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Leitartikel · Frankreich

Die neue Dimension

Innerhalb von nur drei Stunden einer einzigen Nacht haben fanatisierte Killer in Paris viele Menschen getötet und verletzt. So fürchterlich die Schreckensbilanz ist, es hätte viel schlimmer kommen können.

17.11.2015
  • Peter Heusch, Paris

Inzwischen weiß man, dass mindestens ein Selbstmordattentäter sich im vollbesetzten Stadion "Stade de France" in die Luft sprengen wollte. Zwei seiner Komplizen standen bereit, um sich als lebende Bomben in die nach der ersten Explosion in Panik aus dem Stadion fliehenden Zuschauermassen zu werfen.

Das teuflische Vorhaben scheiterte an den strengen Sicherheitsvorkehrungen, die bereits seit der Anschlagsserie im Januar im gesamten Land gelten. Kein Terrorist hätte unbemerkt mit einem Sprengstoffgürtel in das Stadion gelangen können. Allein dieser Planungsfehler der IS-Drahtzieher, die acht auf drei Kommandos verteilte Kamikaze in einer koordinierten Aktion beinahe zeitgleich losschickten, um eine möglichst breite Blutspur durch die Seinemetropole zu ziehen, hat eine ungleich höhere Zahl an Opfern verhindert.

Fraglos hat der Terror auf europäischem Boden eine neue Dimension erreicht. Richteten sich die Attentate bislang in Frankreich gegen Symbole dessen, was den Islamisten besonders verhasst ist - Journalisten, weil sie für den demokratischen Wert der Meinungsfreiheit stehen, Ordnungshüter als Repräsentanten eines als Erzfeind angesehenen Staats oder Mitglieder der jüdischen Gemeinde -, so sollten diesmal so viele ihrer Ansicht nach Ungläubige wie möglich getötet werden. Es war ein Angriff auf alle - Christen, Moslems, Juden, Atheisten. Es war ein Angriff auf die Werte der freien westlichen Lebensart.

Frankreichs Sicherheitsbehörden haben einen solchen Anschlag befürchtet. Abwenden konnten sie ihn dennoch nicht - trotz geltender höchster Alarmstufe, Einschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte durch das im Mai verabschiedete Geheimdienstgesetz sowie die personelle und materielle Aufrüstung der Polizei- und Geheimdienstkräfte. Es wäre billig, letzteren jetzt Versagen vorzuwerfen, zumal sie seit Januar Dutzende von Attentatsversuchen vereitelt haben. Selbst in einem diktatorisch geführten Überwachungsstaat dürfte es höchst mobilen Selbstmordattentätern noch gelingen, durch eine Lücke im Abwehrnetz zu schlüpfen.

In Frankreich hat man sich seit Beginn des Jahres auf den Schutz bestimmter Ziele und Zielgruppen der Islamisten konzentriert. Doch wie soll es möglich sein, alle Bürger zu schützen, wenn der Terror sich jetzt gegen jeden Franzosen - und illusionslos muss wohl hinzugefügt werden: gegen jeden Europäer - richtet? Selbst der nun verhängte Ausnahmezustand wird nur die Chancen verringern können, dass Attentäter an ihr Ziel gelangen. Es steht zu befürchten, dass Frankreichs Premier Manuel Valls im Januar mit seiner düsteren Prognose richtig lag, der zufolge man sich daran gewöhnen müsse, mit der Terrorbedrohung zu leben.

Natürlich gilt es, die Urheber dieser Bedrohung mit allen Kräften zu bekämpfen. In dieser Auseinandersetzung aber stand Frankreich in Europa bisher ziemlich alleine da. Nicht nur, aber eben auch deswegen ist es misslungen, dem Islamischen Staat militärisch wirkungsvoll entgegenzutreten. Doch dass die Sicherheit Europas zurzeit in erster Linie in dem nichtstaatlichen Niemandsland zwischen Irak und Syrien verteidigt werden muss, hat die Terrornacht von Paris auf schreckliche Weise und ebenso eindeutig bewiesen. Ein weiteres Wegducken wäre tödlich.

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17.11.2015, 12:00 Uhr

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