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Bewohner des Kiebinger Bahnwärterhäuschens: „Es hing halt immer ein Damoklesschwert über mir“

Die neue B28a schneidet Rentner von der Umgebung ab

Die Nachricht hat ihn gestern kalt erwischt: „Insgeheim hab‘ i’ halt g’hofft, mi‘ hebt‘s no‘ aus“, sagt Rainer Feßler. Er ist jetzt 71 Jahre alt und wohnt seit 18 Jahren im Kiebinger Bahnwärterhäuschen, direkt am Gleis. An den Lärm der Züge hat er sich gewöhnt. Doch jetzt soll hinterm Haus die neue B 28 a gebaut werden.

21.07.2015
  • Ulrich Eisele

Kiebingen. Auf das kleine Häuschen am Bahndamm hatte es Rainer Feßler schon lange abgesehen. Der gebürtige Calwer, der bis zur Rente als Korrektor beim SCHWÄBISCHEN TAGBLATT arbeitete, ist Eisenbahn-Narr. Er besitzt nicht nur eine Modelleisenbahn, sondern auch allerhand andere Bahn-Devotionalien: Schaffners- und Fahrdienstleitermützen, Schilder, Plakate. In seiner Küche steht eine Dreier-Sitzbank aus einem ET 425, einem Nahverkehrszug. Seine Rente bessert Feßler als Fahrgastzähler der Deutschen Bahn auf. So kommt er täglich rum im Ländle.

Schon beim Kauf des 1861 gebauten Bahnwärterhäuschens wusste Feßler, dass dort vielleicht einmal eine Bundesstraße gebaut würde. Doch eindeutig konnte das im Jahr 1997 noch niemand sagen. Das Regierungspräsidium präsentierte immer wieder neue Planungsvarianten. Längst galt noch nicht als ausgemacht, dass die neue B 28 a parallel zur Bahntrasse durchs Neckartal führen würde.

Die neue B28a schneidet Rentner von der Umgebung ab
Rainer Feßler mit seinen Schafen vor seinem Bahnwärtershäuschen in Kiebingen. Die Trasse der B28 a soll am linken Bildrand, direkt vor Feßlers Garten, vorbeiführen. Bild: Eisele

Drei Jahre brauchte Rainer Feßler, um sein neues Häuschen auszubauen. Jeden Abend war er vor Ort, jedes Wochenende, investierte insgesamt rund 50 000 Euro. Mittlerweile hat er sich gemütlich eingerichtet. Auf dem Grundstück hält er vier Kamerun-Schafe, die ihm ans Herz gewachsen sind wie Familienmitglieder. Abends führt er sie auf eine nahe Weide. „Wie das gehen soll, wenn die neue B 28 kommt, ist mir ein Rätsel“, sagt er und zuckt mit den Achseln.

Als er gestern in der Zeitung gelesen habe, dass Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt die Mittel für den Bau freigegeben habe, sei er „schon ein bissle geschockt gewesen“, so der 71-Jährige. „Es hing halt immer ein Damoklesschwert über mir“, stellt er rückblickend fest. Jedes Mal, wenn die Planung wieder verschoben wurde, habe er „durchgeatmet“. Er habe halt gehofft, dass er die neue Straße vielleicht nicht mehr erlebe. „Vielleicht ziehe ich ins Unterdorf, ins Betreute Wohnen“, überlegt er sarkastisch. Oder sollte er auf eigene Rechnung hinterm Haus einen Lärmschutzwall bauen?

Vieles ist ihm noch unklar, vieles kann er sich gar nicht vorstellen: Wird er während der Bauarbeiten ruhig schlafen können? An den Lärm der Züge hat er sich gewöhnt, „nach denen kann ich meine Uhr stellen“, sagt Feßler trocken. Aber Straßenbau direkt hinterm Haus?

„Dort drüben, meine Nachbarin“, sagt er und zeigt auf ein nahegelegenes Grundstück, „die hat geweint, als sie erfahren hat, dass die Fahrbahn mitten durch ihren Garten gehen soll.“ Er selbst reagiert gelassen, deutet an, dass er sich nach Alternativen umsieht. „Vielleicht ziehe ich in ein Bauernhaus irgendwo auf die Alb, wo es ruhig ist“, sinniert er. Ganz ernst meint er das nicht. Für so eine Entscheidung ist noch zu Vieles unklar: Würde er sein Häuschen überhaupt losschlagen können? Hätte er Anspruch auf Entschädigung? Fragen, die der Rentner erst mit einem Anwalt klären müsste, doch das Geld dafür hat er nicht. „Eigentlich müsste mir das RP sagen, was ich machen soll“, meint er, „denn die planen ja die Straße.“

Verlierer im Kampf um die Tieferlegung

Als Verlierer im Kampf um eine vernünftige Lösung sehen sich auch Guido Lohmüller und Ottmar Raidt von der Interessengemeinschaft B 28 in Kiebingen. Lohmüller hatte noch Anfang des Jahres eine Notlösung vorgeschlagen, eine kleine Unterführung unter der B 28 a, damit die Einwohner möglichst unkompliziert in die Neckaraue gelangen. Nicht nur Spaziergänger, Freizeitsportler und Festplatzbesucher, sondern auch täglich Hunderte von Fahrradfahrern auf dem Weg zu Rottenburger Schulen, Behörden und Geschäften. Doch der Vorschlag wurde vom RP und Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher umgehend zurückgewiesen. Er sei technisch nicht machbar; in Wirklichkeit ging es jedoch darum, die vorhandene Planung nicht durch nachträgliche Veränderungen zu gefährden.

„Vor zehn Jahren hätte ich noch diskutiert bis zum Geht-nicht-mehr“, sagt Lohmüller. Doch inzwischen habe er „damit abgeschlossen. Ich bin Verlierer und ziehe die Konsequenzen.“ Er habe schon geahnt, dass die Baufreigabe noch vor den Ferien erfolgen werde. Es wundere ihn nur, „dass ein Dorf, das früher einmal zum 75 Prozent CDU gewählt hat und auch heute noch 50 Prozent CDU-Anteil hat“, in dieser Sache keine Fürsprecher hatte. „Die IG KIebingen hat nie gegen die Straße gekämpft“, beteuert er, „nur für die Tieferlegung.“ Es dürfe nicht sein, dass „Leute“ über die Trassenführung entscheiden, „die hier gar nicht leben“. Lohmiller sieht sich von Bundes- und Landtagsabgeordneten, aber auch von OB Stephan Neher im Stich gelassen.

„Widmann-Mauz und Haller-Haidt haben überhaupt nix unternommen, um uns zu helfen“, pflichtet ihm Ottmar Raidt bei. Er glaube nicht, dass die neue Straße eine Entlastung für Kiebingen bringen wird: Weil es dort keine eigene Abfahrt gebe, werde der Ziel-/Quellverkehr Richtung Rangendingen, Haigerloch, Remmingsheim, Schwarzwald weiterhin an der Abfahrt Kilchberg die Bundesstraße verlassen und durch Bühl und Kiebingen fließen, prognostiziert er. 20 000 Fahrzeuge täglich sollen nach derzeitigen Schätzungen die neue B 28 a benutzen. „Der größte Teil davon“ werde den absehbaren Dauer-Stau am Rottenburger Knoten an der Osttangente umfahren, vermutet Raidt.


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