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Der Dschihad-Pendler

Die unglaubliche Bewegungsfreiheit des Terroristen Abdelhamid Abaaoud

Kooperation inexistent: Der Fall des Dschihadisten Abaaoud ist ein Debakel der europäischen Geheimdienste. Obwohl er als gefährlich bekannt war, reiste er unerkannt durch Europa. Wie konnte das passieren?

21.11.2015
  • PETER HEUSCH

Er muss sich bombensicher gefühlt haben. Abdelhamid Abaaoud, einer der Drahtzieher der Pariser Anschläge, tourte zum Zeitpunkt der Attentate als Schwarzfahrer mit der Metro durch Frankreichs Hauptstadt. Bilder einer Überwachungskamera zeigen ihn im Vorort Montreuil in der Station Croix de Chavaux. Sie liegt auf der Linie 9, von ihr aus ist die Station Saint-Ambroise in der Nähe des Bataclan auf direktem Weg in knapp 13 Fahrminuten zu erreichen. Auf den Aufzeichnungen ist zu erkennen, wie der Islamist über ein Drehkreuz der Ticket-Kontrollsperren springt.

Mittlerweile steht fest, dass sich Abaaoud, der seit Monaten ganz oben auf belgischen und französischen Fahndungslisten stand, trotz der schon vor den Attentaten in Frankreich geltenden höchsten Alarmstufe, ungestört im Großraum Paris bewegte. Und nicht nur das. Offenbar bereitete es dem mit internationalem Haftbefehl gesuchten Dschihadisten auch keine großen Schwierigkeiten, munter zwischen Syrien und verschiedenen Ländern Europas hin- und herzureisen.

"Wir wissen nach wie vor kaum etwas über Abaaouds Pendelbewegungen zwischen Europa und dem Nahen Osten", gibt man in Pariser Ermittlerkreisen zu. Obwohl der Terrorist mindestens drei Mal in Europa war, nachdem er sich Anfang 2013 aus Belgien nach Syrien abgesetzt hatte, konnte bislang keine einzige seine Reiserouten zweifelsfrei nachgezeichnet werden. Selbst die Vermutung, dass er Personenkontrollen an den EU-Außengrenzen oder auf Flughäfen nur mit gefälschten Papieren unerkannt passieren konnte, ist nicht mehr als eine "naheliegende Annahme".

Erst am Montag nach den Anschlägen sollen die französischen Sicherheitsbehörden von einem "außereuropäischen Geheimdienst" die "gesicherte Information" erhalten haben, dass sich Abaaoud im September in Griechenland aufhielt. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit der Ankunft jenes nach wie vor nicht identifizierten Attentäters in Griechenland, der sich vor dem Stade de France in die Luft sprengte. Bei der Leiche des Mannes wurden syrische Ausweispapiere gefunden, mit denen er am 3. Oktober in Griechenland registriert wurde.

Bezeichnenderweise erhielten Frankreichs Terroristenjäger auch einen der entscheidenden Hinweise auf den Aufenthaltsort von Abaaoud im Pariser Vorort Saint-Denis nicht von europäischen sondern von marokkanischen Kollegen. Nachdem der Islamist in einer Wohnung in Saint-Denis getötet worden war, in der gestern eine weitere Leiche gefunden wurde - offenbar eine Cousine Abaaouds - klagte Innenminister Bernard Cazeneuve öffentlich darüber, dass keine Informationen aus EU-Staaten zum Fahndungserfolg beigetragen hätten.

Fraglos lastet die Tatsache, dass seine Dienste die Anschläge vom 13. November nicht vereiteln konnten, schwer auf Cazeneuve. Doch wenn er nun die mangelnde Kooperation zwischen Europas Diensten anprangert, ist das mehr als der wohlfeile Versuch, einen Teil der Verantwortung von sich abzuwälzen. Es bedarf gar nicht des haarsträubenden Falls Abaaoud, um zu belegen, dass Europas Geheimdienste lieber gegen- als miteinander arbeiten. Das unterstreichen schon allein die jüngsten Abhöraffären "unter Freunden".

Richtig ist, dass kein Geheimdienst die Kultur des Informationsaustauschs in den Genen trägt, sondern das genaue Gegenteil. Wenn vertrauliche Informationen vertraulich bleiben sollen, muss ihr Besitz auf einen möglichst kleinen Personenkreis beschränkt werden - eine Grundregel jedes Agenten. In Wirklichkeit gibt es daher auch gar keine dieses Wort verdienende Kooperation zwischen den europäischen Diensten, sondern bestenfalls eine Zusammenarbeit von Fall zu Fall. Jeder Dienst handelt gemäß der Interessen seines Landes und die sind, auch in Europa, selten identisch mit denen des Nachbarstaates. Die große Ausnahme ist - eigentlich - die Abwehr des Islamistenterrors.

Die unglaubliche Bewegungsfreiheit des Terroristen Abdelhamid Abaaoud
In den Trümmern dieser Wohnung im Pariser Vorort Saint-Denis fand man drei Leichen - darunter die von Abdelhamid Abaaoud. Foto: dpa

Die unglaubliche Bewegungsfreiheit des Terroristen Abdelhamid Abaaoud
Aus Europa nach Syrien und zurück: Terrorist Abdelhamid Abaaoud. Foto: dpa

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21.11.2015, 12:00 Uhr

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