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Die neue Lust aufs echte Bild
Foto mit einer Sofortbildkamera: die „Mona Lisa“ als privates Original. Foto: Fujifilm
Trend

Die neue Lust aufs echte Bild

Die Internet-Generation, die alles fotografiert und speichert, sehnt sich nach dem Original. Sofortbildkameras sind ein Verkaufsschlager.

23.12.2016
  • VON JÜRGEN KANOLD

Ulm. Als die Fotografie im 19. Jahrhundert erfunden wurde, beerdigte mancher Kunst-Prophet schnell die Malerei. Landschaften, Porträts in Ölfarben? Warum sich die Mühe machen, ohne jede Chance gegen den technischen Fortschritt? Dann befürchteten Mitte des 20. Jahrhunderts ähnliche Pessimisten den Niedergang der Museen: Die wunderbaren farbigen Kunstbücher mit ihren Reproduktionen würden einen Besuch völlig obsolet machen. Und jetzt das Internetzeitalter: Jeder kann die Kunst dieser Welt bequem und überall am Computerbildschirm betrachten, vervielfältigen, verarbeiten.

Aber was ist passiert? Die Malerei ist gefragt wie je, und mit den neuen Medien beschäftigen sich die Künstler selbst künstlerisch. Vor allem ist wegen des optischen Overkills im World Wide Web kein Museum geschlossen worden. Im Gegenteil, die Museen nutzen die Bilderflut als Werbefaktor. Der Louvre in Paris etwa hat die Besucherzahl in den vergangenen 20 Jahren fast verdoppelt auf neun Millionen!

„Die Reproduktion hat weder das Original vernichtet noch hat die virtuelle Welt die Beziehung zur Realität oder zur Materialität der Kunstwerke ausgelöscht“, meint Vincent Pomarède, der Direktor der Gemäldegalerie des Louvre. Da hat er Recht und auch nicht. Denn der Bezug vieler Louvre-Touristen zur Materialität des Kunstwerks darf bezweifelt werden. Einer Völkerwanderung gleich strömen sie zur „Mona Lisa“. Die grandiose Grande Galerie im Denon-Flügel dient nur als Durchgangsweg zum berühmtesten Kunstwerk der Menschheit, links und rechts an den Wänden hängen wertvollste Bilder, es interessieren freilich nur die Hinweisschilder zu Leonardo da Vincis altneuer Pop-Ikone.

Lieblingsobjekt „Mona Lisa“

Und vor Ort werden oft nur die Fotoapparate, Smartphones und Tablets gezückt, um persönlich der Welt zu signalisieren und den Freunden zu beglaubigen: Ich stehe vor der „Mona Lisa“. Ob ich sie sehe, gar bewusst anschaue, ist eine andere Frage. Die heiklen „Bitte-nicht-fotografieren-Schilder“ früherer Zeiten jedenfalls sind passé: Mehr Publicity könnte sich ein Museum auch nicht wünschen in den „sozialen Netzwerken“.

Das wissen die Kulturmacher, das wissen Sportveranstalter schon längst. Ein gigantisches W-LAN-Netz hat etwa der FC Bayern München in seiner Arena aufgebaut, damit die 70 000 Fußballfans schnell und ungehindert ihre Momentaufnahmen verschicken können – und die Stadionbesucher landen beim Anmelden auf der Homepage des Vereins und werden verlinkt zum Online-Shop.

Live dabei sein, das will man aber schon in dieser virtuellen Welt. Auch Youtube-Stars gehen auf Tournee, ziehen durch Hallen, zeigen sich als Musiker oder Comedians zum Anfassen, also zumindest als real auf einer Bühne. Und werden gleich wieder mit der Handy-Kamera geknipst und ins Netz zurückgespielt.

Die neue Sehnsucht der Internet-Generation nach der Wirklichkeit aber geht weiter. Instant Cameras waren jetzt ein Verkaufsschlager im Weihnachtsgeschäft, also Sofortbildkameras. Nicht nur Polaroid, auch Firmen wie Fujifilm haben diese in den 70er, 80er Jahren beliebten Fotoapparate, die den Papierfilm gleich entwickeln und das fertige Bild ausspucken, neu auf den Markt gebracht.

Zigtausende Fotos schießen, bis die Chipkarte platzt? Ob scharf oder unscharf, dunkel oder überbelichtet, ob die Köpfe und Füße abgeschnitten sind oder eh alles verwackelt ist, spielt ja keine Rolle. Alles bleibt vorerst virtuell, alles kann gelöscht werden. Das ist bei den Sofortbildkameras natürlich anders. Ein Zehnerpack an Fotos kostet so um die acht Euro. Das bedarf der Entschiedenheit, aber dann ist ein Schnappschuss auch wirklich ein Schnappschuss: und ein Unikat. Nicht gleich ein Kunstwerk zwar, aber ein Original. Wobei die Lomografen die kreative Schnappschussfotografie schon lange zur Kunstform erhoben haben.

Es ist vor allem auch die neue Lust aufs habhafte Bild – und aufs ungeteilte Bild für die ganz private Galerie, das eigene Album, das eigene Erlebnismuseum. Es ist auch eine Form des Widerstands gegen das gedankenlose Ausliefern der eigenen Welt an die Online-Community. Mit der Sofortbildkamera lässt sich sogar das Lächeln der „Mona Lisa“ festhalten für die Ewigkeit – falls die Chemie stimmt im entwickelten Foto, die Farben haltbar sind. Diesbezüglich ist die echte und einzige „Mona Lisa“ allerdings seit über 500 Jahren konkurrenzlos in ihrer Beständigkeit.

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23.12.2016, 06:00 Uhr

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