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Die selbsternannte Elite: national und liberal
Die aktiven Bundesbrüder des Jahres 1902, fotografiert anlässlich des Stiftungsfestes.
Feier zum 200-jährigen Bestehen: Die Landsmannschaft Ulmia will Tradition und Moderne miteinander in Einklang bringen

Die selbsternannte Elite: national und liberal

Die Ulmia, eine der ältesten Tübinger Studentenverbindungen, feierte ihr Jubiläum. Traditionsbewusst und modern gaben sich die Bundesbrüder, die am Freitag auch den „millionenfachen Opfertod“ deutscher Soldaten ehrten.

07.07.2015
  • Philipp Koebnik

Tübingen. „Wir sind eine moderne Korporation, haben aber Ulmer Geist und Tradition erhalten. Stets haben wir zusammengefunden, um unsere eingeschworene Gemeinschaft zu feiern“, freute sich Felix Högel beim „Festkommers“ der Landsmannschaft Ulmia zu Tübingen. Rund 250 geladene Gäste hatten sich am Freitagabend in den Oberen Sälen des Museums eingefunden, um das Jubiläum der wohl ältesten Tübinger Studentenverbindung zu feiern. Vor 200 Jahren gegründet, war die pflichtschlagende und farbentragende Verbindung aus einem Club Ulmer Studenten hervorgegangen.

Vielen Grußworten galt es am Freitag zuzuhören. Dazwischen sang man Lieder, kamen die Gäste an den Tischen miteinander ins Gespräch. Jäh unterbrach Kommersleiter Högel immer wieder die Geselligkeit, indem er mit seinem Degen auf den Tisch schlug, „Silentium“ rief und den nächsten Programmpunkt ankündigte. Högel ist Erstchargierter der aktiven Bundesbrüder, also ihr für ein Semester gewählter Sprecher. Charge kommt aus dem Französischen und bezeichnete ursprünglich einen militärischen Dienstgrad. Aus dem Militärischen kommt auch der Gruß beim Trinken: Dabei wird die linke Hand an den Kopf gehalten, ähnlich wie beim Salutieren.

Die Ulmia war stets eine kleine Verbindung – von den gegenwärtig etwa 150 Mitgliedern sind ungefähr 120 Alte Herren. Klein, aber darum nicht weniger einflussreich: Einige Bundesbrüder erlangten hohe gesellschaftliche Positionen, wie Prof. Harald Jatzke erläuterte. Jatzke, Richter am Bundesfinanzhof und Alter Herr der Ulmia, erinnerte daran, dass die Ulmia von 1874 bis 1927 den Tübinger Oberbürgermeister stellte. „Wir waren immer Elite“, betonte auch Hans Huber, der „Haushistoriker“ der Ulmia, im Gespräch mit dem TAGBLATT.

In der NS-Zeit wurden nicht wenige Bundesbrüder Mitglieder der SA. Jatzke kritisierte diese „beschämende Akzeptanz der Gleichschaltung“. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die Franzosen das Ulmerhaus als Kommandantur. Mitte der 1950er Jahre zogen die Bundesbrüder wieder in das Haus ein, das fortan als „Trutzburg und Ort gelebter Tradition“ diente, so Jatzke.

Günther Oettinger, ebenfalls ein Alter Herr, rief die Ulmer dazu auf, „nicht nur das Handicap auf dem Golfplatz zu verbessern“, sondern in die Gesellschaft hineinzuwirken. Und über Deutschland hinaus: „Unsere Werte exportieren können wir nur als einiges Europa.“ Doch seien die Deutschen leider zu zögerlich. Immer noch seien die Leute im „Romantiktal Deutschland“ nicht bereit, „internationale Verantwortung“ zu übernehmen.

Von ritterlichem Respekt und Opfertod im Krieg

Auch OB Boris Palmer ergriff das Wort, obwohl es ihm nicht leicht falle, „dort zu sprechen, wo Frauen ausgeschlossen sind“. Er wende sich indes genauso gegen jene, die Verbindungen verbieten wollten, wie gegen jene, die etwa rassistische Auffassungen haben. Er nehme die Ulmer allerdings beim Wort – sofern sie für die Freiheit kämpften, sei das eine gute Sache.

Woher stammt eigentlich die Tradition des Fechtens? Die Studenten trugen damals Waffen, weil sie es dem Adel gleich tun wollten, erklärte Huber. Für das Fechten hätten schon damals strenge Regeln gegolten, nur gleichrangige Gegner traten gegeneinander an. Stets war eine Art Schiedsrichter dabei, außerdem ein Arzt, um mögliche Verletzungen sofort zu behandeln. Jatzke bezeichnete die Mensur als ein „zusammenhaltstiftendes Ereignis“, beim Fechten lernten die jungen Männer, „dem Gegner mit ritterlichem Respekt zu begegnen“.

Nicht zuletzt sei die Landsmannschaft Ulmia eine Lebensgemeinschaft: Man bleibe lebenslang miteinander und mit der Universität verbunden, erklärte Andreas Lederer, Vorsitzender des Altherrenverbands. Die Ulmia sei liberaler als manch andere Verbindung, so Huber. Die Liebe zum „Vaterland“ spielt gleichwohl eine wichtige Rolle: „Wir sind nicht rechtsradikal, wir sind national“, sagte Huber. Frauen können der Ulmia nach wie vor nicht beitreten.

Häufig wird an Verbindungen kritisiert, dass ihre Mitglieder sich gegenseitig Posten in Wirtschaft und Politik zuschöben. „Netzwerke gibt es überall. Wenn man sich kennt, bevorzugt man sich natürlich“, zeigte sich Lederer von dem Vorwurf unbeeindruckt. Er glaube indes nicht, dass inkompetente Leute lediglich durch Beziehungen an bestimmte Jobs kämen.

Begonnen hatten die Feierlichkeiten am Freitag mit einer Totenehrung im Foyer des Museums. Huber erinnerte an die Bundesbrüder, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind: „Blüte – Kulturträger – Elite – Verweht! Vergessen!“ Viele Bundesbrüder hätten seinerzeit „in selbstverständlicher Pflichterfüllung und Treue ihrem Vaterland gedient“. Krieg habe stets zwei Seiten: einerseits „Brutalität, Tod, sinnlose Zerstörung“, andererseits bringe er „Taten antiker Einmaligkeit“ hervor, steigere „Kraft im Leid, Bewährung ins Unfassliche“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sei der „millionenfache Opfertod“ der Deutschen beschmutzt worden. Viele deutsche Soldaten hätten „Anstand und Tapferkeit“ gezeigt, Gewaltexzesse habe es auf allen Seiten gegeben. Was auch immer die Motive der „gefallenen Bundesbrüder“ gewesen sein mögen – „Die millionenfache Bewährung kameradschaftlicher Verbundenheit auf Leben und Tod, die menschliche Haltung im unentwirrbaren Geflecht von Pflicht und Verantwortung“ sei die Grundlage ihres „Opfertods“ gewesen.

Zum Abschluss des Festkommers am Freitag sangen die Bundesbrüder die deutsche Nationalhymne. Bis vor wenigen Jahren wurde das komplette Deutschlandlied gesungen – „Warum auch nicht“?, so die rhetorische Frage Hubers. Dennoch: Nachdem es im Jahr 2000 einen öffentlichen Skandal gegeben hatte, wurde lange diskutiert und schließlich beschlossen, die umstrittene erste Strophe nicht mehr zu singen, so Lederer.

Das offizielle Programm am Freitag endete für die meisten mit einem Fackellauf zum Ulmerhaus. Günther Oettinger wollte noch andernorts einkehren, musste aber auf ein Bier im Boulanger verzichten. Kellner Marius Ritter verwies den ehemaligen Ministerpräsidenten der Kneipe: „Im Wichs gibt’s nichts.“ Die Jubiläumsfeierlichkeiten gingen am Samstag weiter mit einem Festball im Museum. Für Sonntag wurde zum „Abtrunk und Familienfest auf dem Ulmerhaus“ eingeladen, wo der Männerbund bis in die Morgenstunden feuchtfröhlich feierte.

Die selbsternannte Elite: national und liberal
„Eine moderne Korporation“: Bundesbrüder der Landsmannschaft Ulmia und Delegierte anderer Verbindungen singen die deutsche Nationalhymne.

Die selbsternannte Elite: national und liberal
EU-Kommissar Günther Oettinger im Gespräch mit Bundesbrüdern.

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07.07.2015, 12:00 Uhr

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