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Solo mit 1000 weißen Pferden

Die österreichische Tanztheaterkarriere der Ex-Tübingerin Cornelia Böhnisch

In Tübingen wuchs sie auf, hier unternahm sie als Kind die ersten Schritte im künstlerisch-musischen Bereich. Inzwischen hat sie sich in Österreich als gefragte Künstlerin der Tanztheaterszene einen Namen gemacht: Cornelia Böhnisch.

06.09.2012
  • Peter Ertle

Tübingen. „Ach, die ist das!“, denkt man sich, als man sie auf dem Bildschirm sieht, beziehungsweise auf der Bühne, aber man hat keine Ahnung, woher man sie kennt. Die Tänzerin robbt auf dem Boden. Von oben gefilmt und in die vertikale Berglandschaft im Videohintergrund projiziert, krakselt sie die Felswand hoch. Eine Einstellung aus „1000 weiße Pferde“, einem Solotanzprojekt, das eine Auseinadersetzung mit Leni Riefenstahl und Kleists Penthesilea miteinander verbindet. Oder: Zwei Tänzer auf der Bühne, in einer Müllkippe aus Kleidern, einer Welt zwischen Wegwerfgesellschaft und Modezwang: „Landschaft mit Katastrophe“. Oder: Torsi von Schaufensterpuppen, über die Bühne kullernde Augen, Körperobsessionen und die Einsamkeit eines kleinen Mädchens: „Mystère et Misère“, frei nach Georges Bataille.

Ein paar Sequenzen, ein paar Tanzstücke. Gefunden im Netz, nach einem Hinweis. Und eine Anfrage. Nun wartet man auf eine Mail-Antwort aus dem südlichen Nachbarland. Oder von den Seychellen, den Bermudas, wer weiß. Morgen oder in zwei Wochen. Denn es ist ja Urlaubszeit. Doch die Antwort kommt prompt: Sie sei gerade in Tübingen bei ihren Eltern, die letzte Urlaubswoche, übermorgen müsse sie wieder zurück. „Vielleicht geht sich ja in diesen Tagen noch etwas aus mit einem Treffen.“

„Geht sich ja noch etwas aus“ – die Formulierung ist, wie die gesamte Spracheinfärbung: österreichisch. Kein Wunder: Seit 13 Jahren sind Wien und Salzburg Cornelia Böhnischs Wahlheimat. Das Toihaustheater in Salzburg ist für die 34-Jährige dabei so etwas wie ihr künstlerisches Ensemble-Standbein, in Salzburg ist sie mittlerweile eine stadtbekannte Choreographin, Tänzerin und Schauspielerin. Mit ihren Arbeiten hat sie sich auch in der freien Tanztheaterszene in Wien einen Namen gemacht – wo sie auch wohnt, wenn sie nicht in Salzburg vor Ort sein muss. „Da ist einfach viel mehr los“ sagt sie im TAGBLATT. Ja, es ging sich doch noch was aus.

„Ich kenne Sie auch.“ Woher? Sie hat ebenfalls keine Ahnung. Da kommen wir noch drauf. Aus Tokyo jedenfalls nicht. Dort war sie im Frühjahr drei Monate lang, dort hin wird sie ein Projekt demnächst noch mal führen. Eine große Inspiration, aber auch irritierend: Beim modernen Ausdruckstanz seien sie im Vergleich mit Europa doch hintendran, sagt sie, etwas zögernd, ob sie das jetzt so zu Protokoll geben soll. Ist es nicht etwas eurozentristisch gedacht? Und schließlich gibt es in Japan ja große Tanztraditionen wie den Butoh. Der aber, ist ihr aufgefallen, werde sehr dogmatisch und museal gepflegt. Ein Heiligtum, nichts, was lebt, nichts, was man sich in Japan neu anverwandeln und zu eigen machen dürfte.

Dann doch: Tübingen. Hier ist sie geboren, hier wuchs sie auf. Ballett, Klavier, Geige, Kinderorchester, einige Preise bei Jugend musiziert. Mitglied der englischsprachigen Schultheatergruppe. Daher könnte man sie natürlich kennen. Und so war nach dem Abitur am Wildermuth-Gymnasium der künstlerische Weg vorprogrammiert. Wildermuth? Der Journalist hat irgendwann mal einen größeren Artikel über eine Israel-Fahrt von Wildermuth-Schülern geschrieben. Ja, da war sie dabei! Später der Blick ins Archiv, Staunen: Sie war halb so alt, damals. Und man selbst ein Jahr jünger als sie heute.

Nach dem Abitur beginnt sie ein Schauspielstudium in Stuttgart. Sammelt bei der Bahnfahrt des Melchinger Lindenhofs Theatererfahrung. Wann war denn das? Man zeigt ihr im Redaktionsflur zwei Bahnfahrt-Bilder von Uli Metz, mit Datum: 1999. „Aber ich war erst im zweiten Jahr mit von der Partie.“

In Stuttgart lernt sie die Grotowskischule kennen. Körpersprache statt Worte, das liegt ihr. Das fehlt ihr: Sie bewirbt sich bei der Anton-Bruckner-Privatuniversität in Linz, wird genommen. Die Tänzerin in ihr ist nun glücklich bedient. Aber sie will mehr: In Wien beginnt sie ein Studium der Theaterwissenschaften, lernt Inszenierungstechniken und Dramaturgien, studiert Bewegungsabläufe, probt Choreographien, zeichnet sie auf.

Mit 27 Jahren wird sie am Salzburger Toihaustheater engagiert, das seinen Schwerpunkt im Tanztheater hat. Klar, um ein Urteil abgeben zu können, müsste man sie mal live sehen. Aber schon wer einen Blick auf die Stück-Videos und einige der seither erschienenen Kritiken wirft, ahnt: Es ist die Kombination aus Zierlichkeit und Explosivität, die im positiven Sinn irritiert – vom tänzerischen Können und den überraschenden Inszenierungsideen mal abgesehen. Denn oft genug inszeniert sie sich auch selbst. Dann wieder sind es Co-Produktionen, wie etwa in „Love:Sex:Death:Japan“, das mit Tanzdramaturg Georg Hobmeier entstand – ihr jüngstes Stück, das Eindrücke des Japan-Aufenthalts verarbeitet.

In Salzburg wird sie nun als erstes mit den Proben zu einem Kinderstück beginnen – auch diese Sparte gehört zum Haus. Gut möglich übrigens, dass in einer der kommenden Choreographien eigene Kindheitseindrücke eine besondere Rolle spielen. Es treibe sie gerade verstärkt ein Thema um, das sie schon von klein auf beschäftigt habe: „Als Kind war ich eine ziemlich radikale Naturschützerin.“ Sie lacht. Aber bevor man erfährt, was genau sie damit meint, ist man schon beim Thema Landschaft als Bühne für Tanz und Theater. Böhnisch erinnert sich an die Draußentheaterstücke der Melchinger, schwärmt für deren Winterreise auf der Alb. Und, ja, raus aus dem Haus, rein ins Leben, in die Natur oder in ungewohnte Umgebungen, das sei ein Trend, auch in der heutigen Tanztheaterszene. „Ich habe schon auf dem Rollfeld eines ehemaligen Flughafens getanzt.“

Die Grenzüberschreitung kann auch durch die Zusammenarbeit mit anderen Künsten über die Bühne gehen: Oft arbeitet die Tänzerin und Choreographin mit Medienkünstlern zusammen. Sogar im Tanz mit Robotern hat sie schon Erfahrung gesammelt. „Das war schwer, da einen Zugang zu finden“, gesteht sie. Weil sie die für so eine Begegnung der anderen Art nahe liegenden Klischees eben gerade nicht bedienen wollte. Auch dafür schätzt man sie in Salzburg und Wien.

Ein Gastspiel oder eine Auftragsarbeit im Stuttgarter Raum, vielleicht in Tübingen? Da spräche prinzipiell nichts dagegen, meint Cornelia Böhnisch. Aber organisieren, sich anbieten, die ganze Selbstvermarktung, das sei nicht ihre Stärke. Wahrscheinlich gehe sie zu selten auf ein Feierabendbier mit den richtigen Leuten, vermutet sie. Was wiederum daran liegen könnte, dass es ihr sowieso schon ganz gut geht. „Basst scho“, heißt das bei ihr.

Das Schöne an ihrem Heimatort sei ja, dass sie hier nichts mit ihrer Arbeit verbinde, sagt sie, und: „Ich mag Tübingen immer noch sehr. Hier habe ich Ruhe, hier kann ich auftanken.“ Dann sollte sie hier mal lieber nicht auftreten. Wer sie sehen will: fahre einfach mal nach Salzburg oder Wien.

Die österreichische Tanztheaterkarriere der Ex-Tübingerin Cornelia Böhnisch
Szene aus „Love:Sex:Death:Japan“.

Die österreichische Tanztheaterkarriere der Ex-Tübingerin Cornelia Böhnisch
Szene aus „Mystère et Misère“ nach Georges Bataille.Bilder: Toihaus, privat

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06.09.2012, 12:00 Uhr

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