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Melchingen, Berlin, Hamburg, Frankfurt

Die rasante Theaterkarriere des Antu Romero Nunes

Die Kritiker-Umfrage des Fachblatts „Theater heute“ wählte Antu Romero Nunes gerade zum „Nachwuchsregisseur des Jahres“: Demnächst bringt der aus Tübingen stammende Theatermacher am Melchinger Lindenhof eine Kleist-Adaption heraus.

07.09.2010
  • Wilhelm Triebold

Tübingen / Melchingen. Der Newcomer Nunes hat als Regisseur durch eine ungeheure Leichtigkeit und Unbekümmertheit im Bühnengeschehen Aufsehen erregt. Als er am Maxim-Gorki-Theater in Berlin Oliver Klucks Stück „Das Prinzip Meese“ herausbrachte, schwärmte nicht nur die „Berliner Zeitung“, dieser Regisseur sei ein „Geschenk“ für den Autor. Der Online-Rezensionsdienst „Nachtkritik“ präzisierte, man sei „geneigt, diese lässige Regie einen Glücksfall zu nennen, denn sie wischt alle verkrampfte Kunstigkeit des Textes beiseite, um das schillernd komische Porträt dieser (Regie-)Generation zu entwerfen.“

Die rasante Theaterkarriere des Antu Romero Nunes
Ob er irgendwann beim wirklichen Theatertreffen in Berlin dabei ist? Antu Romero Nunes vorm Melchinger Lindenhof.Bild: Triebold

Wer Antu Romero Nunes deswegen als theatralischen Bruder Leichtfuß abtut, dürfte sich täuschen. Es sitzt einem in der Melchinger Probenpause eher ein nachdenklicher Vertreter der Schauspielzunft gegenüber, der sagt, er wisse sehr wohl, wie jung er sei und wie viel es noch zu lernen oder zu erfahren gebe. Kein überheblicher Springinsfeld, eher ein gefestigter Selbstzweifler auf dem Weg dorthin, wo man noch stärker in sich ruht.

Am Strand von Portugal, wo er sich neulich nach anderthalb Jahren intensiver Theaterarbeit entspannte, hat Antu Romero Nunes von der „Theater heute“-Ehre erfahren. Er will auch nicht mehr so „durchpowern“, sondern in der nächsten Spielzeit etwas kürzer treten, „damit ich Zeit habe, ein bisschen am Leben dranzubleiben.“ Schon einmal brauchte es solch eine Selbstfindungs-Urlaub, in der so apostrophierten „Ernst-Busch-Krise“, als Nunes sich neu besinnen musste.

Der Tübinger, Sohn eines Portugiesen und einer Chilenin, hat über die Geschwister-Scholl-Schule zum Theater gefunden. Stand dort selbst auf der Bühne, wurde vom Lindenhof-Schauspieler Oliver Moumouris angeleitet (deshalb die Verbundenheit zu den Melchingern). Und wusste damals schon, dass er Regisseur werden wollte. „Und zwar hundert Prozent, sonst findet man nicht heraus ob man das überhaupt kann oder auch will.“ Und die Zeit danach: „Abitur machen, in Tübingen gelebt haben und danach versuchen, Regisseur zu sein“, das reicht nicht. Also reiste er, assistierte, jobbte und bereitete sich vor. Aufs Regie-Studium.

„Ich wusste erst seit kurzem, dass man Regie auch studieren kann.“ Und zwar von Lindenhof-Regisseur Philipp Becker. Der wurde an der Münchner Falckenberg-Schule angenommen. Bei Nunes klappte es schließlich an der Berliner Ernst-Busch-Schule. Schon aus der Ausbildung heraus wurden einige andere (wenige) auf ihn aufmerksam.

Was aber bedeutet Theater für ihn? „Für mich ganz persönlich? Einen Ort, wo ich mein Leben verbringen kann, wie ich es gerne möchte. Und zwar mit Spielen. Das darf man nicht unterschätzen. Alles, was die Welt bedeutet, das Politische, das Philosophische, der Auftrag, den Theater haben kann – das hängt alles damit zusammen. Nicht einfach Halligalli machen.“

Nunes beschäftigt sich sehr stark damit, was Spiel ist und was Lüge. „Ich sehe das so oft: Dass Schauspieler auf die Bühne kommen, und versuchen, uns was vorzulügen, und es klappt nicht. Es ist so langweilig!“ Gar „mit Fremdschämen verbunden“: Meistens sehe man „eigentlich nur Mist. Dann ist es aber toll, wenn echtes Spiel entsteht. Spiel bedeutet Leben, und Theater bedeutet Welt!“

Widersprüche will der Regisseur aufdecken, und den Zuschauer diesen Widersprüchen aussetzen. Vorschläge machen, eine Richtung oder ein Hinweis, wie man damit umgehen könnte: „Wie bewältigt man Leben?“ Es gebe oft genug zwei Wahrheiten, sagt Nunes, „und beide stimmen. Was mache ich jetzt damit? Die grundsätzlichen Fragen beim Theater sind die von Tod – und Teufel.“

Nunes fällt dazu der Batman-Film ein. „Joker ist der Narr, und von daher kommt auch der Schauspieler. Man muss die Wahrheiten verdrehen, neu zusammensetzen und dem aussetzen.“ Der Film ist ihm schon deshalb wichtig, weil „unsere Sehgewohnheiten davon geprägt sind.“ 60 Stunden Theater sehe jeder Deutsche im Lebensdurchschnitt, das hat er irgendwo gelesen – aber 80 000 Stunden Film. „Da muss man drauf reagieren!“ Was der Film im Schnitt produziere, das möchte Nunes in Spielweisen umsetzen: „Wie schaffe ich das Gefühl von Schnitt, wie verändere ich Sinn, wie transformiere ich Sinn auf der Bühne?“

Jeden Abend stelle sich den Schauspielern eine Aufgabe, an der sie jedesmal neu arbeiten müssten. „Das entspricht auch der Tatsache, dass Theater Echtmoment ist. Echtzeit. Das ist der einzige Vorteil, den wir dem Film gegenüber haben. Denn alles andere kann der einfach besser.“

Wenn Antu Romero Nunes über Theater spricht, klingt das mitunter etwas abwehrend oder gar abwertend, bis das Leiden daran – oder die Leidenschaft dahinter – erkennbar wird. „Ich sehe oft Theater“, beklagt er, „in dem verlangt wird, dass der Zuschauer Behauptungen versteht, die nicht mal ich als Theatermacher verstehe.“

Zum Beispiel: „Ein Schauspieler spielt zwei Rollen. Er kommt beim zweiten Mal mit Perücke rein. Und ich denke als erstes: Hat sich die Figur verkleidet? Aber heutzutage wird im Theater gesagt: Nein, das musst du doch verstehen. Der spielt zwei Rollen. Aber was bedeutet das? Dann wird gesagt: Das ist Theater, das muss man dem verzeihen. Dem Theater muss man gar nichts verzeihen! Die Zuschauer müssen verstehen, wie die Spielregeln sind, sonst können sie nicht mitspielen.“

Wie arbeitet Antu Romero Nunes? „Ich versuche für jedes Stück eine Matrix zu finden, bei der erstmal die Fragestellung stimmt, um daraus eine Aufgabe abzuleiten. Und dann weiß ich natürlich bei ein paar Szenen, wie ich die gerne auflösen möchte. Erst einmal versuche ich aber auf der Probe mit den Schauspielern intuitiv zu generieren, um zu sehen, was die Schauspieler interessiert, und damit sie sehen, was mich interessiert. Danach versuche ich sie auf die Matrix zu setzen, und dadurch entsteht etwas von selbst. Die Schauspieler werden dann entweder genau das erfüllen, was ich mir am Anfang gedacht habe, oder aber Besseres machen. Von sich aus. Da lasse ich mich überraschen.“

Er versuche also, sagt Nunes, „auf der Probe die Intuition anzuschalten. Und nach der Probe schalte ich sie ab und fange an zu rechnen. Ich rechne erschreckend viel. Zu Hause.“

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist“, heißt es bei Schiller. Antu Romero Nunes, der seine Diplomarbeit mit einer eigenwilligen Interpretation von Schillers „Geisterseher“ ablieferte, tastet sich an die großen Stoffe der Menschheitsgeschichte erst noch heran. „Peer Gynt“ in Frankfurt wird sicherlich eine Bewährungsprobe. Nunes spricht mit seinem Vater, einem Tübinger Psychologen, gelegentlich darüber. „Die Techniken, die ich auf Oliver Kluck anwende, möchte ich auch auf den Hamlet anwenden“, so der Sohn.

An Kleists „Kohlhaas“, der demnächst am Melchinger Lindenhoftheater herauskommt, interessiert ihn: „Warum gehen die überhaupt auf die Bühne? Mein Einfall dazu: Ich habe den Kohlhaas selber nicht verstanden; ab welchem Punkt einer zum Terroristen wird – das klingt mir zu sehr nach Feuilleton. Wir fangen da an, wo man fragt: Wie kommt’s dazu?“

Nunes probt den „Kohlhaas“ mit Vater und Sohn, Lindenhof-Führungskraft Stefan Hallmayer und dessen Junior Luca Zahn. „Luca ist 19 und wohnt wohlbehütet in Tübingen, wie wir alle wohlbehütet sind“, betont der Regisseur. „Da glaubt man gar nicht daran, dass einem etwas Schlimmes passieren kann.“ Und dass es schnell heißen kann: „Das Leben ist kein Ponyhof.“

Was geschieht, wenn man wie Michael Kohlhaas aufhört, Menschen zu sehen und nur noch „Metaphern“ – keine Menschen mehr, nur noch die Gemeinschaft? Zwei Erzähler treten im Melchinger „Kohlhaas“ an, die Geschichte verschieden sehend, „jeder kämpft um seine Wahrheit.“ Das Ganze sei aufgebaut „wie eine Zeugenaussage.“ Die Bühne bleibt weitgehend leer. „Ich sehe kaum Grund für Bühnenbilder. Ich versuche es zwar immer wieder, aber Bühnenbilder müssen begründet sein.“

An den Melchingern gefällt ihm die „Ehrlichkeit und Direktheit“, sie seien „gezwungen, alles, was sie tun, sich erstmal zu erarbeiten. Kein Können ist selbstverständlich.“ Theater, das auslotet, Grenzen erfährt, überschreitet – das ist ganz nach seinem Geschmack: „Ich versuche mich auch immer ein bisschen zu überfordern.“

Info: Die Melchinger Premiere von „Kohlhaas“ ist am 17. September. Am 15. September gibt‘s eine öffentliche Voraufführung.

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07.09.2010, 12:00 Uhr

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