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Premiere

Die neuen Horber „Klima-Wächter“

Zwei ausverkaufte Kabarett-Aufführungen machten das Kultur- und Theaterforum Nordstetten glücklich. Michael Zerhusen gab ein erfolgreiches Regiedebüt.

21.11.2016
  • Willy Bernhardt

Das kann nicht erst einmal etwas werden, sondern ist es bereits jetzt. Mit dem erstmaligen Kabarettabend des Kultur- und Theaterforums (KTF) Nordstetten mit seiner überaus tiefgründigen, aber noch mehr über weite Phasen hinweg Zwerchfell-erschütternden Darbietung von „Prima Klima – en Horb ond dromrom“ schickt sich das Ensemble an, wie seinerzeit etwa bereits mit der Schnulzen-Revue „Ein Festival der Triebe“ Kult-Status zu erlangen.

Zweimal war das Horber Kloster ausverkauft. Auch dank Regisseur und Texter Michael Zerhusen, der peinlichst genau darauf achtete, dass die eigentlichen Kabarett-Botschaften nicht zu sehr in Fasnets-„Sprache“ abglitten, was in einer Stadt wie dieser wahrlich kein leichtes Unterfangen ist. Doch Zerhusen und die Seinen meisterten auch diese Hürde mit Bravour.

Doch es war nicht nur das Inhaltliche als solches, was die Besucher schon in der Premierenveranstaltung am Freitagabend zu zwischenzeitlichen Beifallsstürmen hinriss – es stimmten auch die Requisiten, das Outfit der Akteure und nicht zuletzt deren darstellerisches Talent. Dieses nachgerade mit Wonne auch zu zeigen, war dem Ensemble förmlich anzusehen. Worauf ein gleichfalls überaus gut aufgelegter Moderator Thomas Grassinger schon in seiner Begrüßung hinwies. Und zwar zurecht, wie sich zeigen sollte. Dementsprechend herrschte eine erwartungsvolle Neugierde beim Publikum vor.

Details von Horb veralbert

Dies ging schon mit dem Eingangs-Sketch zwischen Nanyongo Harke-Mbella und Angelika Lugibihl los. Letztere suchte vergeblich nach der „Brötchentaste“ an einer Parkuhr. Nanyongo tritt hinzu und fragt freundlich: „Kann ich Ihnen behilflich sein?“ und erläutert den Sinn und Zweck einer Horber Parkuhr. Entgeistert blickt die ältere Frau in das Gesicht der aus Kamerun stammenden Nanyongo und fragt: „Gell, Sie send net vo Horb?“ Noch während die gebürtige Afrikanerin mit einem Finger auf ihre Haut deutet, schallt es ihr entgegen: „Ha, des merkt ma doch glei, dass Sie net vo Horb sei könnet – Sie send so g’scheit!“ Mit Blick auf das „prima Klima“ in Horb setzte Thomas Grassinger noch einen drauf: „Hier könnte man eine Parkuhr aufstellen und CDU dran schreiben – dann würde die Parkuhr Oberbürgermeister.“ Doch gegen das Schlechte anrennen, habe in Horb niemand nötig. So werde das Einkaufszentrum das allerschönste südlich des Nordpols und die Hochbrücke sollte ausschließlich aus Fahrradwegen bestehen. Prima Klima also allenthalben. Und eine „Stadt der Kunst“ sei Horb spätestens seit der Installation von Mügges „Müll-Brunnen“ und Mayk Herzogs Sperrmüll- und Gurkengläser-Event. „Alles ist gut, prima Klima“, fasste Grassinger zusammen.

Kein Politiker war sicher

Zeit für eine Märchenstunde. „Der Wolf und der kleine Michael“ (brillant dargeboten von Mike Zerhusen) erzählt die Geschichte von einem ungeliebten König Stefan und seinem Nachfolger, dem gütigen König Winfried. Doch diesen wollten der böse Wolf und der Wüterich Rülke auffressen. Während der böse Wolf seine Quittung vom Wähler bekam, habe der kleine Michael aus Horb versucht, den Wüterich Rülke, mit dem er gemeinsam Mitglied einer Zwergengruppe war, zu bändigen. Im Gegensatz zum dicken Wolf wusste der kleine Michael, „dass es in kleinen Leuten weniger Platz für die Dummheit gibt“. Doch Rülke wollte keine Liaison mit König Winfrieds Tochter für den kleinen Michael, worauf dieser ganz kleinlaut wurde und sagte, dann ginge er nach Berlin.

Nichts indessen wurde es mit einem „Schmähgedicht“ von Stefan Auditor über Oberbürgermeister Peter Rosenberger – und zwar in Böhmermann’scher Manier. Dies wusste der Moderator zu unterbinden und schmiss Auditor raus. Seine Begründung: „Das hätte gerade noch gefehlt! Böhmermann über Rosenberger! Ich bitte Sie! Da kann doch nix Anständiges rauskommen – ich mein‘, nicht wegen dem Böhmermann.“ Immerhin wäre Rosenberger beinahe Mannheimer OB geworden. In Baden-Württembergs drittgrößter Stadt hätten sie ihm dabei sogar schon ein Musical gewidmet, dessen eingeblendetes Plakat die Besucher im „Kloster“ von ihren Stühlen riss. Bekannt kam hernach sofort die Melodie eines Liedes vor, mit welchem Ute Karp vors Publikum trat. „Nur noch kurz mein Horb retten – oder der OB und die schwierige Wahl“, schallte es der gebannt lauschenden Zuhörerschaft von der Bühne aus entgegen. Doch bevor er irgendwann doch nach Mannheim zurückkehrt, verkündet der OB dies: „Muss noch noch kurz mein Horb retten – dann komm ich zu euch. Noch 148 Mails checken, wer weiß was hier dann noch passiert, denn es passiert so viel.“

Thomas Grassinger nahm sich des Themas „Doping“ an und versicherte glaubhaft, dass Olympiasieger Michael Jung „höchstens mol a Schlückle Moscht vom Rainer Scherrmann aus Altheim trinkt“ und Peter Rosenberger und Landrat Klaus Michael Rückert sollten sich „bald mal“ ein Beispiel daran nehmen, wenn sich Trump und Putin küssen. Vielleicht könne so der „Eiserne Vorhang“ zwischen Horb und Freudenstadt überwunden werden?

Freudenstadt integriert

Was wäre Horb ohne seine Nachtwächter, zumal dann, wenn ein Gerhard Bossert, ein Thomas Grassinger und vor allem ein Michael Zerhusen in deren Outfit schlüpfen. Unter dem Banner und auf dem Demo-Schild war dies zu lesen: „Make Horb Great Again“. „Hört, ihr Leut‘, und lasst euch sagen: Onser G’schwätz schlägt auf den Magen“ provozierte spontane Lachanfälle beim Publikum, wie auch die fein verteilten Spitzen in Richtung Freudenstadt, wie es sich eben für richtige Horber Nachtwächter gehört.

„Flüchtlingsschicksalen“ nahm sich Stefan Auditor an, der herausgefunden hat, dass die „Willkommenskultur“ den Horbern „quasi in den Genen steckt. Denket se bloß draa, wie mir den Altkreis Freudenstadt integriert hent!“. Auch einen Namen für ein Aufnahmelager auf dem Hohenberg hat Auditor schon bereit: „Des isch des Uli-HOeness-Gedächtnis-Zentrum“. Schließlich unterstütze dessen Stiftung ja auch „die Verfolgten der deutschen Steuerbehörden“.

Anschließend schafften die Herren Rudolf Augenstein, Nikolai Sergejewitsch Prostschinski und Gastgeber Werner Döfer den Spagat von der Welt- zur Horber Lokalpolitik. An der Gitarre begleitet von Martin vom Ende wurde zur Einstimmung aufs Finale der Chorbeitrag „Wenn bei Ahldorf“ zur Musik von Rudi Schurikes „Capri-Fischern“ zu Gehör gebracht, ehe Ute Schuler und Ute Karp im Schlussbeitrag einer famosen Show nochmals das „Prima Klima“ in Horb hervorheben. In sommerlicher Kleidung, aber mit Nikolausmützen auf dem Kopf, lassen sie an Weihnachten vom Rauschbart aus ihre Blicke über den Dank des Klimawandels neu entstandenen See im Neckartal schweifen. Die Große Kreisstadt wurde passend dazu inzwischen in „Horb am Meer“ bereits umbenannt.

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21.11.2016, 01:00 Uhr

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