforderten eine angemessene Honorarerhöhung. Spital-Apotheker Karl heinz Reiher klagt über Investitionsstau. Er bräuchte mehr Platz, neue Möbel – doch das sei nicht drin. „Die Erträge sind miserabel.“ Die Politik habe für diese Verhältnisse gesorgt.

Nicht alle Kunden sind auf Seiten der Apotheker. Wolfgang Adis, Rentner und immer noch IG Metaller, sagt: „Ich hab‘ noch keinen Apotheker auf dem Sozialamt gesehen. Ich kann das Ganze nicht nachvollziehen.“ Verständnis für die Apotheken hat Gertrud Heberle: „Wir haben in der Klinik gestreikt, aber was hat‘s gebracht? Nix! Das ist der Staat, der das macht.“

Wie geht es weiter? Noch diese Woche gibt es Gespräche mit dem Bundesgesundheitsministerium, danach entscheiden die Apothekerverbände, wie sie reagieren.

Die meisten Apotheken waren im Warnstreik
Auch die Linz’sche Apotheke am Marktplatz wurde gestern ganztägig bestreikt.Bild: Metz

Das Honorar decke nicht ihre Kosten, die durch Inflation und Lohnanstieg immer weiter gewachsen sind, sagen die Apotheker. Für jedes Medikament auf Rezept, egal was es kostet, erhalten sie seit 2004 den festen Betrag von 8,10 Euro plus drei Prozent vom Einkaufswert. Allerdings müssen die Apotheken pro Medikament 2,05 Euro an die Krankenkasse abführen. Zuzahlungen zu Arzneien müssen in vollem Umfang an die Kassen weitergereicht werden.
Ab 2013 soll der Honorarsatz auf 8,35 Euro erhöht werden. Den Apothekern ist das zu wenig. Sie fordern 9,14 Euro. Andernfalls sei eine flächendeckende Versorgung rund um die Uhr nicht mehr zu gewährleisten.

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13.09.2012, 12:00 Uhr

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