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Singend richtig atmen

Die neue Chorleiterin des Evangelischen Kinderchors Innenstadt Friedhilde Trüün

Zum neuen Schuljahr hat Friedhilde Trüün die Leitung des Evangelischen Kinderchors Innenstadt übernommen. Zugleich wird sie neue Dozentin für Kinderchorleitung an der Tübinger Kirchenmusikhochschule.

30.09.2010
  • Achim Stricker

Tübingen. Friedhilde Trüün ist bundesweit eine gefragte Expertin, wenn es um Stimmbildung und Gesangspädagogik für Kinder geht. Ihr zweibändiges Handbuch „Sing Sang Song“ für den Kindergarten- und Grundschulbereich wurde gerade mit dem Musikpreis „Best Edition“ ausgezeichnet.

Die Zahl der Initiativen zur musikalischen Förderung von Kindern ist seit dem Simon-Rattle-Film „Rhythm is it!“ von 2004 stark angestiegen. Allerdings kann man die positive Entwicklung auch als Krisensymptom lesen. „Es ist eine paradoxe Situation“, stellt Trüün fest: „Auf der anderen Seite hat das Kultusministerium die Musik aus dem Bildungskanon der Grundschulen herausgenommen.“ Musik könne man locker auch fachfremd unterrichten, heißt es da. Für Trüün ist das ein unhaltbarer Zustand mit schwerwiegenden Folgen.

Musizieren ist kein verzichtbares Hobby. Es geht um Gemeinschaft, ein funktionierendes Miteinander und Disziplin. „Rhythm is it“ war das Vorbild für Trüüns Aktion „Sing Bach“ bei der Stuttgarter Bachwoche 2010, ein offenes Singen für Drittklässler, an dem im kommenden Frühjahr auch der Tübinger Kinderchor Innenstadt teilnehmen wird. Seit Jahren engagiert sich Trüün in verschiedenen Stiftungen: etwa die SWR-Kinderhilfsaktion „Herzenssache“ oder Götz Werners dm-Initiative „Singende Kindergärten“.

Musizieren ist gemeinschaftsbildend und generationenverbindend. Trüün hat 2008 zusammen mit ihrem Mann Johannes Jacobsen, der bei den Tübinger „Pfunzkerlen“ in der Männer- und Jungenarbeit tätig ist, mit 18 Schülern der Sophienpflege gemeinsam das Musiktheater „Hey - da geht noch was!“ entwickelt. Seit Jahren veranstaltet sie traditionell am 3. Advent in der Klosterkirche Schöntal ein offenes Singen für alle Altersgruppen.

„Kinderchorarbeit ist elementar wichtig. Hier muss investiert werden. Auch Kirchenmusiker dürfen ihre Kinderchöre nicht vernachlässigen.“ Dafür steht Trüün künftig in ihren Seminaren an der Tübinger Kirchenmusikhochschule ein. Seit Schuljahresanfang leitet sie den dort ansässigen Kinderchor Innenstadt der Stiftskirchen- und Jakobusgemeinde. Prof. Ingo Bredenbach, der den Chor 2001 ins Leben gerufen hat, wird nach wie vor den darauf aufbauenden Jugendchor Innenstadt leiten.

Bei ihrer Kinderchorarbeit ist Trüün die musikalische Gleichberechtigung wichtig: Geistliches, Weltliches und traditionelle Volkslieder. So schließt sie mit den Kindern einen „Deal“, bei dem sich alle einbringen können. Die Klassik gehört ebenso selbstverständlich dazu wie Rock und Pop, wenn aus den Chorreihen etwa Rihanna oder Sarah Connor vorgeschlagen wird. „Es wird oft behauptet, dass Pop ‚klassische Stimmen‘ verdirbt, aber das ist Quatsch. Man muss es nur eben stimmbildnerisch richtig singen.“

Die Tragweite von Kinderchorarbeit ist enorm: „Mal davon abgesehen, dass die Gehirnforschung eine intelligenzfördernde Wirkung von Musik bestätigt. Das ist nicht der Punkt. Die meisten Kinder wachsen heute fern vom Musizieren auf. Es ist ähnlich wie bei der heutigen Bewegungsarmut von Schülern: Sie verlieren das Gespür für sich und ihren Körper.“

Tatsächlich aktiviert das Singen die ursprünglichere Zwerchfellatmung. „Heute gibt es wahnsinnig viele ‚Hauchkinder‘, die nicht richtig atmen. Mit dem aufrechten Gang verlernen wir schnell die Zwerchfellatmung. Zumal bei Angst und Anspannungen gehen wir in die flache, obere Brustatmung. Die tiefere Zwerchfellatmung beim Singen bringt den Körper in Ruhe und in Einklang mit sich.“ Atmung, Körperspannung und Haltung korrigieren sich dabei gewissermaßen von selbst.

Auch für die Persönlichkeitsentwicklung ist das Singen wichtig: „Anders als bei einem Instrument kann man beim Singen nichts vor sich halten, keine Gitarre und keine Noten. Man ist in einem direkten Kontakt - mit sich und mit den anderen.“ Beim Einsingen legt Trüün großen Wert darauf, dass die Kinder einander begegnen, aufeinander reagieren, „aufmachen“ und präsent sind. „In der Chorstunde sollte jeder einmal solistisch singen und sich dabei seiner eigenen Stimme bewusst werden.“

Und bei der Probenfreizeit des Kinderchors Innenstadt Anfang Oktober geht es auch darum zu lernen, wie man in einer Gemeinschaft miteinander umgeht. „Nachwuchsarbeit liegt wesentlich an der Person“, resümiert Trüün: „Man ist in erster Linie Vorbild - nicht nur stimmlich.“

Info: Das Herbst-Konzert des Kinderchors Innenstadt unter Friedhilde Trüün ist am Sonntag, 24. Oktober, um 16 Uhr im Gemeindehaus Lamm. Am 18. Dezember findet ein gemeinsames Paupersingen von Kinderchören aller Kirchengemeinden statt. Nähere Informationen zum Kinderchor gibt die Kirchenmusikhochschule unter der Telefonnummer 92 59 97.

Friedhilde Trüün

1961 geboren in der Grafschaft Bentheim

1980-1984 Studium an der Kirchenmusikhochschule Herford

1986-2003 Kantorin an der Reutlinger Leonhardskirche

1994 Studium der Kinderstimmbildung bei Prof. Kurt Hofbauer in Wien

2003-2008 Dozentin an der Landesakademie für die musizierende Jugend in Ochsenhausen

Die neue Chorleiterin des Evangelischen Kinderchors Innenstadt Friedhilde Trüün
Der Name ist estnisch-finnischer Herkunft: Friedhilde Trüün.Bild: Faden

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30.09.2010, 12:00 Uhr

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