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Berufsverbot

Die verbotenen Lehrer

Das Wort klingt nach düsterer Zeit, nach totalitärem Staat, nach weit weg und nach längst gewesen. „Berufsverbot“ bringen vor allem junge Leute spontan jedenfalls nicht mit den siebziger Jahren des vergangenen, geschweige denn mit dem aktuellen Jahrhundert in Verbindung. Tatsächlich aber war es 1972, als Willy Brandt den Radikalenerlass in Kraft setzte, ein Gesetz, das angebliche Verfassungsuntreue vom öffentlichen Dienst ausschließen sollte. Und aus 2003 datiert der Fall des Michael Csaszkóczys, eines Heidelberger Lehrers, dem seine Tätigkeit als solchem verboten wurde.

14.07.2012
  • Moritz Siebert

Wenn vom Verfassungsschutz Erkenntnisse vorlägen, so rechtfertigte sich das Kultusministerium, bestünde Handlungsbedarf. Für Betroffene zwei Reizwörter: Erkenntnisse entbehren einer juristischen Grundlage – und ohne solche seien in den siebziger Jahren unzählige, vor allem Lehrer, vom Staatsdienst ausgeschlossen worden. Über den Verfassungsschutz, der mit der Aufgabe betraut ist, ebendiese „Erkenntnisse“ zu liefern, sagt Wolfgang Kohla, Kaiserhallen-Wirt und verbotener Lehrer: „Weg mit diesem Schlapphutverein!“ Etwas diplomatischer drückt es FDP-Stadtrat Hagen Kluck aus, in dieser Zeit gegen Berufsverbote aktiv: „Wenn der Verfassungsschutz sich nicht an die Verfassung hält, dann ist das unerträglich.“

Anlässlich des vor 40 Jahren verfügten Radikalenerlasses hatten Verdi, Rosa-Luxemburg-Stiftung und franz. K am Donnerstag zu Podiumsdiskussion und Informationsabend eingeladen. Zu Unrecht vom Berufsverbot Betroffene organisieren sich seit einiger Zeit, fordern Entschädigung und wollen auf das dunkle Kapitel aufmerksam machen, das offensichtlich nicht im Bewusstsein der (vor allem jüngeren) Bevölkerung ist. Nur knapp 30 Gäste waren gekommen.

Neben Kohla war als Betroffener der Reutlinger Lehrer Hans Schäfer sowie der Freiburger Anwalt Udo Kauß, wie Kluck ein Aktivist gegen Berufsverbote, zur Diskussion eingeladen. Moderiert wurde der Abend vom Stuttgarter Journalisten Hermann G. Abmayr, dessen Dokumentarfilm zur Kommunistenverfolgung im Nachkriegsdeutschland im Vorfeld der Veranstaltung gezeigt wurde. Am Ende war es weniger eine Diskussion (ein konservatives Gegengewicht hätte das Gespräch vielleicht belebt) als vielmehr Aufklärung am Beispiel zweier Schicksale. Weil er Mitglied in der falschen Partei war (so die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes), wurde Hans Schäfer in den siebziger Jahren, noch bevor er verbeamtet werden konnte, vom Schuldienst ausgeschlossen. Erst in den neunziger Jahren bei einem Gespräch am Oberschulamt in Tübingen folgte die Rehabilitierung: „An Ihnen haben wir noch etwas gut zu machen.“ Danach war Schäfer wieder Lehrer. Angestellt, nicht verbeamtet.

Kohla, einst DKP-Mitglied, wurde 1975, erst nachdem Kollegen Unterschriften für ihn gesammelt hatten („damals ist man noch auf die Straße gegangen, wenn ein Genosse am Arsch war“), zum Referendariat zugelassen. Nach zwei Jahren Schuldienst wurde er aber entlassen: „Einmal Verfassungsfeind, immer Verfassungsfeind“, sagt er lächelnd. Schäfer und Kohla sind ihre Wege trotzdem gegangen. Vielen anderen, die damals Berufsverbot erhielten, sei das aber nicht gelungen.

Mit dem Radikalenerlass habe der Staat viel Potenzial kaputt gemacht, lautete das Fazit dieses Abends. „Menschen, die Wertvolles hätten leisten können“, drängte man in andere Tätigkeiten. Kohla etwa bekam nach seinem Berufsverbot zwei Angebote vom Arbeitsamt: Lastwagenfahrer oder Angestellter in einem Herrenmodegeschäft. Er entschied sich richtig, lehnte beides ab und eröffnete 1977 die Kaiserhalle. Dort könne er, resümiert der Wirt, seine pädagogischen Fähigkeiten auch manchmal anwenden. Ein zynisches Resümee.

Die verbotenen Lehrer

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14.07.2012, 12:00 Uhr

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