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Die schlafen, die Götter
Ein ewiges Gezerre um Eurydike (Josefin Feiler). Sie will lieber in der Unterwelt bei Styx (André Jung) bleiben als in die Ehehölle mit Orpheus (Daniel Kluge, rechts) zurückzukehren. Foto: Martin Sigmund
Operette

Die schlafen, die Götter

Schauspielchef Armin Petras inszeniert „Orpheus in der Unterwelt“ an der Oper Stuttgart weniger rauschhaft und bissig als gewollt kunstvoll. Dafür erhält er auch Buhs.

06.12.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart. Sollte es auf der Bühne der Stuttgarter Oper, wo Jossi Wieler gewöhnlich die gedankentiefsten Inszenierungen zeigt und wo jede Sängergeste philosophisch und partiturgerecht abgesichert ist, tatsächlich mal richtig was laut zu lachen geben? Na ja, Armin Petras inszenierte „Orpheus in der Unterwelt“ von Jacques Offenbach mit ganz viel Kunstwillen, aber offenbar streng darauf bedacht, amüsante Anspielungen auf die Gegenwart zu vermeiden.

Diese Operette, 1858 uraufgeführt, war mal eine Satire auf das satte Bürgertum von Paris und das Kaiserreich Napoleons III., also über scheinheilige und damit sehr menschliche Götter und Halbgötter und solche, die es werden wollen. Natürlich schwer, die Story ins Heute zu transportieren, ohne sie zum Faschingsschlager aufzugockeln. Aber Petras, der Schauspielchef, der in Stuttgart nicht unumstritten ist, der im Clinch mit der örtlichen Presse liegt und für 2018 seinen Abschied eingereicht hat, lässt sich auf gar nichts ein.

Styx von der Geisterbahn

Die Öffentliche Meinung (Stine Marie Fischer), die in dieser Opéra bouffe mit allegorischem Mythos-Personal den antiken Chor ersetzt, tritt im unangreifbar weißen Anzug auf und rezitiert Karl-Kraus-Zitate, als habe sie mit allem wenig zu tun: okay, vielleicht eine Form von Ironie. André Jung spielt den Styx als knarzenden Schließer von der Geisterbahn: schön dämonisch, aber im Couplet „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ fehlt das Extempore, gibt's keine hinzugereimten Strophen mit Spitzen gegen die Lokalpolitik. Ziemlich einmalig, obwohl Petras ansonsten die Dialoge selbst bearbeitete. Im fröhlichen Schlussapplaus der Premiere erntete er auch deutlich Buhs.

Nein, es geht in seiner Neuinszenierung eher um ein ästhetisch gehobenes Kunstprodukt, wenngleich mit sozialem Grundanstrich. Eurydike (Josefin Feiler, hübsch unschuldig soubrettenhaft), so zeigt ein Stummfilm vorab, ist eine Näherin in Zeiten der Pariser Kommune, die vom Musikprofessor Orpheus (Daniel Kluge) aus dem Elend des Proletariats geholt wird. Nur empfindet sie die Ehe als Hölle, weshalb sie lieber gleich zu Pluto (André Morsch, nett verschlagen) in die Unterwelt absteigt, wo auch Jupiter (staatstragend seriös Michael Ebbecke) und die Olympier ihren Spaß haben wollen. Den hat dann das Publikum, wenn Max Simonischek als Junkie Bacchus einen tolle Fliegenklatschen-Slapstick abzieht und Jupiter doch nicht trifft.

Auch von der Langeweile der Götter handelt „Orpheus in der Unterwelt“. Sie dämmern im 2. Akt dahin, schlaftrunken unterm Kinderzimmerhimmel. Vielleicht ist das auch eine erlahmte 70er-Jahre-Party (Bühne und Kostüme: Susanne Schuboth, Dinah Ehm). Aber dann müsste wirklich was passieren. Der Höllengalopp? Ist eher Bodenturnen im Skelett-Trikot, Ringelpiez mit Anfassen – aber als Totentanz. Und ein Video zeigt, wo alle Vergnügungssucht der Bourgeoisie hinführen muss, wenn ein politisch engagierter Regisseur Operette macht: wie immer in den Ersten Weltkrieg. Auch das Staatsorchester spielte in der Premiere beim Can-Can nicht gerade rauschhaft auf der Überholspur. Ernst nahm Sylvain Cambreling die Operette, das klang genau und kultiviert, aber befeuern mochte er das Treiben nicht.

In der an sich schon absurden Operette, wusste einst Karl Kraus, „klafft kein Abgrund, in dem der Verstand versinkt; die Bühnenwirkung deckt sich mit dem geistigen Inhalt“. Ganz so einfach scheint die Sache aber nicht zu sein.

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06.12.2016, 06:00 Uhr

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